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Das Volk als „Ethnos“ – ist das unchristlich?

Die Bischofskonferenz legt nahe: Wer bei „Volk“ an Abstammung denkt, ist rechtsextrem. Was sagt die Lehre? Hier die Argumente im Pro & Contra.
Aufkleber zur Wendezeit
Foto: imago / Werner Schulze | Zur Wendezeit ein beliebter Slogan: "Wir sind ein Volk". Doch was heißt das, ein Volk zu sein? Auch aus christlich-sozialethischer Sicht lassen sich dazu unterschiedliche Standpunkte einnehmen.

Die Erklärung der deutschen Bischöfe „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“ ist wegen ihrer expliziten Festlegung, die AfD sei „nicht wählbar“, breit rezipiert worden. Die Bischöfe schreiben auch, es sei unchristlich und völkisch, das „Volk“ als „Ethnos“ zu denken. Doch ist das so? Widerspricht es der katholischen Lehre, sich unter „Volk“ eine Gemeinschaft ethnisch oder kulturell Ähnlicher vorzustellen? Ja, schreibt Peter Schallenberg. Nein, schreibt Axel Bernd Kunze.


Pro: Abstammung ist kein Kriterium

Ja, diese Vorstellung vom Volk widerspricht tatsächlich der Lehre, weil nach katholischer Auffassung erstens der Begriff Volk zunächst und grundsätzlich die gesamte Menschheit umfasst, also ein inklusiver und kein exklusiver Begriff ist: Zum Volk der Menschheit gehört, wer Mensch ist, ohne Ansehen der ethnischen oder kulturellen Merkmale. Das ist von entscheidender Bedeutung zum Beispiel für den absolut geltenden Lebensschutz von der Empfängnis bis zum Sterben. Volk der Menschheit umfasst also grundsätzlich jeden Menschen ohne jede Ausgrenzung, und jeder Mensch besitzt absolut die gleiche unantastbare Würde und die absolut geltenden Grundrechte. Christlich gesprochen: Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes kraft seiner von Gott geschenkten unsterblichen Seele, und damit Teil des Volkes der Menschheit.

Zweitens meint Volk nach katholischer Lehre das Volk Gottes, also diejenigen Menschen, die im auserwählten Volk Israel des Ersten Testaments und sodann im auserwählten Volk der Kirche des Zweiten Testaments den Ruf Gottes zur Heiligkeit hören und annehmen. Das geschieht allerdings im Volk Israel tatsächlich durch ethnische Zugehörigkeit zu den Nachkommen der zwölf Stämme Israels, dann aber im neuen Bund und der durch Christus gestifteten Kirche ganz unabhängig von Abstammung oder Kultur: Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes und damit zugleich Ziel der Berufung Gottes zur Heiligkeit. Das verwirklicht sich durch Mission und Evangelisierung: „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen!“ (1. Tim 2, 4) Welcher Wahrheit? Nicht etwa der Wahrheit einer ethnischen Abstammung oder eines kulturell geprägten Zusammenlebens, sondern der Wahrheit des eigenen, von Gott geliebten Lebens. Und das gilt wiederum absolut für jeden Menschen und bildet die Grundlage jeder Kultur. Hier entscheidet sich dann, ob etwas Kultur oder Unkultur ist: Jede echte menschengerechte Kultur – bei Augustinus „civitas“ genannt, von wo unser Begriff der Zivilisation und des zivilisierten Verhaltens stammt – baut auf der Menschenwürde und den Menschenrechten auf.

Gott kennt weder Zeit noch Blut noch Abstammung noch Nation

Drittens also meint Volk in der Tat auch eine bestimmte Kultur, man kann das „Leitkultur“ nennen, kann es in Deutschland auch „Verfassungspatriotismus“ nennen auf der Grundlage von Artikel 1 GG: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Jedes Menschen. Für völkischen Nationalismus ist hier kein Raum. Daher betonen die deutschen Bischöfe zu Recht in ihrer Erklärung „Völkischer Nationalismus und Christentum sind unvereinbar“ vom 22. Februar: „Der Rechtsextremismus behauptet die Existenz von Völkern, die angeblich in ihrem ,Wesen‘ und in den kulturellen Lebensgestalten scharf von den anderen Völkern abgegrenzt werden können. Man spricht von ,natürlichen‘ und ,künstlichen‘ Nationen. Das Volk ist für diese Ideologie eine Abstammungs-, letztlich eine Blutsgemeinschaft.“

Das ist aus katholischer Sicht tatsächlich Unsinn, oder korrekter: überholtes Heidentum, denn Abstammung und Blut sind für Gott und seine Berufung zur Heiligkeit und zur Ewigkeit überhaupt keine Kriterien; schon die Erinnerung an den Johannesprolog beweist das: „Denen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“ (Joh 1, 12-13) Zugespitzt formuliert und in Anlehnung an Augustinus: Gott kennt weder Zeit noch Blut noch Abstammung noch Nation. Daher schlussfolgern die Bischöfe in ihrer Erklärung: „Völkischer Nationalismus ist mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar.“ Warum? Weil Menschen dann grundsätzlich unterschiedlich behandelt werden aufgrund von ethnischer Herkunft und völkischer Abstammung. Das aber ist menschenverachtend.

Viertens aber ist es nicht menschenverachtend, sondern ganz im Gegenteil wichtig für ein friedliches und menschenwürdiges gesellschaftliches Zusammenleben, sich Gedanken über die gemeinsame Kultur zu machen, in der dann kulturell ähnliche Menschen leben: Grundrechte, Freiheitsrechte, auch Grundpflichten (der Solidarität), Gleichberechtigung von Mann und Frau. Eine solche Kultur ist in Europa aus biblischer Religion und griechischer Philosophie entstanden, gebündelt in der Aufklärung, und es ist nicht extrem – schon gar nicht rechtsextrem – auf die großen Vorzüge dieser Kultur mit den zentralen Prinzipien der Personalität und der Individualität aufmerksam zu machen, und in einem Staat zu erwarten und zu verlangen, dass ein Zusammenleben sich nach den Maßstäben dieser Kultur entfaltet. Staaten und Nationen sind aus katholischer Sicht vorläufige Gehhilfen auf dem Weg zur Ewigkeit zur Sicherstellung der Grundrechte jedes Menschen: Ist das Ziel erreicht, braucht es diese Hilfen nicht mehr. Jetzt aber stehen sie im Dienst an der Entfaltung jedes Menschen zum Gottesebenbild, nicht mehr und nicht weniger. Plustern sich diese Hilfen ungebührlich auf, wird es extrem – und auf Dauer gefährlich.

Peter Schallenberg ist Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Paderborn und Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.


Contra: Notwendige moralische Gemeinschaft

Die Erklärung der deutschen Bischöfe konstruiert einen Gegensatz zwischen Volk qua einender Tradition, Kultur und Sprache sowie Staatsvolk qua Willensbekundung, der an der Verfassungswirklichkeit vorbeigeht. Überzeugende ethische Urteilsbildung muss damit beginnen, den Sachstand differenziert zu erfassen. Das deutsche Staatsvolk ist niemals mit den Bewohnern eines bestimmten Territoriums identisch gewesen. Daran hält Artikel 116 des Grundgesetzes fest. Deutscher ist man durch Abstammung oder Einbürgerung. Allerdings wird seit den 1990er Jahren versucht, das Abstammungsrecht zurückzudrängen. Auf diese Linie ist jetzt auch die Bischofskonferenz deutlich eingeschwenkt. Sozialethisch überzeugt das nicht.

Wo historische Kontinuitäten verdrängt werden, müssen Vorstellungen gegen eine Realität verteidigt werden, die sich letztlich doch als wirkmächtiger erweist als wir uns eingestehen wollen. Die vorliegende Erklärung wird Bistümer und Gemeinden politisch spalten. Wo der Extremismusverdacht im Raum steht, müssen Volk und Nation zwangsläufig bedrohlich erscheinen. Doch nationale Identität lässt sich nicht einfach verabschieden, aus gutem Grund. Verantwortung muss konkret werden. Sie muss ausgehandelt, organisiert und abgesichert werden. Auch Willensnationen kennen die Staatsbürgerschaft als geregelten Zugang zu staatlichen Leistungen.

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Wirksame Verantwortung wurzelt in konkreten Beziehungen einer Schicksals- und Solidargemeinschaft, die trägt und sich in die Pflicht nehmen lässt, und zwar gerade in Krisenzeiten. Freiheit braucht verlässliche, vertrauenswürdige staatliche Institutionen. Diese werden brüchig, wenn wir die kulturellen Grundlagen unseres Zusammenlebens kleinreden. Diese sind nicht abstrakt fassbar, sondern politisch-geschichtlich gewachsen.

Das Volk – so sagt es das Kompendium der Soziallehre der Kirche – kennzeichnet eine „Gemeinsamkeit des Lebens und der Werte, die eine spirituelle und moralische Gemeinschaft stiftet“. Die Enzyklika Pacem in terris verweist in Artikel 19 darauf, dass unser Zusammenleben mehr ist als ein rechtliches Konstrukt. Wirtschaftliche Produktivität, sozialer Zusammenhalt, kulturelle Vitalität und politische Stabilität gründen in geistig-moralischen Werten. Und diese müssen in einer konkreten Gemeinschaft gepflegt werden. Bürgersinn und Solidarität stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung.

Das Volk bildet sich aus Abstammung und Einbürgerung

Die Bischöfe zeichnen ein Zerrbild, wenn sie suggerieren, Volk meine immer etwas kulturell Homogenes. Ein Volk bildet sich, wie schon gesagt, aus Abstammung und Einbürgerung. Aber auch echte Einwanderungsländer kennen aus gutem Grund keine Anspruchseinbürgerung. Die Zuerkennung der Staatsbürgerschaft bleibt eine kriteriengeleitete Ermessensentscheidung, wenn die geistig-moralischen Grundlagen des Staates nicht erodieren sollen. Dieser Debatte verweigern sich die Bischöfe.

Gemeinsame Traditionen und Werte sind zentrale Grundlagen eines freiheitlichen Zusammenlebens und einer stabilen politischen Ordnung, notwendig sowohl für die Förderung der Personwerte als auch die Sicherung des Gemeinwohls. Pius XII. wusste angesichts der Totalitarismen in seiner Weihnachtsansprache 1944: „Die politische Gemeinschaft findet in der Bezogenheit auf das Volk ihre eigentliche Dimension: […] Das Volk ist keine amorphe Menge, eine träge Masse, die manipuliert und instrumentalisiert werden kann, sondern eine Gesamtheit von Personen, von denen jede einzelne […] die Möglichkeit hat, sich über die öffentliche Sache eine eigene Meinung zu bilden, und die Freiheit, ihr eigenes politisches Empfinden zum Ausdruck zu bringen und es so zur Geltung zu bringen, wie es dem Gemeinwohl entspricht.“

Die katholische Ethik hat die Menschenrechte in ihr Staatsdenken korporiert, zu Recht. Eine stabile menschenrechtliche Ordnung bleibt aber auf ein lebendiges gesellschaftliches Ethos angewiesen, welches das Recht allein nicht sichern kann. Es bleibt das deutsche Volk, das sich „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ zu diesen bekennt.

Axel Bernd Kunze ist Sozial- und Bildungsethiker und lehrt als Privatdozent an der Universität Bonn. Beruflich ist er außerdem als Schulleiter tätig.

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