Widerstand

Dokumentarfilm „Nawalny“: Unerschrocken gegen Putin

Daniel Rohers Dokumentarfilm „Nawalny“ zeigt einen Politiker aus nächster Nähe, der für seine Überzeugungen mit seinem Leben zu bezahlen bereit ist.
Alexei Nawalny
Foto: DCM Cabel News Network Inc | Nach Monaten der Genesung, aber auch der Ermittlungen in Deutschland kehrt Alexei Nawalny am 17. Januar 2021 nach Moskau zurück. Er weiß, was ihn dort erwartet.

Kamera läuft, Daniel“ – so der erste Satz aus dem Dokumentarfilm von Daniel Roher „Nawalny“. Frontal zur Kamera sitzt Alexei Nawalny, der derzeit wohl größte Gegenspieler Putins. Und dann die Frage: „Wenn du getötet wirst, welche Botschaft hinterlässt du dem russischen Volk?“ Darauf Nawalny: „Machst du einen Film für den Fall meines Todes?“ Er sei bereit, auf die Frage zu antworten ... aber in einem zweiten Film. Dieser erste Nawalny-Dokumentarfilm soll eher ein „Thriller“ sein.

„Sehenswert ist der Film auf jeden Fall,
weil er einen Einblick in das politische und teilweise auch private Leben
einer politischen Persönlichkeit gibt,die unerschrocken einem mächtigen Mann
und einem übermächtigen Apparat die Stirn bietet“

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Als „Thriller“ ist Daniel Rohers „Nawalny“ durchaus konzipiert: Das eingangs erwähnte Interview wird als Rahmenhandlung eingesetzt. Darauf folgen einige Szenen von Nawalnys Rückkehr aus Deutschland nach Moskau – dann macht aber der Film jedoch einen Sprung drei Jahre zurück, um Nawalnys Tätigkeit in der Opposition zu Putin zu zeigen.

Das zentrale Ereignis im Film stellt jedoch die Vergiftung des Oppositionspolitikers in Sibirien am 20. August 2020 dar. Auf dem Flug von Tomsk nach Moskau verlor er das Bewusstsein, weshalb der Pilot das Flugzeug in Omsk notlandete. In Omsk wurde Nawalny zwei Tage im Krankenhaus behandelt, ehe er auf Betreiben seiner Frau Yulia nach Deutschland in die Berliner Charité verlegt wurde. Dort wurde eine Vergiftung mit Nowitschok festgestellt, einem Nervengift aus der Sowjetzeit.

Vom russischen Geheimdienst vergiftet

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Dazu stellte das Amtsblatt der Europäischen Union in der Durchführungsverordnung (EU) 2020/1480 des Rates vom 14. Oktober 2020 fest: „Alexej Nawalnys Aktivitäten wurden während seiner Reise nach Sibirien im August 2020 vom Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation eng überwacht... Unter diesen Umständen und angesichts dessen, dass Alexej Nawalny zum Zeitpunkt seiner Vergiftung unter Überwachung stand, kann davon ausgegangen werden, dass die Vergiftung nur unter Beteiligung des Föderalen Dienstes für Sicherheit möglich war.“

Der Frage, wer Nawalny vergiftet hatte, geht der Film des jungen kanadischen Regisseurs nach. Ein regelrechter Thriller wird er spätestens ab dem Moment, in dem Christo Grozev auf der Leinwand erscheint. Der Bulgare arbeitet bei „Bellingcat“ mit, einem internationalen Recherchenetzwerk, dessen Gründer Eliot Higgins beispielsweise 2015 mit dem „Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis“ ausgezeichnet wurde. Die minuziöse Kleinarbeit, mit der Grozev, Nawalny und dessen Mitarbeitern die Täter ermitteln – und bloßlegen – kann denn auch nicht anders denn als Thriller bezeichnet werden.

Ein medienwirksamer Politiker

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Daniel Roher traf auf Alexei Nawalny in Ibach bei St. Blasien am Rande des Hotzenwalds, wo sich Nawalny in den Monaten nach dem Giftgas-Anschlag erholte. Dort drehte Roher seinen Dokumentarfilm während des Verlaufs der Ermittlungen und Nawalnys Genesung in Realzeit.

Dort entstanden außerdem Szenen mit Alexei Nawalny zusammen mit Frau und Kindern. Yulia und Alexei Nawalny füttern beispielsweise einen Esel beziehungsweise ein Pony. Sogar bei diesen „Heimat- und Familienfilm“-Szenen wirkt Alexei Nawalny als medienwirksamer Politiker, dem ein solcher Dokumentarfilm selbstverständlich nur allzu gelegen kommt.

Freiwillige Rückkehr in die Höhle des Löwen

Roher übernimmt offensichtlich gerne die Funktion eines weiteren Rädchens in Nawalnys PR-Maschinerie: Seine einzige kritische Frage an Nawalny bezieht sich auf die früheren Teilnahmen des russischen Politikers am „Russischen Marsch“, bei dem auch Neonazis mitmachten. Und er begnügt sich mit einer ausweichenden Antwort von Alexei Nawalny, von dem Roher sagt: „Ja, er konnte auch mal aufbrausend sein, gegenüber seinen Mitarbeitern war er hart, aber letzten Endes war er einfach witzig und charmant.“

Sehenswert ist der Film auf jeden Fall, weil er einen Einblick in das politische und teilweise auch private Leben einer politischen Persönlichkeit gibt, die unerschrocken einem mächtigen Mann und einem übermächtigen Apparat die Stirn bietet. Davon zeugt insbesondere auch die Rückkehr Nawalnys nach Moskau am 17. Januar 2021 – wohl in dem Wissen, dass ihn in seiner Heimatstadt kein großer Bahnhof, sondern eher die Polizei, ein unfairer Prozess und Gefängnis erwarten.

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