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Vatikan zu übernatürlichen Phänomenen: „Große Fülle geistlicher Früchte“

Normen zu übernatürlichen Erscheinungen: Rom erlaubt den Kult, hält sich bei der Bestätigung der „Echtheit“ der Phänomene zurück.
Spiegelung des Seherkindes Francisco von Fatima
Foto: Mathias Marx / imagetrust via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Spiegelung des Seherkindes Francisco im katholischen Wallfahrtsort in Fatima.

Rom hat neue Vorschriften zu angeblichen übernatürlichen Phänomenen erlassen. Die auffälligste Neuerung ist, dass sich von nun an in der Regel weder der Ortsbischof noch der Vatikan zum übernatürlichen Charakter einer Erscheinung oder eines ähnlichen Ereignisses äußern und sich stattdessen nur noch darauf beschränken sollen, Andachten und Wallfahrten zu genehmigen und zu fördern. Es sei denn, der Papst entscheide anders.

Die „Normen für das Verfahren zu Beurteilung mutmaßlicher Übernatürlicher Phänomene“, so der offizielle Titel des am Freitag vorgestellten Dokuments, betonen ausdrücklich die zentrale Rolle des Dikasteriums für die Glaubenslehre bei der Behandlung dieser Fälle. Bekräftigt wird nochmals, dass die Gläubigen gemäß der Tradition nicht verpflichtet seien, an diese Phänomene zu glauben, auch wenn sie „anerkannt“ seien. Das neue Dokument herausgegeben hat das Dikasterium für die Glaubenslehre, nachdem es von Papst Franziskus genehmigt worden war, und wird am kommenden Sonntag, dem Pfingstsonntag, in Kraft treten. 

Fernández verweist auf Licht und Schattenseiten

In seinen einleitenden Erklärungen hob Kardinalpräfekt Victor Manuel Fernández hervor, dass mutmaßlich übernatürliche Phänomene wie Marienerscheinungen in vielen Fällen „eine große Fülle geistlicher Früchte, ein Wachstum im Glauben, in der Frömmigkeit, in der Brüderlichkeit und des Dienens hervorgerufen haben und in einigen Fällen verschiedene, über die ganze Welt verstreute Heiligtümer entstehen ließen, die heute zum Kern der Volksfrömmigkeit vieler Völker gehören“.

Andererseits bestünde aber auch die Möglichkeit, dass es „in einigen Fällen von Ereignissen angeblich übernatürlichen Ursprungs“ zu „sehr ernster Kritik zum Schaden der Gläubigen“ komme. Der Kardinal verwies auf Fälle, in denen man angeblich übernatürliche Phänomene für „Gewinn, Macht, Ruhm, soziale Berühmtheit, persönliches Interesse“ nutze, ja sogar so weit gehe, und das sei „besonders schwerwiegend“, „Herrschaft über Menschen ausübt oder Missbrauch betreibt“.

Darüber hinaus könne es zu „lehrmäßigen Irrtümern, einem unangemessenen Reduktionismus bei der Verkündigung der Botschaft des Evangeliums und zur Verbreitung eines sektiererischen Geistes“ kommen. Sodann könne es Fälle geben, in denen die Gläubigen zu Anhängern eines Ereignisses gemacht würden, „das einer göttlichen Initiative zugeschrieben wird“, das aber nur die Frucht von Phantasie, Mythomanie oder der Neigung zur Verfälschung sei.

Nur der Papst kann "Übernatürlichkeit" erklären

Den neuen Normen zufolge sei die Kirche in der Lage zu erkennen, „ob es möglich ist, in Phänomenen angeblich übernatürlichen Ursprungs das Vorhandensein von Zeichen göttlichen Handelns zu erkennen“. Allerdings sei „in der Regel keine positive Anerkennung des göttlichen Ursprungs angeblicher übernatürlicher Phänomene durch die kirchliche Autorität zu erwarten“. In der Regel werden daher „weder der Diözesanbischof, noch die Bischofskonferenzen, noch das Dikasterium erklären, dass die Phänomene übernatürlichen Ursprungs sind, und nur der Heilige Vater kann ein solches Vorgehen genehmigen".

Im vorangegangenen Dokument zu diesem Thema, das auf das Pontifikat von Paul VI. zurückgeht (die alten Normen wurden 1978 angenommen und 2011 veröffentlicht), konnte das endgültige Urteil der Kirche positiv („constat de supernaturalitate“) oder negativ („non constat de supernaturalitate“) ausfallen. Stattdessen wird nun festgelegt, dass es am Ende der Unterscheidung sechs Arten von Urteilen gibt. Ein insgesamt positives („Nihil Obstat“), drei grundsätzlich positive, aber mit zu beachtenden Vorsichtsmaßnahmen verbundene („Prae oculis habeatur“, „Curatur“ und „Sub mandato“) und zwei negative („Prohibetur et obstruatur“, „Declaratio de non supernaturalitate“). In der Praxis werde also in unwiderlegbar negativen Fällen die „Nichtübernatürlichkeit“ des Phänomens erklärt. 

Sofern nicht ausdrücklich vom Papst angeordnet, wird hingegen keine „Übernatürlichkeit“ erklärt, sondern allenfalls ein „nulla osta“ (nichts spricht dagegen), um Andachten und Wallfahrten zu fördern. Diese Urteile werden vom Ortsbischof gefällt, nachdem er vom Dikasterium grünes Licht erhalten hat. Das Dikasterium für die Glaubenslehre könne auch „motu proprio“, aus eigenem Antrieb intervenieren. Zu den Verfahren, die bei dieser Entscheidung zu beachten seien, halten die neuen Normen fest, dass es dem Bischof obliege, die Fälle zu prüfen und sie dem Dikasterium zur Genehmigung vorzulegen. Der betreffende Prälat werde gebeten, keine öffentlichen Erklärungen über die Echtheit oder Übernatürlichkeit abzugeben, und darauf zu achten, dass keine Verwirrung entstehe und keine Sensationslust geschürt werde. Falls die gesammelten Elemente als „ausreichend erscheinen“, setzt der Bischof eine Untersuchungskommission ein, der mindestens ein Theologe, ein Kanonist und ein aufgrund der Art des Phänomens ausgewählter Experte angehören.

Fernández-Wortwahl sorgt für Eklat

In den neuen Normen wird erklärt, dass zu den positiven Kriterien „die Glaubwürdigkeit und der gute Ruf der Personen gehören, die behaupten, Adressaten übernatürlicher Ereignisse zu sein“, sowie „die lehrmäßige Rechtgläubigkeit des Phänomens und jeder damit verbundenen Botschaft“. Zu den Negativkriterien gehörten „das Vorhandensein eines offensichtlichen Irrtums in Bezug auf das Ereignis, möglicher Irrtümer in der Lehre..., ein sektiererischer Geist..., ein offensichtliches Streben nach Profit, Macht, Ruhm, sozialer Berühmtheit, persönliche Interessen, die eng mit dem Ereignis verbunden sind, schwerwiegende unmoralische Handlungen..., psychische Veränderungen oder psychopathische Tendenzen bei der Person, die einen Einfluss auf das angebliche übernatürliche Ereignis ausgeübt haben könnte, oder Psychosen, kollektive Hysterie“ oder andere pathologische Elemente. Schließlich wird festgestellt, dass der Bischof unabhängig von der endgültigen Entscheidung „die Pflicht hat, das Phänomen und die beteiligten Personen weiter zu beobachten“.

Während der Pressekonferenz zur Vorstellung der neuen Normen wies Kardinal Fernandez darauf hin, dass die Untersuchung der Kirche in Bezug auf die Erscheinungen in Medjugorje, wie in anderen Fällen auch, „nicht abgeschlossen ist, aber mit diesen Normen glauben wir, dass es einfacher ist, zu einer umsichtigen Schlussfolgerung zu kommen“. Dass Kardinal Fernández in einer seiner Antworten auf Journalistenfragen im Zusammenhang mit unwürdigen „Sehern“ das Schimpfwort „cazzate“ (bullshit) verwandte, sorgte in den italienischen Medien für ein gewisses Aufsehen. Niemand kann sich daran erinnern, dass es jemals bei der Präsentation von Vatikandokumenten zu dieser Wortwahl kam.


Der Autor ist seit über 30 Jahren Vatikanberichterstatter und arbeitet in Rom.

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26.04.2024, 09 Uhr
Sascha Vetterle

Kirche