Kommentar um "5 vor 12"

Die „Don’t blame me“-Kanzlerin

Gefälligkeitsjournalismus für die Ex- Kanzlerin. Ein Interview mit Angela Merkel entsetzt die internationale Presse – und das vollkommen zurecht.
Altkanzlerin Merkel zu Gespräch im Berliner Ensemble
Foto: Fabian Sommer (dpa) | Die Ex-Kanzlerin Angela Merkel wurde Alexander Osang befragt. Das Interview rief international massive Kritik hervor,

Wer bislang der Meinung gewesen ist, dass lediglich Altbundeskanzler Gerhard Schröder es versteht, seine große Uneinsichtigkeit gegenüber dem eigenen engen Verhältnis zu Putin-Russland zur Schau zu stellen – der kannte Angela Merkel noch nicht.

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Gewiss: Weder sind der Altkanzlerin Kontakte zu halbseidenen russischen Geschäftspartnern noch Auftritte als putinsches Sprachrohr vorzuwerfen wie dem Russengas-Lobbyisten aus Hannover. Doch ihr Interview, das Merkel dem „Spiegel“-Journalisten Alexander Osang vor Publikum im „Berliner Ensemble“ gegeben hat, nimmt es in puncto Selbstgerechtigkeit und Uneinsichtigkeit locker mit derjenigen Schröders auf.

Auf die Frage Osangs, der sich bezeichnenderweise den ganzen Abend gegenüber Merkel in „affirmativer Schleimerei“ (Henryk M. Broder) erging und jegliche journalistische Distanz zu ihr vermied, welchen Schuldanteil sie sich selbst am Ausbruch des von Wladimir Putin vom Zaun gebrochenen Ukrainekrieges geben würde, war die Antwort eindeutig: Gar keinen. Denn sie, so die scheinbar weitblickende Bundeskanzlerin, habe sich nie über die wahren Ambitionen Putins Illusionen gemacht – und ohne ihre diplomatischen Bemühungen hätte es schon früher so schlimm kommen können wie in der Ukraine.

Warum sie dann nicht während ihrer immerhin 16 Jahre währenden Kanzlerschaft ihr politisches Gewicht als deutsche Regierungschefin national wie international in die Waagschale geworfen hat, um sowohl ein immer aggressiver auftretendes Russland politisch und ökonomisch einzudämmen sowie die gesamte EU in personam und gegen massive Widerstände der USA sowie zahlreicher osteuropäischer Staaten maßgeblich immer stärker in russische Energieabhängigkeit führte, erklärte sie jedoch nicht. Entschuldigen für ihre Russland-Politik werde sie sich jedenfalls nicht.

Merkels Ansehen im Ausland ist dahin

Diese und noch weitere Aussagen sorgen gegenwärtig national wie international für Gesprächsstoff – und entzaubern eine Altkanzlerin, die von der „New York Times“ während der Trump-Jahre im Weißen Haus noch vollkommen realitätsfern zur neuen „Anführerin der freien Welt“ publizistisch verklärt worden ist. Als uneinsichtige „Don’t blame me“-Kanzlerin bezeichnet nun beispielsweise das renommierte US-Nachrichtenportal „Politico“ Merkel, für den belgischen „Standaard“ gilt die langjährige Regierungschefin wenig schmeichelhaft als „Europas Russlandversteherin schlechthin“ und die „Neue Zürcher Zeitung“ kommentiert den gesamten Gesprächsabend im „Berliner Ensemble“ süffisant als „deutschen Wohlfühlabend“.

Doch Angela Merkel werden diese Pressemeinungen aus dem Ausland nicht anfechten – sie ist mit sich im Reinen und mit typisch deutscher „Viel Feind, viel Ehr‘“-Haltung an sich abperlen lassen.

Sie habe seit ihrem Ausscheiden aus dem Amt vor allem das stundenlange Hören von Hörbüchern für sich entdeckt, verriet die Altkanzlerin im Gespräch mit Alexander Osang: Vor allem Shakespeares „Macbeth“ und Schillers „Don Karlos“ hätten es ihr besonders angetan. Dass sich nur wenige Kilometer von Berlin auch aufgrund ihres politischen Fehlverhaltens in der Ukraine gegenwärtig Dramen abspielen, die inhaltlich diejenigen ihrer Lieblingsautoren bei weitem in den Schatten stellen, will ihr jedoch nicht in den Sinn kommen.

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