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Von TikTok zur Kirchenpforte

Während die Zahlen sinken, steigt die Hoffnung: Junge Menschen fühlen sich zum Glauben hingezogen. Die Attraktion ist keine pastorale Zielgruppenarbeit, sondern die Sehnsucht nach Gott.
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Foto: privat | Foto Bernhard Meuser Tagesposting Foto: privat

Wieder einmal wurden die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen veröffentlicht. Wie nicht anders zu erwarten, ging die Kurve weiter nach unten. Die beste Zusammenfassung der laufenden Ereignisse fand ich bei Peter Winnemöller: „Grob gesagt, geht in Deutschland, einem kulturell christlich geprägten Land, weniger als jeder fünfzigste Einwohner am Sonntag in einen christlichen Gottesdienst. Für Katholiken ist dieser Besuch der Heiligen Messe eine religiöse Pflicht, der sich fast 95 Prozent der Getauften entziehen.“ Feinere Sensoren als die Statistik nehmen allerdings auch wahr, dass sich langsam auch bei uns eine neue Offenheit unter jungen Menschen für „das Katholische“ ereignet – in seltsamer Parallelität zum keineswegs gebrochenen, beinharten Säkularisierungstrend. 

Still verharrten die Widerständigen

Die da, von TikTok kommend, an den Kirchenpforten anklopfen, gebärden sich merkwürdig unkorrekt. Kein Pastoralplan hat sie erreicht, kein zielgruppengerechtes Heranrobben sie herbeigelockt, kein niederschwelliges Angebot sie nachdenklich gemacht. Wenn sie fragen: „Was muss man tun, um katholisch zu sein?“, ignorieren sie ungefähr alles, womit sich die Kirche in den letzten Jahrzehnten locker und spaßoffen machen wollte. Sie treibt – so erzählen es Seelsorger – die innere Leere vor das Gerücht, es könne größter Anstrengungen wert sein, Gott zu finden. Und so interessieren sie sich gerade nicht für das Preisreduzierte und für ihre „Moderne“ suchenden Anbieter. Sie entdecken den stillen Widerstand derer, die den Verwüstungen standhalten, die einen Rosenkranz in der Tasche haben, Kerzen vor der Muttergottes anzünden, Kniebeugen vor einem goldenen Häuschen machen, stundenlang in (vom bürgerlichen Christentum verlassenen) Kirchen ausharren. Was ist der Preis für Mystik? Was kostet es, sich festzumachen im Ewigen? Und wenn es – wie man nicht nur in Frankreich sieht – die Taufe kostet, um das ewige Leben zu gewinnen, dann studieren sie Bibel und Katechismus und lassen sich – zum Schrecken ihrer aufgeklärten Eltern – taufen. 

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 Schon Blaise Pascal (1623–1662) hatte in seinen „Pensées“ einen eigenen Begriff von den praktischen Hilfsmitteln, die unbeleckte Zeitgenossen den Transfer ins volle Christentum erleichtern: „Sie möchten zum Glauben gelangen und wissen den Weg nicht? Sie möchten vom Unglauben geheilt werden und bitten um die Arznei? Lernen Sie von denen, die wie Sie gebunden waren … Handeln Sie so, wie diese begonnen haben: nämlich zu tun, als ob sie glaubten, Weihwasser zu nehmen, Messen lesen zu lassen usw. Das wird Sie auf natürliche Art glauben machen …“ Vielleicht haben wir nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil einen entscheidenden Fehler gemacht, als von so vielen Kanzeln verkündet wurde, die Sonntagspflicht müsse durch eine Sonntagslust ersetzt werden, man könne auch ohne Kniebänke Gott Ehrfurcht erzeigen, vor dem Kommunionempfang solle man gut frühstücken, Mundkommunion sei unhygienisch, Arbeit sei schon Beten genug, Gott sei kein Erbsenzähler und kenne unsere Sünden auch ohne die Beichte. Wie schön, dass es „ungehorsame“ Christen gab, an denen die Jungen jetzt andocken können. 

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