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Eine Minute Beten

Die deutschsprachige Pilgerseelsorge in Santiago de Compostela stimmt mit einem Rundgang auf Jakobus ein.
Rundgang auf dem Jakobus
Foto: IMAGO/Romy Arroyo Fernandez | Kathedrale von Santiago. An einer Stelle in der Fassade musiziert König David.

Jakobus erwartet euch voller Freude – das steckt als Kerngedanke hinter der Kathedrale von Santiago de Compostela. Die stille Botschaft richtet sich an alle Ankömmlinge, ob sie wochenlang als Fußpilger auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen oder auf bequeme Art angereist sind. Wer das himmelstürmende Bauwerk umrundet, verlangsamt den Schritt, bleibt stehen, lässt eine Fülle an Symbolik und Bildern auf sich einwirken. Die deutschsprachige Pilgerseelsorge hilft, die Aussagen zu entschlüsseln und versteckte Impulse zu deuten: bei einem spirituellen Rundgang, während der Hauptpilgersaison zwischen Mitte Mai und Ende Oktober täglich um 18 Uhr. Treffpunkt ist das Nordportal, die Teilnahme kostenlos, eine Anmeldung nicht erforderlich.

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Für Marie-Luise Hildebrand steht fest: „Dies ist eine total freundlich gestaltete Kirche. Hier gibt es keine grausigen Darstellungen, hier zeigt sich der menschenfreundliche Gott.“ Hildebrand (70) zählt zum ehrenamtlichen Team der Pilgerseelsorge, das sich im Turnus von zwei Wochen abwechselt; Motoren des Angebots sind die Diözese Rottenburg-Stuttgart und das Katholische Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Heute hat Hildebrand, eine pensionierte Pastoralreferentin aus Oberschwaben, den geistlichen Rundgang übernommen. Sieben Teilnehmer hören gespannt zu.

Die Allegorie des Glaubens lässt tiefer blicken

Die Nordseite der Kathedrale bekommen die Pilger auf dem Weg durch Santiagos Altstadt zuerst zu Gesicht. Hier läuft der Jakobsweg vorbei. Künstlerisch allzu ausgefeilt wirkt das Portal nicht, doch auf einem steinernen Podest zieht eine Dame die Blicke auf sich. In ihrer Linken hält sie ein Kreuz, in der Rechten hoch erhoben einen Kelch. Die Augen sind verbunden. Es handelt sich um eine allegorische Figur des Glaubens; auf Spanisch ist der Glaube, „la fe“, ein weibliches Substantiv.

In seinem Buch „Ankommen und erwartet werden“, das im Raum der Pilgerseelsorge im Pilgerzentrum ausliegt, umreißt Wolfgang Schneller die Darstellung: „Glauben, ohne zu sehen? Blind vertrauen? Wir erinnern uns an das tiefsinnige Wort Jesu an Thomas, der den Auferstandenen erst selbst sehen und berühren will, bevor er glaubt: ‚Selig, die nicht sehen und doch glauben‘ (Joh 20, 29).“ Seelsorgerin Hildebrand ergänzt: „Glaube hat viel mit Hingabe zu tun. Es ist nichts, was man mit den Augen sehen kann. Man sieht es mit dem Herzen.“

Barmherzigkeit unter dem Lumpenkreuz

Tritt man ein Stück zurück vom Nordportal, schaut man auf einen Ausschnitt der Türmelandschaft der Kathedrale – und entdeckt ein schmales Bronzekreuz auf den unteren Dachbereichen. Es ist das sogenannte Lumpenkreuz. Dort verbrannte man einst die verschmutzte, verlauste Kleidung armer Pilger. Diese wurden, so Autor Schneller, über eine Außentreppe auf das Dach der Kathedrale geführt, gewaschen, versorgt und von einer Bruderschaft neu eingekleidet. Schneller weiter: „Hier hat man schlicht praktiziert, was zu den leiblichen Werken der Barmherzigkeit gehört: Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden (vgl. Mt 25, 34–40).“ Es sei mehr als sinnfällig, schreibt der renommierte Santiago-Kenner, dass sich das Bild des Lumpenkreuzes auf den einzelnen Beichtstühlen im Innern der Kathedrale wiederfinde: „Auch sie sollen ja Orte der Barmherzigkeit und des Neuwerdens sein.“

„Nun geht es von einem Platz der Lebenden zum Platz der Toten“, sagt Seelsorgerin Hildebrand auf der Treppe abwärts von der Nord- zur Ostseite der Kathedrale. Dort befand sich vormals ein Friedhof. Dort stößt auch der Zugang zur Heiligen Pforte, der Puerta Santa, an, die in heiligen Jakobusjahren offen steht – immer dann, wenn das Apostelfest, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt, demnächst wieder 2027. Umrahmt ist der Zugang zur Heiligen Pforte von paarweise angeordneten Skulpturen, 24 biblischen Figuren, die vermutlich der Werkstatt des Meisters Mateo vom Ende des 12. Jahrhunderts entstammen und ursprünglich zum romanischen Chor gehörten. Darüber lenkt Expertin Hildebrand den Blick auf einen gütig lächelnden Jakobus, der die Pilger begrüßt. Flankiert wird er von seinen Jüngern Theodorus und Athanasius, die laut Legende den Leichnam des enthaupteten Apostels in einem Boot vom Heiligen Land in den Nordwesten Spaniens überführten.

Ziel der Pilgerfahrt ist das Leben mit Christus

Ein paar Schritte weiter steht man vor dem Uhrturm, wo hoch oben das Zifferblatt nur einen einzigen Zeiger trägt, den Stundenanzeiger. Seelsorgerin Hildebrand interpretiert das als Zeichen für den Umgang mit der Zeit von Jakobspilgern: „Mach, dass du zu deinem Tempo kommst.“ Dann berichtet sie von der Entschleunigung, die viele Menschen auf dem Jakobsweg praktizieren. 
Ums Eck des Uhrturms liegt das Südportal, das älteste der Kathedrale. Dieses detailverliebte Meisterwerk setzt sich aus einer Vielzahl an Skulpturen und Reliefs zusammen. Kleiner Blickfang in der Mitte ist das Christusmonogramm, bei dem sich die übliche Anordnung ins Gegenteil verkehrt: nicht Christus Anfang und Ende, also Alpha links und Omega rechts, sondern Omega und Alpha, das Ende als Neuanfang. Das hat seine Erklärung.

In der Broschüre „Die Botschaft der Kathedrale entdecken“, die die deutschsprachige Pilgerseelsorge an Interessierte verteilt, liest man dazu: „Jeder Pilger, der hier ankommt, hat sich von ‚irgendwo‘ aufgemacht zum Ziel – vom Alpha zum Omega. Hier in Santiago de Compostela, am Omega, ist der Weg des Pilgers jedoch nicht zu Ende. Jeder Pilger spürt: Es geht weiter.“ Santiago begreift man als Ort der Umkehr, als Wendepunkt. „Aber“, so heißt es ein paar Zeilen später, „um meinen Weg wirklich vollenden zu können, darf ich das mir geschenkte Leben leben, bereichert um meine Wegerfahrungen. Ich darf es, wenn ich will, mit Christus leben, um ‚irgendwann‘ zu ihm, zum Alpha heimzukehren.“

Empfangen von König David

Bleiben wir draußen vor dem Südportal, durch das man die Kathedrale betritt. Seelsorgerin Hildebrand deutet auf die Szene der Erschaffung von Adam und Eva: „Beide sind auf gleicher Höhe und ebenbürtig. Göttliche Würde ist ihnen gegeben. Gott liebt den Menschen, den er als sein Ebenbild erschaffen hat: Du bist geliebt von Anfang an.“ Feine Bildhauerwerke sind überdies der musizierende König David unten links und Engel mit Posaunen zwischen den beiden Bogenfeldern. Weiter oben genießt Jakobus, der die Ankömmlinge abermals willkommen heißt, eine Vorzugsposition direkt an der Seite Christi. Unterhalb des Südportals führt eine breite Freitreppe hinab zum Pferdebrunnen und Pilgermuseum.

Letzte Station: die nach Westen gerichtete Hauptfassade, ein Barockwerk, das die romanische Fassade mit dem Glorienportal von Meister Mateo verdeckt und schützt. Auf dem weiten Vorplatz, der Praza do Obradoiro, herrscht ständig Gewimmel. Gruppen folgen ihren Guides, Pilger legen ihre Rucksäcke ab und umarmen sich ergriffen.

Zwischen den majestätischen Türmen steht Jakobus in Pilgerpose in einer Großnische. Je nach Wetter zeichnet er sich vor dem Blauhimmel ab. Er trägt einen Stab, ein weites Gewand und einen breitkrempigen Hut mit einer daran befestigten Jakobsmuschel. Wenn die Steine reden könnten, würde der Apostel seinen Betrachtern vielleicht zurufen: „Kehrt mit dem Segen Gottes zurück in euren Alltag. Setzt euren Weg fort, den Weg des Lebens.“ Zum Abschluss händigt Seelsorgerin Hildebrand Kärtchen mit Anstößen für den inneren Weg aus, für Kurzbesinnungen: „Eine Minute Stille. Eine Minute Bitte. Eine Minute Dank. Eine Minute Beten für andere. Eine Minute Beten für mich.“


Der Autor ist Journalist und Buchautor und lebt in Nordspanien.

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