Papst Leo XIV. greift in Magnifica Humanitas auf ein inzwischen über zehn Jahre altes Konzept seines Vorgängers aus dessen Enzyklika Laudato si’ zurück: das technokratische Paradigma. Hiermit meint er „die Tendenz, persönliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen allein der Logik der Effizienz, der Kontrolle und des Profits zu unterwerfen.“ (MH 92)
Die kurz darauffolgende Feststellung des Heiligen Vaters, wonach sich dieses Paradigma als Denkmuster in den letzten Jahren rasch verbreitet habe (MH 93), legt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um eine relativ neue Erscheinung handelt. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch, dass sich das fragliche Paradigma mindestens bis zu den frühneuzeitlichen Denkern René Descartes und Francis Bacon zurückverfolgen lässt, wenn nicht gar bis in die antike Bewegung der Sophisten, der Widersacher von Sokrates und Platon.
Von der Wahrheit zur Beherrschung
Die frühe Neuzeit sah einen Paradigmenwechsel im wissenschaftlichen Bereich, dessen führende Vertreter Descartes und Bacon waren, nachgezeichnet im 20. Jahrhundert etwa von Étienne Gilson oder im 21. Jahrhundert von Edward Feser in Der letzte Aberglaube. Das Ziel dieses Paradigmenwechsels war nach Descartes das Erlangen von Wissen, das nützlich sei und das die Menschen zu Herren und Eigentümern der Natur mache, wie er in seinem Discours de la méthode schrieb. Von Francis Bacon wiederum stammt das berühmte Diktum, Wissen sei Macht. Auch seine Zielsetzung war von Nützlichkeitserwägungen bestimmt.
Das von beiden vertretene Wissenschaftsprogramm richtete sich gegen das bis dahin vorherrschende Wissenschaftsprogramm der Scholastik. Dessen Zielsetzung war nicht primär praktischer Nutzen, sondern Wahrheit. Ein Echo hiervon findet sich nun auch in Magnifica Humanitas, wenn Leo XIV. dazu aufruft, „sich ein Herz zu bewahren, das die Wahrheit liebt … das nach Weisheit strebt statt nach schneller Wirkung.“ (MH 237) Schnelle und maximale Wirkung war dagegen das Ziel der frühneuzeitlichen Reformer. Zu diesem Zweck räumten sie all das weg, was ihnen hinderlich erschien – nicht zuletzt die aristotelische Metaphysik, die seit dem 13. Jahrhundert das mittelalterliche Universitätswesen dominiert hatte.
Aristoteles hatte vier Ursachen oder Prinzipien unterschieden: Materie und Form, Telos und Bewegung. Materie bezeichnete das, woraus etwas besteht – seinen Stoff oder Inhalt. Die Form bezeichnete, was etwas ist: sein Wesen. Das Telos bezeichnete das Ziel einer Bewegung und die Bewegung das, was wir heute üblicherweise Ursache nennen.
Für Form und Telos, also die Frage nach Wesen und Bestimmung der Dinge, hatten Descartes und Bacon wenig Verwendung. In ihren Augen waren sie unpraktisch, da sie den menschlichen Gestaltungsmöglichkeiten ungebührliche Grenzen auferlegten – oder einfach durch ihre bloße Schönheit von verwertbareren Dingen ablenkten. Stattdessen konzentrierten sie sich auf Materie und Bewegung. Das Ziel war letztlich, eine an sich formlose Masse durch Bewegung – das heißt durch eine von außen kommende Krafteinwirkung – in die gewünschte Form zu bringen oder, genauer gesagt, zu pressen. Das Ziel war, kurz gesagt, Kontrolle und Machtausübung. In den Worten von Papst Franziskus in Laudato si’: „Es ist, als ob das Subjekt sich dem Formlosen gegenüber befände, das seiner Manipulation völlig zur Verfügung steht.“ (LS 106) Das Ausblenden von Wesen und Bestimmung der Dinge beinhaltet eine Blindheit gegenüber eben jenen Grenzen, welche die Realität selbst – beziehungsweise, theologisch gesprochen, ihr Schöpfer – gerade durch sie setzt. Die unvermeidliche Folge sind Grenzüberschreitungen und die damit notwendig einhergehende Zerstörung – im menschlichen wie im nichtmenschlichen Bereich.
Anthropologische Folgen des Paradigmas
Zu den neuesten Früchten einer solchen Sichtweise gehört es etwa, wenn immer mehr Menschen außerstande sind, die Frage zu beantworten, was eine Frau ist – also, aristotelisch gesprochen, die Frage nach der Form des Frauseins. Oder wenn, damit zusammenhängend, der menschliche Leib als eine formbare Masse angesehen wird, sodass man durch einen einfachen Sprechakt und/oder chirurgische Modulation sein „Geschlecht wechseln“ könne. Selbst das in der Philosophie kontrovers diskutierte Leib-Seele-Problem ergibt sich überhaupt erst vor diesem Hintergrund, insofern die Seele bei Aristoteles oder Thomas von Aquin schlechthin als die Form von Lebewesen begriffen wurde, weshalb demnach auch Tiere und Pflanzen, freilich sterbliche, weil nicht geistige, Seelen besitzen.
Genauso ist die sexuelle Revolution vor dem Hintergrund des technokratischen Paradigmas mit seiner Ablehnung von Form und Telos zu sehen. Die kirchliche Position, wonach das Telos oder auch der Zweck der Sexualität die Fortpflanzung ist, ist in einer vom technokratischen Paradigma geprägten Zeit nicht mehr verstehbar. Dieser Zeit gilt Sexualität als ein Werkzeug, mit dem man – je nach Lust und Laune – sehr unterschiedliche und doch gleichwertige Zwecke verfolgen kann. Sexualität auf eine einzige Funktion zu reduzieren oder zumindest diese eine als die wesentliche herauszuheben, erscheint ihr absurd und kann ihr daher nur einer bösartigen, intoleranten Gesinnung entspringen. Ebenso unverständlich ist allgemein die Rede von einer menschlichen Natur oder die klassische – also nicht moderne – Naturrechtslehre, welche auf den aristotelischen Konzepten Form und Telos basiert.
Sowohl Humanae vitae als auch die Theologie des Leibes von Johannes Paul II. lassen sich am besten verstehen als eine Ablehnung des technokratischen Paradigmas im Bereich der Sexualität. Doch begegnen wir ihm auch noch an ganz anderer Stelle. Für Papst Leo XIV. findet es zweifellos seine fortgeschrittenste und radikalste Ausformung in trans- und posthumanistischen Fantasien einer technischen Perfektionierung oder Überwindung des Menschseins. Aus einer technokratischen Perspektive sind Menschen ohnehin schlicht nichts anderes als Maschinen aus organischem Material und daher ohne Weiteres technisch optimier- beziehungsweise durch leistungsfähigere Maschinen ersetzbar.
Papst Franziskus sah es vor allem als die treibende Kraft hinter den vom Menschen verursachten ökologischen Verwüstungen der Gegenwart. Allerdings gibt es das technokratische Paradigma genauso in „grün“, so etwa wenn der damals noch nicht zum Bundeskanzler gewählte Friedrich Merz erklärte, die Klimafrage brauche für ihre Lösung keine „Ideologen“, sondern (nur) Ingenieure und damit – in Widerspruch zu Benedikt XVI. in Caritas in veritate – die ethische und politische Dimension, aber auch – im Widerspruch zu Papst Franziskus und nun Leo XIV. – die anthropologische und philosophische, ja letztlich die theologische Dimension der Problematik verneint. Galt im Mittelalter die Philosophie als Magd der Theologie, so fungiert im technokratischen Paradigma die Wissenschaft als Magd der Technik.
Die notwendige intellektuelle Umkehr
Mitnichten geht es hierbei um eine Technikfeindlichkeit. Worum es vielmehr geht, ist die Verteidigung nicht technischer Fragestellungen und Sichtweisen vor ihrer Kolonialisierung durch ein rein technisches Wirklichkeitsverständnis, das die Fragen „Was?“ und „Warum?“ komplett ausblendet zugunsten eines verabsolutierten „Wie?“, mit der Konsequenz, dass die ersten beiden Fragen entweder dem Diskurs entzogen und von den Mächtigen vorentschieden werden oder aber ihre Beantwortung sich ziellosen, weil irrationalen und damit manipulierbaren Emotionen überlassen wird.
Da das Problem des technokratischen Paradigmas die Verabsolutierung einer spezifischen, nämlich der technischen, Sichtweise ist, verwundert es nicht, dass etwa Papst Franziskus als Antwort hierauf die Bedeutung alternativer Sichtweisen hervorhob. So schrieb er in Querida Amazonia, dem Schreiben, das in der – zumindest kirchen- und deutschlandbezogenen – Öffentlichkeit bedauerlicherweise und fälschlicherweise auf die Frage nach der Weihe verheirateter Männer sowie der Gemeindeleitung durch Frauen reduziert wurde, den Dichtern die Fähigkeit zu, mit ihrer „Prophetie der Kontemplation“ dazu beizutragen, „uns vom technokratischen und konsumistischen Paradigma zu befreien“. (Querida Amazonia 46)
Doch auch wenn der Dichter geradezu einen – in seiner Einseitigkeit sicher ebenfalls ergänzungsbedürftigen – Gegenentwurf zum technokratischen Paradigma darstellt, so ist doch ebenso klar, dass eine tatsächliche Überwindung des technokratischen Paradigmas erfordert, dass diese von ihm verkörperte kontemplative Sichtweise auch wieder in die Wissenschaft integriert wird – und zwar in jede ihrer Disziplinen auf je eigene Weise. Erst wenn unsere Sicht auf die Realität als Ganze von bisherigen Einseitigkeiten und Reduktionismen befreit ist, können selbst unüberwindlich erscheinende Widersprüche ganz plötzlich in sich zusammenfallen. Was benötigt wird, ist nicht weniger als eine metanoia, eine Bekehrung der intellektuellen Welt im ursprünglichsten Wortsinn: ihr Umdenken.
Der Autor ist Publizist und Leiter des Instituts für ganzheitliche Ökologie (IgÖ) .
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