Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften“, heißt es in Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ mit Blick auf das Christentum. Auch Wilhelm Busch („die fromme Helene“) rückte die Tugendhaften in die Nähe von Lüge und Bigotterie. Dabei ist Tugend kein aufs Bravsein heruntergekommenes Christentum. Sie steht am Anfang der philosophischen Ethik: Sokrates, Platon und Aristoteles sind Tugendethiker.
Nachdem in der modernen Moralphilosophie der Fokus auf die Tugend lange durch die Begriffe „Nutzen“ und „Pflicht“ ersetzt wurde, kam es im 20. Jahrhundert wieder zu einer Renaissance der Tugendethik. Mit der deutschsprachigen Ausgabe von James K. A. Smiths Buch „Die Macht der Gewohnheit“ ist nun ein Werk erschienen, das die Tugendethik amerikanisch-praktisch und ohne Berührungsängste vor philosophisch-theologischen Gartenzäunen herunterbricht.
Hinein in die Sehnsucht
Der Autor will dabei bis ins menschliche Herz hineindrängen, in die Sehnsucht, die uns voranbringt. Er thematisiert aber auch den Terror unserer falschen Gewohnheiten und die Art und Weise, wie wir unsere Kinder erziehen. Das Buch befasst sich mit der existenziellen Problematik, die schon Paulus kannte: „Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will“ (Röm 7,19).
Wir wissen, dass wir abnehmen müssten, können aber an keiner Eisdiele vorbeigehen; wir wissen, dass das Rauchen uns schadet, stecken uns die nächste Zigarette aber trotzdem an; wir wissen, dass wir unsere Mitmenschen durch unser loses Mundwerk gegen uns aufbringen, können aber die spitze Bemerkung nicht ungesagt lassen. Das liegt nicht daran, dass wir es nicht besser „wüssten“; es liegt vielmehr daran, dass unsere Antriebe, das Gute auch wirklich stabil und nachhaltig zu vollbringen, zu schwach sind.
Sind Menschen in erster Linie nur Denkende?
Smith analysiert die Muster und verortet sie in einem ebenso falschen wie folgenreichen Menschenbild: „Wie Descartes betrachten wir unseren Körper als … unwesentliches, temporäres Vehikel zum physischen Transport unserer Seele oder unseres ‚Geistes’, wo sich alles wirklich Wichtige abspielt.“ Der Körper sagt nichts; er kann „überschrieben“ werden; das Herz ist ausgeblendet. Denken „definiert, was wir sind“. Lernen füllt „intellektuelle Container“ mit Ideen und Überzeugungen. Am Ende haben wir es mit Menschen zu tun, die ganz viel wissen, aber unfähig sind zu leben.
Als denkende Maschinen werden sie von jeder Smartwatch übertroffen. „Was“, fragt Smith, „wenn wir gar nicht in erster Linie ‚Denkende’ sind?“
Mit Paulus (Phil 1, 9–11) entkommt Smith der intellektualistischen Falle; er entdeckt, dass nicht Wissen, sondern „Liebe … die Voraussetzung für echte Erkenntnis ist“ – eine Erkenntnis, die Durchgriff schafft bis in die Tiefen unserer Existenz: „Du bist, was du liebst.“
Wesen der Sehnsucht
Bevor wir das Denken anschalten, sind wir Wesen der Sehnsucht. Wir sind von innen her geradezu „erotisch“ vom Guten angezogen oder zumindest von etwas, was wir dafür halten. Damit sind wir unterbewusst für das Gute vorbereitet, um das wir durch ein „multifunktionales Sehnsucht-Gerät, zur Hälfte Motor und zur anderen Hälfte Leuchtturm“ wissen. Gemeint ist das Herz, das freilich „kalibriert“ und „regelmäßig nachjustiert“ werden muss.
Es ist wichtig, dem „Verlangen eine Orientierung zu geben“, es zu reinigen und auf eine Vision gelingenden Lebens hin zu bündeln. Dazu helfen uns die Tugenden. Smith versteht darunter die „intrinsischen Veranlagungen zum Guten, … Charakterzüge, die so sehr mit der eigenen Identität verwoben sind, dass wir als Menschen dazu neigen, mitfühlend, nachsichtig und Ähnliches zu sein.“ Mit Thomas von Aquin stellt Smith die umgekehrt proportionale Beziehung zwischen „Tugend“ und „Gesetz“ fest: Je lasterhafter einer lebt, desto mehr Gesetz braucht er, je tugendhafter, desto weniger ist er auf die äußerliche Krücke angewiesen.
Eltern lernen das im Umgang mit ihren Kindern. Das Gesetz ist gewissermaßen die vorgelagerte Bastion des Guten. Dem Menschen, der Tugend als Automatismus installiert hat, wird sie – mit Aristoteles gesprochen – zur „zweiten Natur“. Er muss genauso wenig darüber nachdenken wie über die Vollzüge seiner ersten Natur: schlafen, essen, atmen. Tugenden lernen wir erstens durch Nachahmung, zweitens durch Übung, durch „praktizierte Rhythmen, Routinen und Rituale“.
Religiöse und ethische Liturgien
Smith steigert seine Tugendlehre, indem er eine anthropologisch-liturgische Dimension in der Ethik freilegt: „Du bist, was du anbetest.“ Das knüpft sowohl an das erste Gebot als auch an Dostojewski an: „Der Mensch kann nicht bestehen, ohne etwas anzubeten.“ In der Heranbildung der eigenen Liebe geht es um „die religiöse und geistliche Identität, die sich nicht nur darin manifestiert, was man denkt oder glaubt, sondern auch in dem, was man tut – und was diese Praktiken mit einem tun.“
Andauernd sind wir mit „rivalisierenden Auffassungen vom guten Leben“ und mit „rivalisierenden Liturgien“ befasst – Liturgien, die uns auf das absolut Gute hin befreien, oder solchen, die uns in tödlichen Kulten das Falsche umtanzen lassen.
James K. A. Smith: Die Macht der Gewohnheit. Wir werden, was wir lieben, Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2026, 284 Seiten, Paperback, EUR 21,–
Der Rezensent ist Gründer des Kinder- und Jugendkatechismus Youcat und Initiator der Initiative Neuer Anfang.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.










