„Schlaf gut, mein Täubchen“, sagte Opa. Er drückte Emma noch einen Kuss auf die Stirn und wandte sich zur Tür. „Warte, Opa!“, rief Emma. „Kannst du mir bitte noch die Mira geben?“ Opa wusste, dass Emma zum Einschlafen ihre Puppe wollte. Also beugte er sich über das Puppenhaus, konnte Mira aber nirgends finden. „Wo ist sie denn?“ Opa suchte auf Emmas Schreibtisch, schaute in die Spielecke, hob ihre Kleider hoch … „Mira hat sich wohl versteckt“, meinte er und zuckte die Achseln. Emma richtete sich auf: „Das gibt’s doch nicht! Kannst du mal den Jonas fragen?“ Opa runzelte die Stirn: „Lieber nicht; der schläft schon. Leg dich wieder hin, Emma; morgen finden wir sie bestimmt.“ Emma seufzte: „Meine arme Mira!“
Mira war wirklich eine arme Puppe. Ihr Stoff war schon ein wenig ausgeblichen, ein Auge saß schief, und eine Naht am Arm war längst aufgegangen. Aber Emma liebte Mira über alles; für sie war die Puppe perfekt. So schlief sie in dieser Nacht nur unruhig, weil sie immer an Mira denken musste: Ohne die Puppe konnte sie sich das Leben nicht vorstellen. Sie drehte sich hin und her und manchmal weinte sie ein bisschen. Wenn es nur bald wieder hell würde, dachte sie … aber die Nacht dauerte ewig. Als es endlich zu dämmern begann, sprang sie aus dem Bett, rannte auf den Flur und klopfte an Jonas’ Tür.
„Was’n los?“, hörte sie ihren Bruder brummen. „Jonas, entschuldige bitte, aber hast du die Mira genommen?“ „Ob ich was genommen hab?“ Emma öffnete die Tür einen Spalt: „Mira! Sag mir, wo du sie hingetan hast!“ „Deine kaputte Puppe … was sollte ich mit der anfangen?“ Jonas drehte sich zur Wand: „Lass mich schlafen!“ Emma spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog und gegen ihren Hals schlug. Da hörte sie Mama im Badezimmer. Emma rannte los: „Mama!“, rief sie atemlos. Mama stand am Waschbecken und wrang gerade vorsichtig eine winzige Latzhose aus. Emmas Augen wurden groß. „Das ist doch … das ist doch Miras Hose!“
Sie sah sich hektisch um. „Wo ist Mira? Was hast du mit ihr gemacht?“ In ihrer Stimme lag Angst. Da drehte sich Mama zu ihr um: „Ganz ruhig, Emma! Ich habe Mira nicht weggenommen. Schau mal.“ Sie griff nach einem Handtuch, das auf der Heizung lag, und schlug es vorsichtig zurück. Dort lag Mira. Aber sie sah anders aus: Ihr Arm war wieder fest angenäht, das schiefe Auge saß gerade, und der Stoff wirkte sauber und frisch. Mira sah aus, als hätte sie neue Kraft bekommen.
Emma hielt den Atem an. „Mira?!“ Vorsichtig nahm sie die Puppe in die Arme. „Du bist ja wieder ganz … und wie neu!“ Mama lächelte. „Ich habe sie gestern Abend gefunden. Sie war wirklich sehr kaputt. Also habe ich sie genäht und repariert. Und ihre Kleidung habe ich gewaschen.“ Emma drückte Mira fest an sich. „Danke, Mama!“ Schnell zog sie Mira die noch leicht feuchte Latzhose wieder an und lachte: „Ich dachte schon, sie ist weg … für immer.“
Beim Frühstück saß Emma mit Mira auf dem Schoß am Tisch. Opa strich sich über den Bart und sah sie freundlich an. „Na, habt ihr Mira wiedergefunden?“, fragte er. Emma nickte: „Mama hat sie repariert! Ich dachte schon, sie ist weg … für immer. Aber Mira lebt!“ Opa lachte: „Dann ist das ja ein Osterfrühstück für dich!“ Emma blickte verwundert auf. Aber Jonas verstand sofort, was Opa meinte: „Na klar! Wie in der Geschichte mit Maria Magdalena! Die war auch traurig, weil sie dachte, dass Jesus tot und für immer weg ist.“
Opa nickte: „Er war wirklich tot. Deshalb hat Maria um ihn geweint und konnte sich nicht vorstellen, ihn je wiederzusehen.“ Emma hielt Mira ein Stückchen fester. „Und dann?“, fragte sie leise. Opa lächelte: „Dann ist sie ihm begegnet. Er war nicht weg. Er war auferstanden. Aus ihrem großen Kummer wurde auf einmal große Freude.“ Emma dachte einen Moment nach. „Und wer hat Jesus … lebendig gemacht?“ Jonas wusste es: „Na wer wohl? Gott natürlich! Nur Gott kann die Toten reparieren. Und wenn wir sie wiedersehen, sind sie schöner als je zuvor.“ Da mussten alle herzlich lachen.
Der Autor ist ständiger Diakon, Lehrer und Theologe und lebt mit seiner Frau und vier Kindern bei Landsberg am Lech.
Auflösung zum Bibel-Quiz:
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Wen trifft Maria in der Grabkammer? - Zwei Engel
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