Lichtspiel

Comic-Verfilmungen sind knallbunt bis mythologisch-düster

Die Superhelden-Filme von Marvel („Spider-Man“, „The Avengers“) und DC („Superman“, „Batman“) sind weiterhin im Kino das Maß aller Blockbuster-Dinge.
Seit Jahren beherrschen Marvel und DC mit ihren Superheldenfilmen die Multiplexkinos
Foto: Imago | Seit Jahren beherrschen Marvel und DC mit ihren Superheldenfilmen die Multiplexkinos nach Belieben - und das mit völlig unterschiedlichen Ansätzen.

In der Welt der Comic-Verfilmungen den Überblick zu behalten, ist schwer. Gefühlt gesellt sich jede Woche ein neuer Superheld zu jenen, die sich schon seit Jahren wie Spider-Man durch New York schwingen oder wie Superman über Metropolis hinwegfliegen. Hinzu kommt: Es gibt nicht die eine Comic-Welt. Die dröselt sich in viele Verlage mit verschiedenen Ansprüchen auf, teilt sich heute mehr oder weniger jedoch in zwei Lager: Die einen Heftchen sind bunt, lustig, locker – der Humor ist direkt: Marvel. Bei der Konkurrenz von DC hingegen geht es oft ruppiger zur Sache: Düster, melancholisch, abgründig. Helden durften auch mal scheitern – im Falle der ebenfalls fürs Kino verfilmten Graphic Novel „Watchmen“ war sogar die Frage erlaubt, ob diese vielleicht gar keine sind.

Zeichnen sich also nicht nur die heroischen Geschichten, sondern auch die Comic-Welt selbst durch eine Art der Polarität aus? Durchaus. Man kann sogar davon ausgehen, dass es diese komplementäre Struktur aus heiter und düster den beiden Konzernen Marvel und DC erst möglich gemacht hat, den Comic-Olymp fast zeitgleich zu erklimmen. Das Entscheidende: Sie kamen sich dabei kaum in die Quere. Sie wählten unterschiedliche Routen und auf dem Weg nach oben schärfte jeder sein Profil – ästhetisch wie strategisch. Beide katapultierten sich auf diese Weise gegenseitig in wirtschaftliche wie kulturelle Höhen – und tun es noch heute.

„Die Reihe ist bis ins kleinste Detail geplant, die Filme referenzieren einander
und erzählen gemeinsam eine große Geschichte.
Über einen langen Zeitraum werden Figuren etabliert“

Besonders der Blick auf die Filme und Serien von Marvel und DC der letzten knapp zwanzig Jahre zeigt diese Dynamik. Da gibt es zum einen das Marvel Cinematic Universe (MCU): Zu diesem zählen bis dato 27 Filme, die seit 2008 produziert werden. Was damals mit „Iron Man“ mit Robert Downey Jr. in der Titelrolle begann, ist heute ein ganzes Film-Universum, das man sich vorstellen kann wie einen massiven Mammutbaum, der inmitten der Filmlandschaft alle anderen Bäume überragt. Über die vergangenen Jahre hinweg hat er sich mit immer feineren Verästelungen ausgewachsen: Die Früchte, die er trägt, sind Filme, die von „Thor“, „Hulk“, „Captain America“ oder „Ant-Man“ handeln.

Sie basieren auf Comics, doch ihre Figuren sind diesem Nischenprodukt längst entsprungen – und im Mainstream angekommen. Die Reihe ist bis ins kleinste Detail geplant, die Filme referenzieren einander und erzählen gemeinsam eine große Geschichte. Über einen langen Zeitraum werden Figuren etabliert, damit sie am Ende in gemeinsamen Auftritten, vorwiegend den „Avengers“-Filmen, gegen das Böse antreten dürfen. Man plant über große Zeiträume hinweg und in diesem Ausmaß ist das ein Novum in der Filmgeschichte.

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Niemand ist erfolgreicher im Kino als Marvel

Der kommerzielle Erfolg spricht derweil für sich. Das Einspielergebnis der gesamten Reihe seit Beginn lag im März dieses Jahres bei 25,7 Milliarden Dollar: Das ist ungefähr das Dreifache von dem, was die höchsterfolgreiche „Harry Potter“-Reihe einspielte – keine andere Kinoreihe, nicht einmal „James Bond 007“ oder „Star Wars“, kann da mithalten. Momentan läuft „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ im Kino, in rund zwei Monaten startet mit „Thor: Love and Thunder“ bereits der nächste Film in den Lichtspielhäusern.

Viele der Marvel-Filme werden von bekannten Regisseuren gedreht – so gewollt von Kevin Feige, Präsident der Marvel Studios, der Stamm und Äste dieses Mammutbaums seit Beginn an hegt und pflegt. Jüngst holte er für den aktuellen Doctor Strange-Film Kultregisseur Sam Raimi an Bord, mit dem er bereits bei dessen alter Spider-Man-Trilogie (2002 bis 2009) für Sony Pictures zusammengearbeitet hatte, die für die bis heute anhaltende Superhelden-Renaissance in den Kinos sorgte. Aus rechtlichen Gründen konnte jedoch der Spinnen-Superheld erst 2017 ins MCU gehievt werden. Ähnlich ist es bei den „X-Men“ oder den „Fantastic Four“: Allesamt Marvel-Filme aus den 2000er Jahren, die jedoch vom Filmstudio 20th Century Fox produziert wurden. Fox wurde inzwischen von Disney gekauft – eine Integration von Magneto und Co. ins MCU ist also nicht unwahrscheinlich, ein „Fantastic Four“-Film ist bereits angekündigt.

Ein Milliardengeschäft

Alle Filme und Serien des MCUs landen auf der Streaming-Plattform Disney Plus. Der Hintergrund: Zehn Jahre nach der Übernahme Disneys von Marvel für 4 Milliarden Dollar ging Disney Plus Ende 2019 an den Start. Einige der Helden bekamen eigene Filme, andere wiederum Serien, die exklusiv auf dem Stramingdienst Disney + bei der Marvel-Mutterfirma Disney laufen, wie „Loki“ und „Hawkeye“ etwa oder „Falcon und der Winter Soldier“. Vor kurzem lief auf dem Streamingdienst die Miniserie „Moon Knight“ mit „Dune“-Darsteller Oscar Isaac. Bereits Ende 2021 zählte das Unternehmen knapp 130 Millionen Abonnenten.

Konkurrent DC hingegen setzt auf die Streaming-Plattform HBO Max, die in Deutschland allerdings nicht verfügbar ist. Hier sind es rund 75 Millionen Abonnenten und dort tummeln sich die düsteren Helden der Comicwelt. Um auch hinsichtlich DC im Bild zu bleiben: Rund fünf Jahre nach dem Marvel-Baum entschloss sich auch der Heimatverlag von Superman und Batman, einen weiteren Comicfilmuniversums-Baum zu pflanzen. Der hat noch nicht so viele Blüten, ist noch nicht so groß und verzweigt, aber von Natur aus dunkel: das Geäst von DC mit dem gewaltigen Arm des DC Expanded Universe (DCEU), der zehn Filme trägt und 5,8 Milliarden Dollar schwer ist.

DC: Wenn Normalsterbliche auf Götter treffen

Für die Ästhetik des DCEU war zunächst maßgeblich der US-amerikanische Regisseur Zack Snyder verantwortlich. Er griff den teils düsteren Ton der Comics auf und übertrug ihn mit seiner Superman-Verfilmung „Man of Steel“ auf den Film. Sein Stil: Archaisch und mythologisch. Es geht um gefallene Helden und epische Schlachten. Zudem zeigt Snyder, was es heißt, als Mensch ohnmächtig zu sein ob einer göttlichen, kostümierten Übermacht.

Bei ihm, der „Man of Steel“ mit „Batman v Superman“ fortsetzte, haben bunte Superhelden-Garden keinen Platz – die anvisierte Zielgruppe besteht eher aus Erwachsenen als aus Kindern. Auch die Regisseure von „Wonder Woman“, „Aquaman“, „Shazam!“ und „Suicide Squad“ folgten diesem Stil, wenngleich sie diesen mit ein wenig Humor auflockerten. Die Resultate variierten jedoch: Während „Wonder Woman“, „Aquaman“ und „Shazam!“ an der Kinokasse punkteten, blieb „Suicide Squad“ künstlerisch und kommerziell hinter den Erwartungen zurück.

Zwischendurch gibt es experimentelle Filme

 

 

Wie auch bei Marvel gibt es im DC-Kosmos Filme, die losgelöst sind vom eigenen Universum. Hier rückt nicht selten der „Arthouse“-Faktor in den Vordergrund und lässt Spielraum für Experimente – nicht selten werden diese Filme für Charakterstudien oder einschlägige Milieubeobachtungen genutzt. „Joker“ etwa, ein Kassenschlager und Kritikerliebling aus dem Jahr 2018, der einem ausgemergelten Joaquin Phoenix in der Titelrolle den Oscar bescherte und zudem Martin Scorseses New Yorker Kult-Filme der New Hollywood-Ära wie „Taxi Driver“ oder „King of Comedy“ zitiert.

Oder „The Batman“, der im März dieses Jahres in die deutschen Kinos kam und mit einem Einspielergebnis von knapp 800 Millionen Dollar ein echter Hit an den Kassen war: Hier bastelte Regisseur Matt Reeves aus Elementen aus der Comicwelt und Detektivgeschichten einen harten Neo-Noir-Thriller: eine Mischung aus David Finchers „Sieben“, der Comic-Verfilmung „Sin City“ und dem Horrorfilm „Saw“. Eine Fortsetzung ist bereits fix.

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Grundverschiedene Ausrichtungen der Produzenten

Batman und Joker jüngst, Christopher Nolans „The Dark Knight“-Trilogie und Zack Snyders „Watchmen“ vor einiger Zeit – auch das ist DC. Oftmals atmosphärischer Gegenpol zum Marvel-Popcorn-Bombast, wo jeder ernste Akzent als Risiko betrachtet und fast immer unmittelbar mit einer Ladung Ironie pulverisiert wird. Hier macht es „Plopp“, „Pow“ und „Peng“, dort wummert, ächzt, hämmert es. Zwei grundverschiedene Ausrichtungen, die einander und auch dem Publikum guttun.

Der Beweis? Als MCU-Regisseur Joss Whedon den DC-Film „Justice League“ nach Zack Snyders Ausscheiden – er hatte familiäre Probleme – übernahm und via Nachdrehs sowie Veränderungen im Schneideraum eine Art marvelisiertes DC-Epos schuf, waren Kritiker und Kinobesucher gleichermaßen entsetzt. Whedons Scheitern zeigte dem Comic-Kino die Grenzen auf und zugleich, wie wichtig besagtes polare Verhältnis von Marvel und DC für die Wertigkeit dieser Filme ist.

Popcorn tritt an gegen unironischen Ernst

Das Gleichgewicht stellte Snyder schließlich selbst wieder her, als er Jahre später, genauer gesagt 2021, Whedons missratener „Justice League“-Version mit seinem eigenen, von vielen Fans geforderten „Snyder-Cut“ von „Justice League“ ein beispielloses Vier-Stunden-Epos gegenüberstellte. Eine Wiedergutmachung an die Fans, ein einmaliger Film und DC in Reinform: Kein fluffiges Popcorn-Erlebnis. Stattdessen ernst, düster, unironisch. Kein „Bam“, kein „Wham“ – dafür wummerte es dieses Mal so richtig.

Doch egal, ob DC oder Marvel: Ein Ende des Superhelden–Kinobooms dürfte gerade in unsicheren Zeiten nicht in Sicht sein.

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