Richard Coudenhove-Kalergi

Richard Coudenhove-Kalergi: Der Entdecker Europas

Vor 100 Jahren formulierte Richard Coudenhove-Kalergi jene Vision, die einige Katastrophen später zur Einigung Europas führte. Der Paneuropa-Gründer selbst blieb ein privater Staatsmann.  
Richard Coudenhove-Kalergi
Foto: Illustration: Barbara Knievel, Paneuropa-Archiv | Richard Coudenhove-Kalergi, ein Visionär, der den politischen Wirrungen entschieden entgegentrat.

Im Ersten Weltkrieg ging das alte Europa unter. In der Stunde des Abschieds vom alten und des Aufstiegs eines neuen, unbekannten Europas erwacht im jungen Grafen Richard Coudenhove-Kalergi eine politische Leidenschaft. Er hatte erkannt, dass es die Nationalismen der europäischen Völker gewesen waren, die in das schreckliche Morden des Ersten Weltkriegs geführt hatten. Nun hoffte er, dass durch US-Präsident Wilson und den Völkerbund ein neues Zeitalter anbrechen würde, das die Ideologie des Nationalismus überwindet. Umso enttäuschter war Coudenhove-Kalergi als er feststellte, dass jene Ideologie triumphierte und Europa fest in ihren Klauen hielt, die bereits zum Weltkrieg geführt hatte: der Nationalismus.

Seine Leidenschaft war eigentlich die Philosophie, nicht die Politik

Coudenhove-Kalergi wurde nicht politisch aktiv, weil er eine innere Leidenschaft für Politik gehabt hätte oder weil Zeiten des Umbruchs für neue Köpfe, Programme und Parteien günstig sind. Seine Leidenschaft galt der Philosophie; sein Berufsziel war eine Professur für Philosophie in Wien. Er strebte Zeit seines Lebens nie ein Abgeordnetenmandat oder Ministeramt oder eine andere staatlich dotierte politische Position an.

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Was ihn politisch faszinierte, war eine Zukunftsvision; was ihn erschreckte, war die Einsicht in gegenwärtige Irrwege und drohende Verhängnisse; was ihn in die Pflicht nahm und zur Tat trieb, war sein Gewissen: "Wer die Gefahren, denen das zersplitterte Europa entgegengeht, nicht sieht, ist politisch blind; wer aber diese Gefahren sieht und dennoch nichts tut, um sie abzuwenden, ist ein Verräter und Verbrecher an Europa."

Diener der eigenen Idee

Weil er sich nicht der Politik, sondern der Philosophie widmen wollte, versuchte er nicht, seine Vision zu einer politischen Karriere zu nutzen, sondern wollte sie einem Staatsmann schenken. Dabei dachte er zuerst an den tschechoslowakischen Präsidenten Thomas Masaryk. Erst als dieser sich höflich, aber bestimmt dem Ansinnen, die Führung zu übernehmen, entzieht, entschließt sich Coudenhove-Kalergi zum persönlichen Engagement: "Nach meiner Unterredung mit Masaryk gab ich die Hoffnung auf eine paneuropäische Staatsaktion zunächst auf und entschloss mich, selbst die Initiative zu ergreifen." Für seine Persönlichkeit und sein Politikverständnis ist dies bezeichnend: Auch später versuchte er immer wieder, Staatsmänner dafür zu gewinnen, sich an die Spitze der europäischen Einigungsbewegung zu stellen.

Da war der französische Außenminister und Ministerpräsident Aristide Briand, den er 1930 zu einer Regierungsinitiative drängte. Während des Zweiten Weltkriegs appellierte er 1943 an General Charles de Gaulle: "Scharen Sie durch ein Europäisches Manifest die junge Generation unseres Kontinentes um sich! Werden Sie zum Vorkämpfer eines neuen Europa, wie Sie zum Vorkämpfer geworden sind eines neuen Frankreich! Vereinigen Sie das nationale Ideal mit dem europäischen   die Idee Frankreichs mit der Idee Europas!" Auch im Kontakt mit Winston Churchill wird deutlich, dass Coudenhove-Kalergi nicht an eine politische Karriere dachte, sondern sich als Diener der eigenen Idee verstand.

Prognose bewahrheitete sich

In seiner ersten politischen Publikation, dem Aufsatz "Paneuropa. Ein Vorschlag", erschienen im November 1922 in Wien und Berlin, stellt Coudenhove-Kalergi die Prognose auf: "Das kontinentale Europa von Portugal bis Polen wird sich entweder zu einem Überstaat zusammenschließen oder noch im Laufe dieses Jahrhunderts politisch, wirtschaftlich und kulturell zugrunde gehen."

Und er begründete 1922, was sich 1939 und 1945 bewahrheiten sollte: "Die militärische Lage eines zersplitterten Europa ist ebenso hoffnungslos wie die politische. Ein neuer Krieg zwischen europäischen Großstaaten hätte den unmittelbaren, irreparablen Ruin des Erdteils zur Folge. Indessen könnten einem Angriff des wiedererstarkten Russland weder die Miniaturstaaten der kleinen Entente widerstehen, noch das entwaffnete Deutschland, noch das isolierte Frankreich."

Versuch des Widerstands gegen zwei Bedrohungen

Von Anfang an war sein Paneuropa ein Gegenkonzept, ein Versuch des Widerstands gegen zwei Bedrohungen: gegen den ideologischen Nationalismus und gegen den imperialistischen Sowjet-Kommunismus. In seinem Buch "Pan-Europa" (1923) schrieb er über den drohenden Zukunftskrieg: "Europa befindet sich gegenwärtig auf dem Wege zu einem neuen Krieg ". Dieser werde die "Ausrottung der feindlichen Nation" zum Ziel haben, "über die Front hinweg gegen das Hinterland geführt werden" und den Ersten Weltkrieg "an Fürchterlichkeit und Grausamkeit übertreffen".

All dies trat ein. Zur zweiten, von Moskau ausgehenden Gefahr schrieb er: "Der Weltkrieg hat Europa nur geschwächt - der Zukunftskrieg würde ihm den Todesstoß geben.  Wie immer der europäische Zukunftskrieg enden mag, es wird nur eine Macht als Sieger aus ihm hervorgehen: Russland. Die Selbstvernichtung Europas bahnt der künftigen Invasion durch Russland den Weg".

Europa von außen und so als Einheit betrachten

Warum stemmte sich Coudenhove-Kalergi gegen die Ideologien seiner Zeit, die vielen seiner Zeitgenossen modern und fortschrittlich schienen? Als Sohn einer japanischen Mutter in Tokio geboren, verstand er es, Europa von außen und so als Einheit zu betrachten, als eine Kulturnation mit vielen Sprachen und Nationen. Als Sohn eines alt-österreichischen, vielsprachigen und weitgereisten, weltoffenen Grafen mit familiären Wurzeln in vielen Nationen sah er Europa als Heimat seiner Familie, als Lebensraum seiner Vorfahren.

Dazu kommt, dass sein Vater Heinrich auf Schloss Ronsperg im Böhmerwald eine multikulturelle, tolerante Oase der Weisheit inmitten einer Welt des Nationalismus schuf. Als Gesprächspartner seines Vaters erlebte der junge Richard Gelehrte aus aller Welt, Intellektuelle unterschiedlicher Sprache, Abstammung und Konfession.

Nation muss zur Privatsache jedes Menschen werden

Er reflektiert die hinter dem Nationalismus stehenden Ideologien und widerlegt sie. Er weist nach, dass die Definition der Nation als Blutsgemeinschaft "zu inneren Widersprüchen" führe, dass die europäischen Nationen "nicht Blutsgemeinschaften, sondern Geistesgemeinschaften" seien. Seine Konsequenz lautete: "Jeder Kulturmensch muss daran arbeiten, dass, wie heute die Religion, morgen die Nation zur Privatsache jedes Menschen wird.

Der Begriff des  Staatsvolkes  wird sich ebenso überleben wie der Begriff einer Staatskirche und dem Grundsatz weichen: die freie Nation im freien Staate. Denn die Nation ist ein Reich des Geistes und kann durch Grenzpfähle nicht begrenzt werden." Die Trennung von Nation und Staat ermögliche die dauerhafte, gerechte Lösung aller Grenzstreitigkeiten: "Dieser Weg heißt nicht Verschiebung, sondern Aufhebung der Grenzen!"

Religion in der Gestalt einer Partei

Coudenhove-Kalergi kannte keine friedliche Koexistenz mit dem roten wie dem braunen Totalitarismus: Die Hybris beider Ideologien durchschauend schrieb er in seiner Abrechnung mit dem Sowjet-System "Stalin & Co." (1931): "Der Kommunismus ist eine Religion in der Gestalt einer Partei. Die dritte Internationale ist eine Weltkirche. Die kommunistische Partei Russlands ist ein moderner Ritterorden. Russland ist ein Kirchenstaat.

Diese neue Religion hat ihre Bibel: das alte Testament von Marx und das neue Testament von Lenin. Sie hat ihren Papst, ihre Kardinäle und Kirchenväter, ihre Theologen, Konzilien und Ketzergerichte, ihren Index und ihre Inquisition, ihre Zeremonien und ihre Dogmen, ihre Missionare und ihre Märtyrer, ihren Kult, ihre Symbole und ihre Organisation. Sie hat ihre eigene Ethik, die befiehlt, für den neuen Glauben nicht nur zu leiden, sondern auch leiden zu machen; nicht nur zu sterben, sondern auch zu töten; mit allen Mitteln zu versuchen, das große Ziel zu erreichen: die ganze Welt der neuen Kirche und dem neuen Glauben zu unterwerfen."

Fanatische Führer à la Faschismus

Coudenhove-Kalergi sah in der Sowjetunion eine Lebensform heranreifen, die "der abendländischen Lebensform" völlig fremd sei; sah Führer agieren, die keine Narren seien, "sondern Fanatiker". Und er durchschaute die Verwandtschaft zwischen dem sowjetischen Kommunismus und jener nationalistischen Ideologie, die gemeinhin als Faschismus bezeichnet wird: "Kein Regierungssystem des Abendlandes ist dem Stalinismus so ähnlich wie der Faschismus."

Als Mann des Geistes, der an die Kraft von Ideen glaubt, lautet seine Überzeugung: "Nur im Zeichen der Freiheit kann Europa erfolgreich der großen Bewegung begegnen, die es im Zeichen der Gleichheit bedroht. Denn es gibt nur eine Macht, die eine große Idee bezwingen kann: eine größere Idee." An der Auseinandersetzung mit den Totalitarismen seiner Zeit wird Coudenhove-Kalergis eigenes Bild von Staat und Mensch deutlich.

Nein zur Staatsvergottung

Den "totalen Staat", den er in der Sowjetunion und in Nazi-Deutschland verwirklicht sah, entlarvte er in seinem 1937 erschienenen Buch "Totaler Staat - Totaler Mensch" als Ende des Rechtsstaats und der persönlichen Freiheit: "Der totale Staat betrachtet sich nicht so sehr als Vertreter der Einzelinteressen seiner Staatsbürger, wie als Hüter einer Mission, für die er bereit ist, nötigenfalls die Einzelinteressen seiner Staatsbürger zu opfern. Diese Staatsmission beruht in Russland auf dem Klassenideal, in Deutschland auf dem Rassenideal, in Italien auf den nationalen Ideal."

Sein Nein zur Staatsvergottung, die er als "verhängnisvollste Irrlehre unserer Zeit" bezeichnete, sein Nein zur Idee des Staates "als Kollektivwesen, als Übermensch, als Gott" entspringt seinem Verständnis vom Menschen. Gegen die Totalitarismen seiner Zeit insistierte er 1937: "Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Der Staat ist ein Geschöpf des Menschen. Darum ist der Staat um des Menschen willen da - und nicht der Mensch um des Staates willen. Der Wert eines Staates ist genau so groß wie sein Dienst am Menschen: soweit er der Entfaltung des Menschen dient, ist er gut   sobald er die Entfaltung des Menschen hemmt, ist er schlecht."

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