Camiño de Santiago

„Himmel über dem Camino – Der Jakobsweg ist Leben!“

Der Film „Himmel über dem Camino – Der Jakobsweg ist Leben!“ zeigt die emotionale Katharsis des Wanderns auf dem Jakobsweg.
Filmszene aus „Himmel über dem Camino – Der Jakobsweg ist Leben!“
Foto: Ascot Elit

Der Jakobsweg erfährt seit den 1980er Jahren eine Wiederbelebung, zu der die Papstbesuche von Johannes Paul II. 1982 und 1989 sowie die Erklärung der „Wege der Jakobspilger in Europa“ zur ersten „europäischen Kulturstraße“ durch den Europarat 1987 erheblich beitrugen. In Deutschland gibt es gegenwärtig etwa 30 Jakobswege. Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ (2006), von dem mehr als sieben Millionen Exemplare verkauft wurden, und dessen Verfilmung 2015 verhalfen zu einer größeren Beliebtheit des Jakobsweges in Deutschland. Im französischen Spielfilm „St. Jacques. Pilgern auf französisch“ (DT vom 8.9.2007) wandert auf dem Jakobsweg eine heterogene Gruppe Menschen, die betont nicht religiös gezeichnet werden. Sowohl Emilio Estevez' Spielfilm „Der Weg“ (DT vom 21.6.2012) als auch Juan Manuel Cotelos Dokumentarfilm „Footprints – Der Weg Deines Lebens“ (DT vom 19.4.2018) unterstreichen hingegen die spirituell verändernde Kraft des Jakobswegs.

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Der jetzt im Kino anlaufende, neuseeländisch-australische Dokumentarfilm „Himmel über dem Camino – Der Jakobsweg ist Leben!“ von Fergus Grady und Noel Smyt konzentriert sich auf die körperliche, mentale und emotionale Erfahrung von sechs Menschen, die die Filmemacher auf dem Jakobsweg begleiten. Die vier Frauen und zwei Männer, allesamt ebenfalls aus Australien und Neuseeland, haben sich aus unterschiedlichen Gründen auf den Weg nach Santiago gemacht. Auch wenn immer wieder schöne Landschaftsaufnahmen in den Film eingeflochten werden, konzentrieren sich Grady und Smyt auf die persönlichen Schicksale ihrer sechs Protagonisten. Dabei offenbaren die Filmemacher die Beweggründe der sechs Wanderer nicht von Anfang an.

„Wenn ein Mensch läuft, öffnet er sich
gegenüber seinem Gesprächspartner ganz anders,
als wenn er steht oder sitzt“

Das dramaturgische Konzept besteht vielmehr darin, dass sie mit ihren Protagonisten das Gespräch unterwegs suchen. Dazu sagen sie selbst: „Wenn ein Mensch läuft, öffnet er sich gegenüber seinem Gesprächspartner ganz anders, als wenn er steht oder sitzt und dem Interviewer direkt ins Gesicht schaut. Vielleicht ist es gerade der Verzicht auf den Blickkontakt, der unglaublich persönliche Geschichten und intime Details an die Oberfläche bringt, die in einem herkömmlichen Gespräch undenkbar wären. Diese Vorgehensweise erwies sich als der richtige Weg, denn die stärksten emotionalen Momente des Films entstanden alle zufällig.“

 

Die „unglaublich persönlichen“ Geschichten der vier Frauen und zwei Männer sind meistens Geschichten vom Verlust geliebter Menschen, die dem Zuschauer wirklich nahegehen. Bei der wohl ältesten, Sue, handelt es sich – davon erfährt der Zuschauer mittels Rückblenden – um den dritten Anlauf, die 800 Kilometer von den französischen Pyrenäen bis Santiago de Compostela zurückzulegen. Denn zuvor waren ihre Bemühungen zweimal durch gesundheitliche Probleme ausgebremst worden. Dass der Film damit beginnt, dass Sue einen Zusammenbruch erleidet, und von den anderen wieder aufgebaut wird, tut dem Film gut, denn damit wird die Härte einer solchen Wanderung richtig vor Augen geführt. Nach und nach wird die Vorgeschichte der sechs Jakobsweg-Wanderer enthüllt. Sie verdeutlicht, warum etwa Julie den Jakobsweg als „emotionale Katharsis“ bezeichnet.

800 Kilometer von Kameras beim Pilgern begleitet

Die Dreharbeiten wurden meistens mit Handkamera bewältigt – von nur drei Personen: Neben Noel Smyth und Fergus Grady gehörte dazu noch die Produktionskoordinatorin Phoebe Curran. Sie blieben immer in der Nähe der Protagonisten: „Deshalb begleiteten wir sie auf Schritt und Tritt, die ganzen 800 Kilometer lang. Nacht für Nacht entschieden wir, mit wem wir am nächsten Morgen aufbrechen würden“.

Diese Vorgehensweise erklärt aber auch, dass sowohl manche Bilder verwackelt sind, als auch dass sich die Kameraführung nicht immer stringent ausnimmt. Dennoch fangen dadurch die Bilder drei Aspekte ein, die das Filmteam festhalten wollte: „die körperliche Anstrengung, die Schönheit der Umgebung und die schiere Größe dieser Reise“. Deshalb entschieden sich die Filmemacher „für den energiegeladenen Stil einer Handkamera, um den physischen Kampf unserer Pilger zu filmen. Für die Landschaftsaufnahmen und Beauty-Details wählten wir eine ruhige Kamera auf dem Stativ. Hinzu kamen Drohnenaufnahmen, die nicht nur die Entfernungen vermitteln, sondern den Zuschauern auch eine Verschnaufpause gönnen, nachdem er Bilder der Handkamera gesehen hat.“

Die technischen Mängel macht aber die Wahrhaftigkeit der sechs Protagonisten wieder wett. Gerade die Offenherzigkeit, mit der sie über Schicksalsschläge berichten, macht den Film sehenswert, der die geistig-spirituelle Kraft des Jakobswegs wieder einmal in Bilder übersetzt.

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