Moskau

Es gibt ein anderes Russland

Tausende Russen gehen gegen Putins Krieg auf die Straßen. Nichts ist darum verfehlter als die These einer russischen Kollektivschuld. Ein Kommentar.
Proteste gegen Krieg in der Ukraine
Foto: IMAGO/Alexander Kulebyakin (www.imago-images.de) | Mehr als 13.500 Russen wurden vom Regime bereits inhaftiert, weil sie gegen Putins Krieg auf die Straßen gingen - wie hier in Sankt Petersburg.

In der Ukraine schießen – nicht nur, aber auch – Russen auf Russen. Wladimir Putin entfremdet mit seinem völkerrechtswidrigen Überfall auf das Nachbarland nicht nur zwei „Brudervölker“, sondern hetzt seine Truppen auch auf Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, dieselbe Liturgie besuchen, dieselben Gebete sprechen, die gleiche Kultur teilen. Junge russische Soldaten – desinformiert durch die Putin-Propaganda – wundern sich, dass sie im Norden und Osten der Ukraine nicht auf traditionelle Weise mit Brot, Salz und Blumen als Befreier begrüßt werden, sondern auf erbitterten Widerstand stoßen. Kein Wunder, dass Putin jetzt auf tschetschenische und syrische Söldner setzen will.

Ein mutiges, verzweifeltes Zeichen gegen das System Putin

Der Widerstand der ukrainisch- und russischsprachigen Bürger der Ukraine inspiriert offenbar viele Menschen in Russland: Mehr als 13.500 Russen wurden vom Regime bereits inhaftiert, weil sie gegen Putins Krieg auf die Straßen gingen. Wie sehr müssen sich diese Menschen nach Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sehnen, wie beeindruckt müssen sie vom tapferen Widerstand der Ukrainer sein, dass sie die Brutalität der uniformierten Schläger, ja Gefängnis und Diskriminierung in Kauf nehmen, um ein mutiges, verzweifeltes Zeichen gegen das System Putin und seinen Krieg zu setzen? Diese Menschen sind wahre Helden!

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Nichts wäre darum verfehlter als eine neuerliche Kollektivschuld-These. Nicht „die Russen“ sind an diesem grausamen Krieg schuld, sondern der Despot im Kreml, der seine eigene Bevölkerung in Unfreiheit hält und das Nachbarvolk erneut unter die Knute seiner Despotie zwingen will. Jeder Russe, der gegen diesen Krieg auf die Straße geht, der nach Finnland flieht oder im Ausland seinen russischen Pass öffentlich anzündet, jede Wortmeldung von Putin-Kritiker Alexey Nawalny ist ein Hinweis darauf, dass es ungeachtet einer zunehmend totalitären Vorgehensweise der russischen Sicherheitsapparate ein anderes Russland gibt. Wenn sich Wladimir Putin demnächst vor einem Kriegsverbrechertribunal verantworten muss, ist dieses andere Russland die Hoffnung der freien Welt.

Lesen Sie ausführliche Hintergründe und Analysen zum Krieg in der Ukraine in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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