Auf dem Pilgerweg nah bei Gott sein

Im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum eine Ausstellung über das Pilgern in verschiedenen Kulturen. Von Heinrich Wullhorst
Pilgerin auf dem Jakobsweg
Foto: Matthias Dunemann | Pilgerin durch wunderbare Landschaften auf dem Jakobsweg.

Pilgern bedeutet, dem Wortsinn nach, „in die Fremde gehen“. Immer wieder brechen Menschen auf, um bei sich selbst und bei Gott anzukommen. Sie nehmen oftmals strapaziöse Reisen, körperliche Anstrengungen und finanzielle Entbehrungen in Kauf, um zum Ort ihrer spirituellen Sehnsucht zu gelangen. Das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum präsentiert bis zum 9. April 2017 in einer Ausstellung unter dem Titel „Pilgern – Sehnsucht nach Glück?“ 14 solcher Orte rund um den Erdball. Auf 1 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche wird gezeigt, wie sich Millionen Menschen aus unterschiedlichen Religionen und Kulturen auf den Weg begeben und so das Pilgern immer mehr zu einem weltumspannenden Phänomen machen.

Nur wenige Orte eignen sich so sehr für eine solche Ausstellung wie die Domstadt am Rhein. Seit dem Mittelalter gilt Köln als eines der bedeutendsten Pilgerzentren. Hier werden die Reliquien der Heiligen Drei Könige verehrt, die im Jahre 1164 in die Stadt kamen. Mit den Pilgerströmen wuchs auch der Wohlstand von Stadt und Kirche. Pilger müssen untergebracht und versorgt werden, sie konsumieren und nehmen Souvenirs von der Pilgerreise mit in ihre Heimat. So beeinflusst die spirituelle Reise immer auch den Handel, den Fremdenverkehr, die Logistik und das Kunstgewerbe des Ortes und der Region. Heute besuchen täglich etwa 10 000 Menschen den Kölner Dom, wobei viele von ihnen eher Touristen als Pilger sind.

Zum Pilgern gehört nämlich nicht in erster Linie das Bewundern interessanter Architektur oder das Bestaunen jahrhundertealter Kunstwerke. Pilgern hat eben diese besondere Komponente der Suche nach Heilung und Erleuchtung.

Am Anfang der Ausstellung steht, nahezu selbstverständlich, einer der bekanntesten Pilgerwege der Welt: der Jakobsweg, der die Menschen über ein Streckennetz von fast 41 000 Kilometern quer durch Europa nach Santiago de Compostella führt. Mit der Entdeckung des Grabes des Heiligen Jakobus im neunten Jahrhundert entwickelte sich der Ort in Galizien zu einer bedeutenden Pilgerstätte. Einen neuzeitlichen Boom, sich auf den Jakobsweg zu begeben, löste das von Hape Kerkeling im Jahre 2006 geschriebene Buch „Ich bin dann mal weg“ aus. Seitdem machen sich immer mehr Menschen auf den Weg, nicht nur auf der Suche nach berührenden Glaubenserlebnissen, sondern auch aus Naturverbundenheit oder als sportliche Herausforderung.

In den unterschiedlichen Pilgerstätten zeigt sich auch die unterschiedliche, zumeist kulturell beeinflusste Spiritualität des Ortes. Das zeigt die Verehrung der Jungfrau von Guadalupe in Mexiko-Stadt. Das Heiligtum auf dem Tepeyac-Hügel gilt als die weltweit meistbesuchte Marienpilgerstätte. Für diejenigen, die beim Pilgern Ruhe suchen, wirkt es vielleicht eher befremdlich: Um dem Ansturm der Pilger gerecht zu werden, fahren diese in der 1976 eingeweihten neuen Basilika auf vier Laufbändern unter dem Gnadenbild der Mutter Gottes vorbei. Allein im Dezember, der Hauptzeit der Wallfahrt, kommen sechs bis acht Millionen Menschen zur Jungfrau von Guadalupe.

Viele der Pilgerstätten sind schon lange Orte religiöser Verehrung und über die Jahrhunderte und den kulturellen Wandel auf eine andere Religion übertragen worden. Das Heiligtum des „Herrn des glänzenden Schnees“ in Sinakara in Peru ist ein Beispiel dafür. In einer Höhe von 5 000 Metern am Fuß des schneebedeckten Andengipfels Ausangate suchten die Inka die Nähe zu ihrer Berggottheit. Nach der Eroberung durch die Spanier wandelte sich der Ort zur christlichen Pilgerstätte.

Geht man mit offenen Augen durch die Ausstellung, so erfährt man auf den informativen Schrifttafeln oder durch den sehr gut gemachten Audio-Guide nicht nur viel über das Pilgern an sich und die Besonderheiten der Orte, man entdeckt auch eigene Sehnsüchte und beschließt: „Dort will ich unbedingt einmal hin“. Eine solche Pilgerstätte sind die Felsenkirchen von Lalibela in Äthiopien. Sie zählen zu den größten von Menschen geschaffenen monolithischen Bauten der Welt. Auf einem Areal von mehr als 150 000 Quadratmetren hat man hier elf Kirchen in ein Felsplateau aus Vulkanbasalt geschlagen. Bereits seit dem 13. Jahrhundert pilgern die Menschen an diesen Ort. 180 000 Gläubige machen sich jährlich auf den Weg, die Hälfte von ihnen zum äthiopischen-orthodoxen Weihnachtsfest am 6./7. Januar.

Pilgern ist selbstverständlich nicht lediglich eine Angelegenheit der Christen. Deshalb beschäftigt sich die Ausstellung auch mit den bedeutenden Pilgerorten anderer Religionen. Gemeinsame Schnittstellen gibt es seltener. Ein solcher Ort ist allerdings Jerusalem. Für die drei großen monotheistischen Religionen, das Judentum, das Christentum und den Islam, ist es eine heilige Stadt. Trotz aller Konflikte und ungelöster Probleme machen sich seit fast 3 000 Jahren Gläubige zu den heiligen Stätten in der Altstadt auf den Weg. 2,7 Millionen Pilger und Reisende kamen im Jahre 2014 in die Heilige Stadt, in der es 1 200 Synagogen, 150 Kirchen und 70 Moscheen gibt.

Der zentrale Pilgerort des Islam ist Mekka. Es gehört zu den religiösen Pflichten eines Moslems, soweit er es sich finanziell und körperlich erlauben kann, einmal in seinem Leben dorthin zu reisen. Der Überlieferung zufolge soll Abraham, den die Muslime als Propheten verehren, hier die Kaaba als das Haus Gottes erbaut haben. In Mekka soll später auch dem Propheten Mohammed der Koran offenbart worden sein. Drei Millionen Muslime aus der ganzen Welt nehmen an der jährlichen Wallfahrt teil. In weißen Gewändern ziehen sie siebenmal um die Kaaba. Ein weiterer Pilgerort macht deutlich, dass die Auseinandersetzungen innerhalb des Islam zwischen Schiiten und Sunniten durchaus nicht neu sind. So gilt der Schrein des Enkels des Propheten Mohammed, Hussein Ibn Ali, im irakischen Kerbela als heilige Stätte des schiitischen Islams. Er starb in einer Schlacht, in der sich Schiiten und Sunniten in der Auseinandersetzung um die Nachfolge des Propheten Mohammed bekämpften. Große islamische Pilgerstätten gibt es aber nicht nur auf der Arabischen Halbinsel, sondern auch in Afrika. Bis zu fünf Millionen Angehörige der Sufi-Gemeinschaft, einer mystischen Richtung des Islam, kommen einmal im Jahr in die heilige Stadt Touba im Senegal. Ebenfalls zu einer sufistischen Glaubensgemeinschaft gehört Ajmer, ein Pilgerort in Indien, der sowohl von Muslimen als auch von Hindus besucht wird. Die Luft ist während der Pilgerzeit voll vom Duft unzähliger Rosenblüten und dem Geruch von 7 000 Kilo süßem Safranreis, der als gesegnete Speise an dem Ort verteilt wird. Oft sind es Flüsse und Berge, die als besondere Heiligtümer verehrt werden. Dazu gehört im Hinduismus der Ganges.

Pilgerreisen führen die Menschen zu Gott und zu sich selbst, geben ihnen aber auch die Gelegenheit, ihre Glaubensüberzeugung mit anderen gemeinsam zu erleben und zu feiern. Beim Pilgern begegnet man den unterschiedlichsten Formen der Verehrung, wird mit außergewöhnlichen Düften von Rosenblättern bis Weihrauch konfrontiert und findet überall andere Riten, die die Verbindung zum Göttlichen herstellen sollen. Manchmal schließt sich da dann auch der Kreis nach Köln. Scheich Amadou Bamba, der im Senegal verehrt wird, soll zu Lebzeiten gesagt haben: „Immer, wenn Ihr Euch mit Eau de Cologne einsprüht, umgeben Euch die Engel.“

Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum: Pilgern – Sehnsucht nach Glück? Cäcilienstraße 29-33, 50667 Köln, bis 9.4.2017

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