Herr Professor hat nicht viel Zeit, darum haben wir uns beim „Al Duello“ verabredet, einem Restaurant direkt in der Nähe seiner Universität, dessen Name daran erinnern soll, dass genau hier der geniale Unglücksrabe Michelangelo Merisi da Caravaggio einem gewissen Ranuccio Tomassoni im Jahr 1506 einen tödlichen Schwerthieb versetzte. Doch aus einem Wortgefecht im „Al Duello“ – Herr Professor sieht heute wieder etwas streitbar aus – wird nichts. Das Lokal ist geschlossen. Darum weichen wir einige verwinkelte Gässchen weiter in die Trattoria „La Tavernetta 48“ aus, wo ein kleiner Tisch im Freien wartet und uns die Bedienung gleich dazu überredet, eines der besonderen Antipasti des Hauses zu probieren: kleine, mit einer Sauce aus Sekt, Sahne und Kräutern gefüllte Tintenfischchen – und sofort stehen sie auf dem Tisch, als hätten sie nur auf uns gewartet.
Die Feststellung, dass die erste Enzyklika des Papstes ja wohl ein breites Echo fand, wischt mein Gegenüber mit der Bemerkung beiseite, dass man im Vatikan mal wieder lausige Übersetzungsarbeit geleistet hat. Herr Professor scheint wohl wieder die Haare in der Suppe gefunden zu haben. Er hat sich die englische Fassung von „Magnifica Humanitas“ genauer angeschaut, in der er die Originalfassung der Enzyklika vermutet, wo es in Nummer 107 heißt, dass es möglich sein müsse, über die auf die Künstliche Intelligenz anzuwendenden „ethical frameworks“ öffentlich zu diskutieren. In der deutschen Fassung dagegen sei an dieser Stelle nicht von den ethischen Rahmenbedingungen die Rede, sondern von einem „Ethikkodex“, was für Herrn Professor wieder typisch deutsch gedacht sei: alles in einen eisernen Kodex zu gießen, wobei es doch eher darum gehe, über Rahmenbedingungen zu diskutieren.
Was Ratzinger den Alliierten erklärte
Bei der Pasta, Spaghetti mit einem „sugo“ aus Knoblauch, Olivenöl, Peperoncini, Sardellen und Semmelbröseln, kommt er so richtig in Fahrt. Wie sei das denn nun mit dem gerechten Krieg? Auf der einen Seite spreche der Papst in Nummer 192 von der notwendigen Überwindung der „Theorie vom gerechten Krieg“, zum anderen halte er am „Recht auf legitime Verteidigung“ fest, wenn es „im engsten Sinne“ verstanden werde. Aber was seien denn, so fragt Herr Professor, die Kriterien für eine „legitime Verteidigung“? Eben die Lehre vom gerechten Krieg, wie sie der heilige Augustinus entwickelt habe! Und Herr Professor wäre nicht Herr Professor, wenn er dazu nicht ein kleines Textchen von Kardinal Joseph Ratzinger gefunden hätte, der am 4. Juni 2004 zur Landung der Alliierten in der Normandie erklärt haben soll: „Wenn es jemals in der Geschichte einen ,bellum iustum‘ gegeben hat, dann finden wir ihn hier, im Engagement der Alliierten, denn ihr Eingreifen wirkte sich in seinen Folgen auch zum Wohle derer aus, gegen deren Land der Krieg geführt wurde.“
Den Einwand, dass Papst Leo doch offensichtlich die gemeint habe, die ihre eigenen Militäraktionen immer als „gerechte“ Kriege verkaufen, will Herr Professor nicht gelten lassen. In der Sache müssten päpstliche Texte klar und logisch sein. Da gehe es um das Prinzip. Schließlich definiere auch der Katechismus der Katholischen Kirche, wann man durchaus von einem gerechten Krieg sprechen dürfe. Er sei mal sehr gespannt, wie man das „überwinden“ wolle. Die Pasta hat uns satt gemacht und wir gehen gleich über zu Rechnung und Kaffee. Zu meckern gab es an dem, was „Tavernetta 48“ uns aufgetischt hat, überhaupt gar nichts. Trotzdem gibt es auf der Zehn-Punkte-Skala einen Punkt Abzug: Auch wenn sie schon Tische und Stühle auf das Kopfsteinpflaster stellen, dann sollen sie auch dafür sorgen, dass sie nicht so fürchterlich wackeln.
Die Trattoria „La Tavernetta 48“ liegt in der Nähe der Piazza Navona in der Via Degli Spagnoli, Hausnummer 48.
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