Verlässlichkeit

Deutschland ist für andere Nationen ein unsicherer Kantonist

Was ist nur mit Deutschland los? Die Frage stellen sich angesichts der Ukraine-Krise mittlerweile nicht nur die europäischen Nachbarstaaten, sondern auch andere Bündnispartner. In der Energiepolitik sorgt die einst so verlässliche Bundesrepublik ebenfalls für Irritationen.
Militärhelme sind zu Blumentöpfen geworden
Foto: adobe stock | So scheinen sich viele in der Politik die Realität vorzustellen: Militärhelme sind zu Blumentöpfen geworden. Der Ukrainekonflikt und Putins Aggression gegen Anraiener zeigen aber, dass es nicht so friedlich ist.

Unsichere Kantonisten, so nannte man in manchen Ländern Osteuropas früher Wehrpflichtige, die sich durch eine Art Dienstpflicht versuchten, um den Kriegsdienst herumzudrücken, ohne dabei fahnenflüchtig und dann bestraft zu werden. Wir würden es heute so beschreiben, dass es sich um Freiwillige handelte, die nur das Allernötigste tun, damit sie nicht von der Gemeinschaft sanktioniert und geächtet werden.

Also nehmen wir ganz fiktiv einen Staat, der Mitglied eines militärischen Bündnisses ist. Und wenn dieses Bündnis aktiv wird, etwa um einem anderen Staat Beistand zu leisten, dann versucht sich der unsichere Kantonist darum herumzudrücken, wirklich etwas tun zu müssen. Und wenn die anderen die Ausbilder, Flugabwehrraketen und Gewehre an das bedrängte Land schicken langsam missmutig werden, dann unternimmt der unsichere Kantonist eine Symbolhandlung, um sich nichts nachsagen lassen zu müssen. Zum Beispiel Schutzhelme schicken oder Geschirrtücher oder Kopfschmerztabletten. Aber bloß nichts Kriegerisches, bloß nicht klare Haltung beweisen, bloß nicht pfui verwickelt werden.

„Wir wollen endlich mal nicht nur zu den Guten dazu gehören 
wir wollen die Besten der Guten sein.
Und sei es auch völlig sinnbefreit“

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Wir erleben all das gerade in der Ukraine-Krise. In und um den osteuropäischen Staat, einstmals Teil der Sowjetunion und seit Jahrzehnten ein souveränes und geachtetes Mitglied der Weltgemeinschaft, sind inzwischen 120 000 russische Soldaten mit schwerem Gerät aufgefahren. In? Ja, denn manche haben das vergessen auch die Krim gehört zur Ukraine. 2014 völkerrechtswidrig von Russland einverleibt und inzwischen Teil der Russischen Föderation. Und der Donbass im Osten der Ukraine wird seit Jahren von sogenannten russischen Separatisten destabilisiert durch ständigen Krieg und Terror, dem inzwischen 14 000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Die Waffen zum Morden kommen von den Freunden in Moskau, die BUK-Raketen auch, mit denen sich leicht und versehentlich natürlich auch mal zivile Verkehrsflugzeuge abschießen lassen.

Eine Diskussion, die heutzutage gar nicht gern geführt wird, ist die Frage: Was haben eigentlich russische Instrukteure, Paramilitärs und Waffen in einem anderen Staat zu suchen, der sie nicht eingeladen hat? Das ist eine Frage, die man in Deutschland gar nicht gern stellen möchte, denn die Antwort darauf könnte Teile der Bevölkerung verunsichern, frei nach Thomas de Maiziere.

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Spätestens 2015 begann der deutsche Niedergang

Deutschland ist ein wichtiges Land auf diesem Planeten, allein schon wegen seiner ungebrochenen Wirtschaftskraft, seiner Autos, Ingenieure und Maschinenbauer. Aber Deutschland ist politisch ein Zwerg nun auch in Europa. Während der Staatsschuldenkrise ab 2008 haben die Europäer gebannt darauf geschaut, was Deutschland macht mit ihrer international gepriesenen Frau des Jahres: Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen", dieses geflügelte Wort wurde damals nicht abwertend gebraucht, sondern bewundernd. Die Deutschen, die wissen schon, was sie tun. Und die anderen schließen sich dann an. Das ist vorbei.

Deutschland ist keine Führungsmacht mehr in Europa, sondern zum genauen Gegenteil geworden. Und das begann im Herbst 2015, als die deutsche Bundeskanzlerin beschloss, per Telefonabstimmung mit dem österreichischen Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ), die Grenzen für 20 000 Flüchtlinge zu öffnen, die in Ungarn festsaßen. Und schwupps da waren es plötzlich 1,6 Millionen, die allein nach Deutschland strömten mit all den Begleiterscheinungen wie "Allahu-Akbar", Messerstechereien und sexuellen Übergriffen. Doch irgendwie wollen viele der europäischen Nachbarn solche Verhältnisse gar nicht, besonders die Osteuropäer nicht. Die weigern sich bis heute, den Wahnsinn der ungeregelten Massenmigration aus dem islamischen Kulturkreis mitzumachen und lassen sich sogar mit Milliarden-Kürzungen ihrer Zuweisungen der EU nicht von diesem Weg abbringen.

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Niemand will Massenzuwanderung - nur die deutsche Politik

Als Angela Merkel und ihre Freunde in Brüssel erst erfolglos die ganze Europäische Union (EU) zur Aufteilung unserer Gäste aus Irak, Afghanistan und Syrien bewegen wollte, dann auf eine "Koalition der Willigen" hoffte, folgte niemand. Niemand außer Deutschland will weitere ungebremste Massenzuwanderung, einige Länder würden wohl symbolisch ein kleines bisschen tun, andere sagen Nein, Nein, Nein egal, was da an Strafzahlungen angedroht wird.
So bitter es auch klingt: Deutschland hat sich während der Regierungszeit von Angela Merkel zunehmend in Europa isoliert. Das einst bewunderte Land, ökonomisch erfolgreich, innovativ und bestens organisiert, ist heute in den Augen der anderen nur noch ein Schatten seiner selbst.

Das gilt auch bei der Energiepolitik

Kennen Sie den Witz, wo jemand mit seinem Kraftfahrzeug unterwegs auf der Autobahn ist? Im Radio sagt der Sprecher: "Auf der A 42 kommt Ihnen ein Falschfahrer entgegen ". Und unser Mann am Steuer schaut nach vorn und denkt: Einer? Hunderte!

So ein Falschfahrer sind wir in Deutschland in der Energiepolitik. Während überall auf der Welt Kohle- und Atomkraftwerke gebaut und erfolgreich betrieben werden, bauen wir in Deutschland Windkraftanlagen und Photovoltaik-Freiflächenanlage, kurz Solarparks. Aber was machen wir, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind mal nicht weht? Klar, dann beziehen wir den notwendigen Strom aus dem großen Reservoir, in das andere Länder ihren durch Kohle- und Atomkraft produzierten Strom einspeisen. Und davon kaufen wir dann das, was wir brauchen, haben aber ein gutes Gefühl.

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Zur Not will man nordkoreanische Zustände - um besonders „gut“ zu wirken

Überhaupt: das gute Gefühl, das ist eminent wichtig für einen großen Teil der Deutschen. Wir wollen endlich mal nicht nur zu den Guten dazu gehören wir wollen die Besten der Guten sein. Und sei es auch völlig sinnbefreit. Wir retten das Klima, wir würden vermutlich auch wenn es der guten Sache dient von 22 bis sechs Uhr morgens den Strom abschalten, so wie in Nordkorea. Wir schießen nicht und liefern Waffen nur an Länder, wo wir sicher sind, dass sie die eigentlich nicht brauchen, weil sie nicht kämpfen. Wir erklären Swingerclubs und Zellengemeinschaften im Knast zur "Familie", wenn nur alle gemeinsam "füreinander Verantwortung übernehmen". Und während in China gerade 160 neue Flughäfen gebaut werden, subventionieren wir in Deutschland durch den Staat Lastenfahrräder.

Dieses Land ist so seltsam geworden, dass man inzwischen anderswo auf der Welt über uns lacht oder zumindest mitleidig lächelt. Nicht in Nigeria natürlich oder in Burkhina Faso, da staunt man vor dem Fernseher immer noch, wenn alte "Derrick"-Folgen gezeigt werden, und da weiß man es zu schätzen, dass hier Wohnungen mit Strom noch und fließend warmes Wasser zum Kochen, Duschen und für die WC-Spülung verfügbar ist. Aber Vorbild? Gut organisiert? Entscheidungsstark? Nicht mehr Deutschland.

Stromausfälle könnten zukünftig normal sein

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) stimmte seine Kunden Anfang Januar auf dem hauseigenen Instagram-Kanal "klima.neutral" auf den Fall möglicher Stromausfälle ein. Und die Wahrscheinlichkeit dafür steigt angesichts der durch die Anfälligkeit erneuerbarer Energiesysteme ausgelösten Schwankungen.
Also, auf dem öffentlich-rechtlichen Grundversorger-Kanal Instagram erhalten die WDR-Freunde praktische Tipps unter der Überschrift kein Witz "Entspannt in den Blackout". Da erfährt die interessierte deutsche Familie, wie man tagelange Stromausfälle überstehen kann. Zum Beispiel mit Wasservorräten für zehn Tage und Konserven, deren Inhalt auch kalt gegessen werden kann. Wichtig seien auch Bargeld-Vorräte, weil Geldautomaten nicht funktionieren könnten. Und: "Batterien & Powerbanks" sowie ein "batteriebetriebenes oder Kurbel-Radio". Ein Kurbel-Radio? Im dritten Jahrtausend?

Was kommt polemisch gefragt noch alles? Wie man mit einem Feuerstein und metallhaltigen Mineralien Funken erzeugen kann, mit denen man dann ein offenes Feuer hinbekommt zum Kochen einer warmen Suppe vegan natürlich?

Jedes Volk bekommt die Politiker, die es verdient

Deutschland scheint sich freiwillig auf einen verhängnisvollen Kurs begeben zu haben. Die Richtung stimmt nicht mehr. Das kann man nicht nur den Politikern vorwerfen. Jedes Volk bekommt die Politiker, die es verdient. Und wer sich nun über Frau Baerbock oder Frau Lambrecht empört, der vergisst, dass diese Leute und ihre Parteien von Millionen Deutschen gewählt worden sind.

Diese Regierung (und die Merkel-Regierungen davor)   das ist kein Naturereignis. Das ist das Ergebnis einer weitgehend unpolitischen Bevölkerung und eines Vollkasko-Staates, der von seinen Bürgern nichts fordert, und der, wenn das Geld ausgeht, Schulden macht oder auch Scheine nachdruckt. All das, was Deutschland einmal ausgezeichnet hat, scheint verschwunden zu sein. Bewundert werden nur noch unsere Autos, die immer noch Weltklasse sind. Doch wer gibt bei der E-Mobilität den Ton an auf diesem Planeten: das sind die Amerikaner und die Chinesen. Deutschland hinkt auch da hinterher und versucht, den Anschluss nicht zu verlieren. Selbst im Fußball ist man nur noch Mittelmaß, aber das ist ein anderes Thema.

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