Der US-amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke hat sich ausführlich zum Wesen und zur Mitte der Liturgie geäußert. In einem Interview mit dem Sender „K-TV“, das seit Sonntagabend auf dessen Youtube-Kanal abrufbar ist, betont der 77-Jährige, dass die Liturgie wesentlich christozentrisch und vertikal sei. Sie richte sich in erster Linie auf Gott und nicht auf Selbstausdruck, Gemeinschaftserlebnis oder Unterhaltung.
Zwar versammelten sich die Gläubigen als Brüder und Schwestern in Christus, doch der eigentliche Mittelpunkt bleibe Christus selbst, der in der Liturgie handelt. Wahre „tätige Teilnahme“ bedeute vor allem innere Sammlung, Anbetung und die Vereinigung des Herzens mit dem Opfer Christi, so Burke, der von 2003 bis 2008 Erzbischof von St. Louis war und von 2008 bis 2014 als Präfekt der Apostolischen Signatur fungierte.
Heilige Liturgie als höchster öffentlicher Gottesdienst der Kirche
In Anlehnung an „Sacrosanctum Concilium“, die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, beschreibt Burke in dem Interview mit dem Titel „Das Geheimnis der heiligen Messe“ die heilige Liturgie als höchsten öffentlichen Gottesdienst der Kirche und als „Handlung Gottes“. Es gehe „um Christus selbst, der zur Rechten des Vaters aufgefahren ist und in Herrlichkeit zur Rechten des Vaters sitzt“. Die Heilige Messe sei der „höchste Akt der Liebe Gottes zu uns“, denn Christus „steigt herab auf die Altäre unserer Kapellen und Kirchen, um auf sakramentale Weise sein Opfer auf Golgatha zu vergegenwärtigen.“
Zugleich erläutert Burke den Unterschied zwischen dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften und dem geweihten Priestertum. Alle Getauften seien „insofern priesterlich, als sie berufen sind, Gott Verehrung darzubringen“. Der geweihte Priester hingegen handle in besonderer Weise „in persona Christi“ und bringe das Messopfer stellvertretend für die Kirche dar. Die Gläubigen nähmen daran teil, indem sie sich innerlich mit Christus vereinten – nach dem Vorbild Mariens unter dem Kreuz.
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die mystische Dimension der Liturgie. In ihr begegneten sich Himmel und Erde; bei jeder Messe sei die ganze Kirche gegenwärtig: die triumphierende Kirche der Heiligen, die leidende Kirche der Seelen im Fegefeuer – „die auf die Gnade und die Verdienste Christi angewiesen sind, welche in der heiligen Messe vergegenwärtigt werden“ – und die streitende Kirche auf Erden. Die Liturgie erscheint so als Ort, an dem die sichtbare Feier und die unsichtbare Wirklichkeit des Heils ineinandergreifen.
Burke: Tradition bedeutet nicht Rückwärtsgewandtheit
Besonders eindringlich spricht Burke über den älteren römischen Ritus, den „Usus antiquior“: „Man kann die heilige Messe heute in ihrer neueren Form nicht verstehen, ohne die ältere Form des römischen Ritus gut zu kennen.“ In ihr sieht er eine besonders dichte Ausdrucksform des katholischen Glaubens, in der Opfercharakter, Ehrfurcht und Gottesbezogenheit der Messe klar hervortreten. Elemente wie die Stille des Kanons, die gemeinsame Ausrichtung auf Gott, häufige Kniebeugen, die sakrale Sprache des Lateins, der gregorianische Choral und der kniende Kommunionempfang vertieften das Bewusstsein für die reale Gegenwart Christi.“
Tradition bedeute dabei keine Rückwärtsgewandtheit, sondern lebendige Weitergabe dessen, was die Kirche empfangen hat. Der ältere Ritus vermittle „die göttliche Realität, die hier auf Erden für uns gegenwärtig ist“. Gerade deshalb könne ein so kostbarer Schatz nicht verlorengehen. Über Jahrhunderte hinweg seien Heilige, Märtyrer und unzählige Gläubige durch diesen Ritus geprägt und geistlich genährt worden.
Kritisch äußert sich Burke über liturgische Fehlentwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, insofern diese die Messe zu stark vermenschlicht und die Gläubigen vom eigentlichen Geschehen abgelenkt hätten. Umso bemerkenswerter sei es für ihn, dass heute viele junge Menschen zur Kirche und zur heiligen Messe zurückkehrten – und sich dabei häufig gerade von der älteren Form des römischen Ritus angezogen fühlten. Der Grund dafür sei einfach: Der Mensch suche in der Liturgie nicht Unterhaltung, sondern Gott.
Wer sich von der traditionellen Liturgie angezogen fühle, solle deshalb nicht resignieren, sondern seine Bischöfe beharrlich bitten, diesen Schatz zugänglich zu machen – und dabei „nicht mutlos werden oder sich von der Kirche abwenden“.
Das Interview ist im Mai auch im linearen Fernsehprogramm von K-TV zu sehen.
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