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Unchristliche Großwildjagd?

Du sollst nicht töten - Aber gilt das auch für Tiere? Ein Gespräch mit einer Artenschützerin über Großwildjagd in Afrika.
Breitmaulnashörner
Foto: Andreas Drouve | Gehören zu den "big five" der afrikanischen Großwildjagd, und sind dementsprechend beliebte Jagdtiere, gleichzeitig aber im Bestand bedroht: Nashörner.

Wie ist Jagdtourismus in Afrika mit dem christlichen Gedanken zur Bewahrung der Schöpfung vereinbar?

Überhaupt nicht. Leider hat sich der Gedanke der Bewahrung der Schöpfung bei der Christianisierung von Teilen Afrikas weniger durchgesetzt als die Vorstellung, sich die Erde untertan zu machen. Dies hat der Auffassung, Tiere ausschließlich als Ressource zu betrachten, die für den menschlichen Vorteil, heute unter anderem für finanziellen Gewinn, ausbeutbar sind, durchaus Vorschub geleistet. Damit hat man dem rein kapitalistischen Ansatz die Tür geöffnet, den die Jagdlobby propagiert: Tiere sind nur dann schützenswert, wenn ihnen ein monetärer Wert, zum Beispiel als Abschussgebühr, zugewiesen werden kann. Es ist überfällig, dass der Bewahrungsgedanke wieder mehr Gewicht bekommt und wir die Natur mit Demut behandeln. Wir sind nur ein kleines Rädchen in der Schöpfung – die Natur und ihre Bewohner können ohne uns, aber wir nicht ohne die Natur.

Doch der Jagdtourismus in Afrika floriert ungebrochen weiter. Ist es richtig, dass sich bei der Einfuhr von Trophäen legale Hintertüren öffnen?

Für Jagdtrophäen gibt es eine Ausnahmeregelung, die darauf fußt, dass Jagdtrophäen als persönliches Gut eingestuft werden. Das erlaubt den Ex- und Import solcher Trophäen und erhält den Jagdtourismus am Leben. Dies führt zu dem Paradox, dass wir im globalen Norden Millionen an Hilfsgeldern zur Verfügung stellen, um diese Arten auch für zukünftige Generationen zu schützen, und gleichzeitig lassen wir zu, dass Einzelpersonen diese Bemühungen ins Gegenteil verkehren, indem es ihnen erlaubt wird, diese Tiere zu schießen. Dabei geraten insbesondere die Individuen einer Population ins Visier, die besonders wichtig für den Arterhalt sind, sprich: gesund, gute genetische Ausstattung, reproduktiv aktiv. Gerade diese Tiere stellen meist die imposantesten Trophäen.

Von welcher Art Trophäen reden wir?

Trophäen können von Ganzkörperpräparaten bis zu einzelnen Körperteilen und daraus gefertigten Produkten alles sein, sofern der Jäger das Tier selbst geschossen hat. Das können Zebrafelle oder Leopardenköpfe sein. Wenn es eine besonders streng geschützte Art ist, benötigt man die Ausfuhrgenehmigung des Exportlandes sowie eine Einfuhrgenehmigung des Importlandes. Sind die Arten nicht ganz so streng geschützt, reicht die Ausfuhrgenehmigung. Kurz gesagt: Es geht alles, wenn man die Genehmigungen hat und das Geld für die Reise, Abschussgebühr, Transport- und Präparationskosten aufbringen kann.

Was ist mit Elefantenstoßzähnen?

Auch Elefantenstoßzähne sind kein Problem. Was natürlich total abstrus ist. Elfenbein unterliegt mit ganz wenigen Ausnahmen, beispielsweise für antike Instrumente und Museen, einem strikten Handelsverbot. Wenn man als normaler Tourist die kleinste Elfenbeinschnitzerei einführen wollte, wäre das illegal. Wenn man den Elefanten selbst geschossen hat, gelten die Stoßzähne als nicht-kommerzielles persönliches Gut und fallen unter die erwähnte Ausnahmeregelung für Jagdtrophäen. Dass die Vermarktung von Jagdreisen, die diesen Abschuss ja erst ermöglichen, eine ganze Spartenindustrie ist, also kommerziell durch und durch, fällt bei dieser Beurteilung offensichtlich nicht ins Gewicht.

„Der Kern des Jagdtourismus ist der Spaß an der Jagd und damit am Töten eines Tieres sowie die Erlangung eines Statussymbols – der Trophäe.“

Was fordern Sie von der Politik?

Die Bundesregierung sollte hier ganz dringend einen Riegel vorschieben. Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Trophäenimporteur weltweit. Daher kommt Deutschland auch eine besondere Verantwortung zu. Zwischen 2016 und 2023 wurden 4 904 Einfuhrvorgänge von Trophäen geschützter Arten vom Bundesamt für Naturschutz registriert, darunter 171 Einfuhren von Leoparden, 168 von Flusspferden, 166 von Elefanten, 137 von Löwen sowie 21 von Breit- und Spitzmaulnashörnern. Wir fordern ein Importverbot.

Jagdtourismus in Afrika dürfte vorrangig nur etwas für die Geldelite sein. Kennen Sie aktuelle Preise?

Ja, 20 000 bis 40 000 Euro für einen Elefanten, ab 20 000 Euro für einen Löwen in freier Wildbahn, ab 125 000 Euro für ein Spitzmaulnashorn. Diese Preise beziehen sich nur auf die Abschussgebühr. Sie enthalten keine Tagessätze, die mehrere hundert bis tausend Euro betragen, je nachdem, auf was gejagt wird. Und sind je nach Land unterschiedlich und hängen oft von der „Trophäenqualität“ ab, also der Größe der Tiere, der Stoßzähne, der Hörner, der Farbe der Mähne.

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Natürlich gibt es unter uns viele Fleischesser – und das, was daheim auf den Teller kommt, kommt aus dem Schlachthof. Doch wie würden Sie das biblische „Du sollst nicht töten“ auf Jagdtourismus in Afrika übertragen?

Ja, der überwiegende Teil des Fleischs auf unserem Teller kommt aus industrieller Tierhaltung. Im Vergleich dazu ist eine ordnungsgemäß durchgeführte Jagd für die Tiere sicherlich humaner. Allerdings geht es beim Jagdtourismus ja gar nicht um das Steak auf dem Teller. Das mag manchmal ein mehr oder weniger gern genommenes Nebenprodukt sein, sofern das Fleisch überhaupt essbar ist. Raubtierfleisch, beispielsweise von Löwen oder Leoparden, ist nicht genießbar und damit automatisch ein Abfallprodukt. Sondern der Kern des Jagdtourismus ist der Spaß an der Jagd und damit am Töten eines Tieres sowie die Erlangung eines Statussymbols – der Trophäe. Unser deutsches Tierschutzgesetz ist da eigentlich schon sehr progressiv und besagt, dass das Töten eines Tieres ohne vernünftigen Grund nicht zulässig ist. Daher halte ich es auch für äußerst problematisch, dass die Jagdlobby versucht, die Trennlinie zwischen Subsistenzjagd, also Jagd zum Nahrungserwerb, und Trophäenjagd aufzulösen. Gerade in der ethischen Betrachtung des „Du sollst nicht töten“-Gebots ist die Motivation der Jagdausübung der zentrale Aspekt.

Stellen wir uns mal den umgekehrten Fall vor: Welche Reaktionen würde das auslösen, wenn reiche Afrikaner nach Deutschland kämen und im Spessart oder im Bayerischen Wald durch die Gegend zögen und auf Trophäenjagd gingen?

Ich denke, es wäre ähnlich wie in den afrikanischen Ländern: Die, die davon profitieren, würden argumentieren, eine Hegejagd müsse sowieso durchgeführt werden, dann könne man dies finanziell gewinnbringend auch mit Trophäenjagd kombinieren. Zwar ist unser Rot- und Schwarzwild nicht im Bestand bedroht, aber letztendlich würden auch hier die großen, gesunden Tiere der Jagd zum Opfer fallen und das Prinzip der Hegejagd, also den Bestand gesund zu halten, konterkarieren. Bei der restlichen Bevölkerung würde es sicherlich wenig Anklang finden, wenn sich jagdwütige Touristen in unseren Wäldern austoben dürften, vor allem, wenn diese so viel jagdliche Erfahrung mitbringen, wie ein Teil der Jagdtouristen, die nach Afrika reisen – nämlich keine.

Mona Schweizer ist promovierte Biologin und arbeitet für die Artenschutzorganisation Pro Wildlife.

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