Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kinderkatechese

Das Herz im silbernen Schrein

Maxi, Leni und Simon fahren zum bekanntesten Wallfahrtsort Deutschlands – Altötting. Komm doch mit auf Entdeckungsreise!
Illustration Winkler Altötting
Foto: Josefine Winkler | Seit vielen Jahrhunderten pilgern Menschen zur Schwarzen Madonna nach Altötting, um ihre Sorgen der himmlischen Mutter anzuvertrauen – ermutigt durch die vielen Berichte von Wundern, die ihr zugeschrieben werden.

Die Reifen des Wagens summten monoton auf dem Asphalt, während die Landschaft vor dem Fenster immer hügeliger wurde. Immer wieder sah man am Straßenrand Marterl und kleine Kapellen. Maxi und Leni drückten ihre Nasen an die Scheiben. Sie waren auf dem Weg nach Altötting.

Lesen Sie auch:

Cousin Simon saß in der Mitte. Er zeigte gerne, dass er mit seinen 14 Jahren schon der Große und Coole war. „Opa, erklär mir das logisch“, sagte er, ohne aufzusehen. „Wir fahren zwei Stunden, um eine Statue anzuschauen, die nur 65 Zentimeter groß ist? Und sie ist schwarz? Ist das Holz verbrannt?“

Opa schmunzelte und lenkte den Wagen Richtung Kapellplatz. „Die Farbe kommt vom Ruß der Millionen Kerzen, die dort seit mehr als 500 Jahren für Maria brennen, Simon. Aber die Menschen kommen nicht wegen der Farbe oder der Größe. Sie kommen, weil sie dort ihr Herz ablegen können. Man nennt Altötting das Herz Bayerns – und das hat einen ganz besonderen Grund.“ „Weil da die echten Herzen der Könige liegen?“, fragte Maxi aufgeregt. Er hatte davon in einem kleinen Reiseführer gelesen.

„Genau“, sagte Oma. „In silbernen Gefäßen stehen dort die Herzen der bayerischen Herrscher. Sie wollten nach ihrem Tod mit dem Wichtigsten, was sie hatten, ganz nah bei der Muttergottes sein. Aber heute besuchen wir das wichtigste Herz von Altötting: das Herz einer Mutter, die niemals Nein sagt.“

Als sie aus dem Wagen stiegen, empfing sie eine ganz besondere Atmosphäre. Der weite, helle Platz war gesäumt von vielen kleinen Devotionalienläden, in denen Rosenkränze und Kerzen im Schaufenster funkelten. Doch in der Mitte des Platzes stand die Gnadenkapelle – und sie war von einem dunklen Gang mit vielen Arkaden umgeben. Hier hingen tausende kleine Votivtafeln so dicht beieinander, dass man die Wand nicht mehr sehen konnte. Es waren Bilder, auf denen Menschen Maria für die Rettung aus schwerer Not dankten. Die Kapelle wirkte dadurch wie ein kostbarer Kern, der von den Gebeten und dem Dank der Jahrhunderte schützend eingehüllt war.

Bevor sie hineingingen, passierte etwas Seltsames. Sie sahen eine Gruppe von Männern, die auf ihren Schultern große, schwere Holzkreuze über den Platz trugen. Sie machten eine Wallfahrt zu Fuß, viele Kilometer weit. Simon beobachtete sie mit gerunzelter Stirn. „Warum tun die sich das an? Das ist doch übertrieben. Wir haben Autos!“

In den Arkaden trafen sie Pater Antonius, einen Kapuziner in brauner Kutte mit einem langen, weißen Bart. Er bemerkte Simons skeptischen Blick auf die Kreuzträger. „Es sieht schwer aus, nicht wahr?“, fragte Pater Antonius freundlich. „Aber weißt du, was oft viel schwerer ist als ein Balken aus Eichenholz? Die Sorgen, die ein Mensch mit sich herumschleppt. Krankheiten, Streit in der Familie oder die Angst vor der Zukunft.“

Er winkte Simon näher zu einer der vielen Dankestafeln. „Schau dir die Wände hier an“, sagte Pater Antonius und zeigte auf die unzähligen Bilder. „Die Menschen danken hier seit über 500 Jahren. Die berühmteste Geschichte geschah genau hier im Jahr 1489. Ein kleiner Junge war im Bach ertrunken. Seine Mutter vertraute so sehr auf die Hilfe Gottes, dass sie das Kind hierher brachte und betete – und der Junge schlug wieder die Augen auf. Das war der Funke, der das Feuer der Wallfahrt entzündet hat. Heute hängen hier Tafeln von Soldaten aus den Weltkriegen, von geheilten Kranken oder einfach von Familien, die danke sagen wollen.“
Leni hielt den Atem an. „Und deshalb kommen alle hierher?“

„Ja“, sagte Pater Antonius. „Aber das größte Wunder passiert oft ganz still. Wenn ein Mensch hierherkommt, sein schweres Herz bei Maria abgibt und mit einer tiefen Ruhe wieder nach Hause geht. Maria ist Mutter – sie hilft und tröstet.“

Die dunkle Gnade

Dann traten sie in die Gnadenkapelle. Es war eng, warm und duftete nach Bienenwachs. Viele Kerzen flackerten. Vorne im silbernen Altar stand sie: die Schwarze Madonna. Sie trug kostbare Gewänder, die vor Gold und Edelsteinen nur so funkelten. Ihr Gesicht war dunkel, fast geheimnisvoll, aber ihre Augen schienen jeden im Raum direkt anzusehen.

Maxi beobachtete einen alten Mann, der direkt vor ihnen kniete. Er hatte raue Arbeiterhände und weinte ganz leise. Er berührte mit seinen Fingern die silberne Platte der Kommunionbank. Simon, der sonst immer einen kessen Spruch auf den Lippen hatte, wurde plötzlich ganz still. Er schaute die Gläubigen nicht spöttisch an. Er beobachtete den Frieden, der sich langsam auf das Gesicht des weinenden Mannes legte. 

Als sie die Kapelle wieder verließen, blieb Simon unter den Arkaden stehen. Er holte ein Fünfzig-Cent-Stück aus der Tasche und steckte es in den Opferstock neben einer der Votivtafeln. Dann berührte er ganz vorsichtig mit seinen Fingerspitzen das glatte Holz der Kapellenwand, so wie er es bei den anderen Wallfahrern gesehen hatte. Er sagte kein Wort, aber seine Hand zitterte ein wenig. Es war, als hätte er in der dunklen Stille drinnen eine Antwort auf eine Frage gefunden, die er noch gar nicht gestellt hatte.

Auf dem Rückweg über den Platz kaufte Oma für jeden ein kleines „Altöttinger Lebkuchenherz“. Simon hängte sich seins um den Hals, ohne zu protestieren.

Ein neues Gefühl im Herzen

„Opa?“, fragte er leise und blickte zurück zur Kapelle. „Diese silbernen Gefäße drinnen ... Die Könige wollten wirklich, dass ihre Herzen dort bleiben, weil sie wussten, dass sie bei Maria sicher sind, oder?“ Opa nickte. „Sie wussten, dass bei Gott kein Herz verloren geht. Und sie wollten an dem Ort sein, an dem so viele Menschen Trost finden.“

„Ich glaube“, sagte Simon nachdenklich, „ich verstehe jetzt, warum die Statue schwarz ist. Sie hat so viel Dunkelheit von den Menschen aufgesogen – all die Sorgen, die hier seit Jahrhunderten abgegeben wurden. Aber sie strahlt trotzdem, weil das Gold und das Silber drumherum viel stärker sind.“
Maxi und Leni sahen Simon staunend an. Der Zweifler klang plötzlich wie ein kleiner Philosoph.

Als sie zum Auto zurückkehrten, läuteten die Glocken der Stiftskirche. Der Klang war so tief und mächtig, dass man ihn im ganzen Körper spüren konnte.
„Wir haben heute zwar keine Kreuze getragen“, sagte Leni und biss in ihren Lebkuchen. „Aber ich fühle mich irgendwie leichter.“

Lesen Sie auch:

„Das ist das Geheimnis von Altötting“, sagte Oma und drückte Leni fest an sich. „Man lässt seine Sorgen da und nimmt etwas viel Kostbareres mit nach Hause.“
Simon schaute noch einmal zurück. Er begriff, dass es Orte gibt, die man nicht mit Logik erklären kann, sondern nur mit dem Herzen. Und als sie aus der Stadt hinausfuhren, fühlte sich der Wagen gar nicht mehr wie ein gewöhnliches Auto an, sondern wie ein kleines Schiff, das nach einem Besuch im sichersten Hafen der Welt wieder in See stach.


Der Autor ist Mitglied der Ordensgemeinschaft der Servi Jesu et Mariae und ist als Seelsorger in der Familien- und Jugendarbeit tätig.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachricht

Themen & Autoren
Martin Linner Jesus Christus Kapuziner Seelsorgerinnen und Seelsorger Wallfahrtsorte

Weitere Artikel

Heute erfahren Jonas und Emma, was „Hosanna“ heißt. Die Auflösung des Bibel-Quiz aus der Print-Ausgabe der „Tagespost“ findet ihr am Ende des Evangeliums-Impulses.
25.03.2026, 05 Uhr
Martin Linner
Eine Reise nach Loreto führt Maxi und Leni zum Geheimnis des fliegenden Hauses – und an den Ort, an dem Gott Mensch wurde.
22.03.2026, 11 Uhr
Martin Linner

Kirche

Beten, suchen, klopfen —und dann? Der sogenannte Rogate-Sonntag lädt zu einer Betrachtung über das Beten ein. Auch alle, die längst zu wissen glauben, wie das geht.
10.05.2026, 08 Uhr
Dorothea Schmidt
Der Christ lebt anders: Er hat Hoffnung, er hat Zukunft, schreibt Erzbischof Georg Gänswein. Diese Hoffnung kommt aus dem Glauben, der den Weg der Liebe weist.
09.05.2026, 21 Uhr
Georg Gänswein
Update der Priesterausbildung in Deutschland: Die Bischöfe setzen mit der überarbeiteten Rahmenordnung neue Akzente und dulden blinde Flecken.
09.05.2026, 11 Uhr
Helmut Hoping
Die erste Spanienreise des Pontifex könnte zu einer transatlantischen Lehrstunde für Washington werden.
09.05.2026, 17 Uhr
Regina Einig
Der US-Außenminister wird von Leo XIV. in Privataudienz empfangen. Die verbalen Attacken von Donald Trump gegen den Pontifex finden in den anschließenden Mitteilungen keine Erwähnung.
08.05.2026, 08 Uhr
Maximilian Lutz