Zum Todestag Feuerbachs

Peter van Briel: Der Gottleugner belegt seine Thesen nicht

Feuerbach verzerrt die göttliche und menschliche Wirklichkeit, bis seine Behauptungen über die Projektion menschlicher Wünsche passen, meint der katholische Priester Peter van Briel.
Grabplatte von Ludwig Feuerbach
Foto: Jean Rodewald | "Feuerbach ist sich sicherlich nicht klar darüber, dass seine Projektionstheorie im Grunde alle Voraussetzungen hat, selbst zu einer Naturreligion zu werden", meint Peter van Briel.

Herr van Briel, Ludwig Feuerbach meint, so wie der Mensch denke und gesinnt sei, so ist auch sein Gott. Der Mensch bete daher letztlich nur sich selbst an. Was ist davon zu halten?

Ludwig Feuerbach steht als Philosoph, der allein schon durch seinen Ruf Ehrfurcht hervorruft, für ein Phänomen, das auch für heutige Philosophen und Theologen gilt: Hinter hochphilosophischen Gedanken stehen simple Annahmen, die banale Fehler enthalten. Man traut sich als einfacher Christ gar nicht, einem Philosophen dieser Fehler zu bezichtigen - wer bin ich schon, der sich so etwas anmaßt? Und doch weiß man: Der hat einfach nicht recht. Nicht zuletzt deshalb hat sich die Religionskritik Feuerbachs so lange gehalten. 

"Feuerbach setzt seiner ganzen Philosophie
die schlichte Annahme voraus, dass es keinen Gott gibt.
Diese grundlegende These belegt er nicht"

Um es konkret zu machen: Feuerbach setzt seiner ganzen Philosophie die schlichte Annahme voraus, dass es keinen Gott gibt. Diese grundlegende These belegt er nicht. Vielmehr bemüht er sich, die Religionen als eine Projektion zu entlarven, die sich der Mensch selbst gemacht hat- und beantwortet damit die Frage, warum es immer noch Religionen gibt, wenn doch (anscheinend) klar ist, dass Gott nicht existiert. Die Antwort ("Weil der Mensch seine Sehnsüchte und Ideale als Gott missversteht") leuchtet zwar ein, ist aber kein Argument, dass die Nicht-Existenz Gottes nahelegt.
Insofern hat Feuerbachs Vorgehen durchaus Ähnlichkeit mit modernen Verschwörungserzählungen: Sie klingen plausibel und haben einen hohen Erklärungswert, aber bei näherem Hinsehen sind sie austauschbar.

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Können die empirischen Beispiele, die Feuerbach zur Begründung seiner These anführt, etwa dass der griechische Charakter oder der der Naturvölker zu anderen Göttern führe, überhaupt etwas zu Verständnis der Religion beitragen?

Nein. Feuerbach übersieht, dass Naturreligionen und antike Mythologien keinen Anspruch erheben, sich mit dem wahrhaft Göttlichem und Ewigen auseinanderzusetzen. Sie reichern nur die irdische Wirklichkeit an mit Göttern, Halbgöttern, Fabelwesen und magischen Mechanismen. Das ist weder Religion im eigentlichen Sinne, noch irgendeine Transzendenz. Der Unterschied zwischen einer mythischen oder magischen Anreicherung dieser Welt und Religion liegt vor allem in der Antwort auf die Frage, wieso alles so ist, wie es ist - warum überhaupt etwas ist, und nicht vielmehr nichts. Darauf antwortet keine Mythologie. Und auch nicht die Projektionshypothese von Feuerbach.

Kann seine anthropologische Religionsphilosophie ohne die Annahme der Transzendenz einen Sinn haben?

Genau darin liegt der von jedem erkennbare einfache Trugschluss, der sich hinter einer anspruchsvollen Philosophie verbirgt: Das Unvollkommene können wir auf etwas Vollkommenes zurückführen - wenn Feuerbach aber das Vollkommene (als Projektion) aus dem Unvollkommenen ableiten will, entzieht er sich selbst die Grundlage, auf der er philosophiert.

Was ich damit meine: Wenn wir Christen behaupten, dass die Welt und in ihr die Menschen von Gott erschaffen wurden, erklären wir, warum die Welt ist, wie sie ist und welche Hoffnung sie haben kann. Wenn Feuerbach diesen Ursprung leugnet und umkehrt, scheint er zu erklären, warum die Religion und somit auch die ganze Transzendenz so ist wie sie ist. Die Frage, warum aber die Welt und in ihr der Mensch so ist - und warum er die Wünsche und Sehnsüchte hat, die angeblich zur Projektion einer göttlichen Wirklichkeit führen, kann Feuerbach nicht mehr beantworten. Ohne Transzendenz wird Feuerbachs Projektionshypothese schließlich selbst wieder zu einer verkopften Naturreligion, die sich die Frage nach dem Ursprung von allem nicht stellt. Und nicht beantworten kann.

Neben den anthropologischen Argumenten spart Feuerbach auch nicht an psychologischen. Er meint etwa, um Gott zu bereichern, müsse der Mensch arm werden, oder je mehr das Sinnliche verneint wird, "desto sinnlicher ist der Gott, dem das Sinnliche geopfert wird". Spricht hier nicht blanke Verachtung der Religion?

Es gehört zur Religionskritik von Feuerbach - und in dessen Nachfolge dann auch von Marx und Freud - dass die Religion in seine Theorie eingepasst werden muss. Das führt dazu, dass die christliche Wirklichkeit reduziert und verzerrt wird. Ob darin bewusste Verachtung oder vielleicht eher naive Unkenntnis der Religion bis hin zur bloßen Dummheit vorherrscht, überlasse ich den jeweiligen Biographen. Tatsache ist auf jeden Fall, dass der christliche Gott eben keine 1:1-Projektion menschlicher Sehnsucht ist.

Gott ist kein Gegensatz zum Menschen, sondern seinem Geschöpf wesensverwandt. Duns Scotus beschreibt den Menschen als Gott so ähnlich, dass der Unterschied letztlich nur noch in der Endlichkeit des Menschen und der Unendlichkeit Gottes besteht. Und doch ist Gott immer wieder überraschend, ganz anders und vom Menschen nicht erschöpfend beschreibbar.

"Feuerbach muss die göttliche und die irdische
Wirklichkeit so sehr verzerren, dass der Mensch
nur noch böse ist, damit Gott in seiner Güte
der Projektionshypothese entspricht"

Feuerbach dagegen muss die göttliche und die irdische Wirklichkeit so sehr verzerren, dass der Mensch nur noch böse ist, damit Gott in seiner Güte der Projektionshypothese entspricht. Und da es sich um eine nichtige Projektion handelt, spricht Feuerbach dem Menschen alles ab, was er Gott gibt.
In der christlichen Wirklichkeit jedoch schenkt Gott ohne zu nehmen - und wer Gott gibt, wird selbst unendlich reich.

Der Mensch als das bloß Negative wird also bei Feuerbach nur in das Christentum hineinprojiziert...

Das ist so. Damit die Religionskritik passt, muss man die zu kritisierende Religion nur entsprechend verzerrt darstellen. Auch damit hat Feuerbach zwar begonnen, wurde aber von vielen Religionskritikern gerne kopiert. Nehmen wir zum Beispiel Freud, der in der Religion nur die gedachte Gegenwart eines vollkommenen Vaters sieht, weil der Mensch in Wirklichkeit entdeckt, dass sein menschlicher Vater nicht dem Vollkommenheitsideal entspricht. Das klingt plausibel für alle, die nicht religiös aufgewachsen sind. Richtige psychologische Erkenntnis ist jedoch, dass Menschen in einer Phase großen Vertrauens religiöser sind - mit einem menschlichen Vertrauensverlust dagegen auch das religiöse Desinteresse steigt. Religion ist also kein Ersatz für enttäuschte menschliche Ideale, sondern Grund dafür, weiter an diesen Idealen festzuhalten.

Auch die Theologie wird von Feuerbach angegriffen, weil sie die ursprünglich "harmlose Scheidung Gottes vom Menschen zu einer absichtlichen, ausstudierten Scheidung" mache. Klingt aus der "harmlosen Scheidung" Feuerbachs Faible für die Naturreligion heraus?

Unbewusst ja. Feuerbach ist sich sicherlich nicht klar darüber, dass seine Projektionstheorie im Grunde alle Voraussetzungen hat, selbst zu einer Naturreligion zu werden. Dass an der "Entartung" der christlichen Religion (also die angebliche Einführung einer echten Transzendenz) die Theologie schuld ist, hat Feuerbach richtig erkannt. Aber genau das ist bis heute die Aufgabe der Theologie: Die Wahrung einer echten Transzendenz. Die Jenseitigkeit und Unverfügbarkeit Gottes immer wieder davon zu befreien, menschlichen Bedürfnissen zu Diensten zu sein. Eine Theologie, die Gott so formt und verkleinert, dass er zum Wohlbefinden der menschlichen Bequemlichkeit taugt, droht aus dem Christentum eine Naturreligion zu machen - ohne jede Transzendenz. Oder noch schlimmer: eine Verschwörungstheorie, so wie Feuerbach das Christentum sieht; in dem Gott nur deshalb existiert, weil er einen bestimmten Zweck zu erfüllen hat.

"Wir müssen Gott immer wieder von Reduktionen
und irdischem Wunschdenken befreien"

Worin sehen Sie den Sinn der Feuerbachschen Projektionen?

Wenn Sie damit meinen, ob die Projektionstheorie Feuerbachs auch eine gewisse Wahrheit enthält, dann kann ich dem schon zustimmen. Denn das, was Feuerbach zu entlarven glaubt, ist eine bleibende Gefahr für jede Religion. Wir müssen Gott immer wieder von Reduktionen und irdischem Wunschdenken befreien: Er ist nicht unser Wunscherfüller, er ist nicht der Garant unseres bequemen Wohlbefindens. Wir glauben nicht an Ihn, weil sich unser Leben deshalb erhellt. Wir glauben an Gott grundsätzlich nicht aus einem bestimmten egoistischen Grund   sondern schlichtweg deshalb, weil Er existiert. Gottes Existenz ist philosophisch zu erweisen. Darüber allerdings verliert Feuerbach kein Wort.

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Wie sehen Sie Feuerbach im Zusammenhang mit zeitgenössischen Religionskritikern wie Marx/Engel, Nietzsche oder dann Freud?

Marx und Freud folgen der - ich will es einfach mal unverblümt so nennen - Verschwörungstheorie Ludwigs Feuerbachs sehr gradlinig. Während Marx in der Religion noch ein Selbstbetrug des geknechteten Volkes sieht (Opium des Volkes), erweist sich Lenin in dieser Hinsicht als echter Verschwörungstheoretiker und spricht vom Opium für das Volk.

Feuerbach, Marx und Freud erhoffen sich einen paradiesischen Zustand, sobald erst einmal das Übel der Religion ausgemerzt ist. Feuerbach glaubt, dass dann der Mensch um seiner selbst willen geliebt wird - und nicht bloß, weil ein (ausgedachter) Gott es befiehlt. Marx erträumt sich die Herrschaft des Proletariats und Freud die Beendigung einer Illusion.

Nietzsche dagegen sieht weiter. Er weiß, dass die Abschaffung der Religion ein Unglück ist - ein Mord, das Ende einer Ordnung, ja, sogar das Ende jeder Moral. Zwar erhofft sich Nietzsche im Anschluss daran den Übermenschen jenseits von Gut und Böse - das ändert aber nichts an dem Schrecken des Gottesmords, an dem der schuldig wird, der die Religion und damit Gott aus der Welt entfernt.

"Gute katholische Lehre sieht dagegen in der
Unterschiedlichkeit von Mensch und Gott die Voraussetzung
für eine erfüllte und ewige Liebesbeziehung"

Ist der Protestantismus einer der Beweggründe der lebenslänglichen Religionskritik Feuerbachs?

Ich habe vorhin davon gesprochen, dass Feuerbach die Religion verzerrt darstellen muss, damit seine Kritik daran passt. Vielleicht muss man ihm aber auch zugute halten, dass er Religion genauso erlebt hat - eben verzerrt, nur einem irdischen Zweck folgend, als Wunscherfüller des Menschen. Daran mag auch eine Verzerrung schuld sein, die im Wesen des Protestantismus liegt. Luther war der Meinung, dass der Mensch nicht nur gefallen, sondern verdorben, seine Erkenntnis nicht nur getrübt, sondern vernichtet und sein Wille nicht nur geschwächt, sondern unfrei sei. Wer eine solche Theologie und Anthropologie vor Augen hat, neigt sicherlich eher dazu, Gott und Mensch als unvereinbare Gegensätze wahrzunehmen. Gute katholische Lehre sieht dagegen in der Unterschiedlichkeit von Mensch und Gott die Voraussetzung für eine erfüllte und ewige Liebesbeziehung. 


Peter van Briel ist  katholischer Priester in Halverde, Schulpfarrer und Sprecher der Karl-Leisner-Jugend, die den Glauben der Kirche in gut verständlicher Weise im Internet vermittelt. Er veröffentlichte zuletzt: "Grundkurs zum Glauben  - Der Glaube der katholischen Kirche in 24 Katechesen" (2016).

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