Wanderarbeiter

Film „Nomadland“: Auf den Spuren moderner Wanderarbeiter in den USA

Im Film „Nomadland“ spielen die Schauspieler ihr eigenes Leben. Der humane Blick der Regisseurin auf moderne Arbeits-Nomaden macht das Besondere an dem Film aus .
Frances McDormand
Foto: Disney

Eine Schrifttafel gibt den genauen Zeitpunkt des Beginns von „Nomadland“ an: „Am 31.1.2011 legte aufgrund geringer Nachfrage nach Gipsplatten US Gypsum sein Werk in Empire, Nevada, nach 88 Jahren still“. Die etwa 60-jährige Witwe Fern (Frances McDormand) verkauft all ihre Habe, begleicht ihre Schulden und macht sich auf den Weg in ihrem Van.

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Fern wohnt fortan in ihrem Transporter, mit dem sie quer durch den Westen der Vereinigten Staaten auf der Suche nach Saisonjobs fährt. Sie arbeitet beispielsweise in der Vorweihnachtszeit als Packerin bei Amazon, dann in einer Wäscherei. Sie putzt die Küche eines Fast-Food-Restaurants, hilft bei der Rübenernte oder jobbt im Sommer als Toiletten-Putzfrau in einem Nationalpark. Sie lernt dadurch immer wieder neue Menschen kennen, so den etwa gleichaltrigen Dave (David Strathairn), oder trifft auf dieselben bekannten Gesichter an unterschiedlichen Orten, insbesondere auf Linda (Linda May). Und einmal im Jahr treffen sich die modernen Nomaden, die in ihren Wohnmobilen durch die Landschaft reisen, mitten in der Wüste von Arizona.

„Nomadland“ basiert auf dem 2017 erschienenen Sachbuch „Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century” (Deutsch: „Nomaden der Arbeit. Überleben in den USA im 21. Jahrhundert“) von Jessica Bruder. Die Journalistin, die unter anderem für die „New York Times“ arbeitet, verbrachte Monate in einem Wohnmobil, um den Lebensstil der Saison- und Gelegenheits-Arbeiter in den Vereinigten Staaten nachzuspüren, die ständig als Nomaden leben.

Sie gestaltet Fern mit wenig Dialogen,
dafür mit Gesten, die Menschenfreundlichkeit,
eher Gleichmut als Gleichgültigkeit äußern“

Drehbuchautorin und Regisseurin Cholé Zhao verknüpft dabei dokumentarische mit Spielfilmelementen. So sind Frances McDormand und David Strathairn die einzigen Berufsschauspieler in „Nomadland“, und ihre Figuren wohl eine Verdichtung real existierender Menschen. Alle anderen Akteure sind tatsächliche Nomaden, die sich selbst spielen. Unterstützt vom „springenden“ Schnitt, wodurch der Film eher Impressionen aus dem Leben der modernen Nomaden als eine durchgehende Filmhandlung wiedergibt, entsteht ein ganz spezieller, ein wahrhaftiger Blickwinkel, aus dem die Regisseurin auf ihre Figuren schaut. Dabei ist dieser Blick genauso entfernt von Selbstmitleid wie von einer Verklärung der besonderen Lebensverhältnisse der Nomaden. Dass dieses schwierige Gleichgewicht Chloé Zhao gelingt, macht das Besondere, das Außergewöhnliche an „Nomadland“ aus.

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Wesentlich dazu trägt das zurückgenommene Spiel von Francesc McDormand bei, das im Grunde das genaue Gegenteil von der elementaren Gewalt ist, mit der die Schauspielerin ihre Rollen bislang verkörpert hat, so etwa in den zwei Filmen, für die sie bislang den Oscar gewonnen hatte: „Fargo“ (1997) und „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (2018). Sie gestaltet Fern mit wenig Dialogen, dafür mit Gesten, die Menschenfreundlichkeit, eher Gleichmut als Gleichgültigkeit äußern. Zwar stehen Fern, die von der professionellen Schauspielerin gestaltete Figur, und ihre „Geschichte“ im Mittelpunkt. Sie ist jedoch eine Verdichtung all der wirklichen Menschen, die sich hier selbst spielen.

Der kleine Mensch in großer Landschaft

„Nomadland“ wurde als „Neo-Western“ bezeichnet. Nicht nur weil die modernen Nomaden wie die Westerner an der „frontier“, an der Grenze der Zivilisation, leben, Sondern insbesondere auch wegen der spektakulären, von Kameramann Joshua James Richards eingefangenen Landschaftspanoramen aus Nebraska, Kalifornien, South Dakota, Arizona und Nevada, die in ihrer Interaktion mit den Menschen – „kleiner Mensch in großer Landschaft“ – an die dem Western eigentümliche Inszenierung der Landschaftspanoramen gemahnt.

 

Die Verbundenheit des Menschen mit der Natur wird in „Nomadland“ darüber hinaus durch eine Kameraführung unterstrichen, die als eine Hommage an die bekannten Kamerafahrten in den Filmen von Terrence Malick, insbesondere in „The Tree of Life“ (DT vom 16.6.2011), aufgefasst werden kann. Malick drückt dadurch die Suche nach Transzendenz, auch nach den Spuren des Schöpfers in der Schöpfung, aus. Etwas davon ist ebenfalls in „Nomadland“ zu spüren.

Die Filmmusik fügt den Schnitt zusammen

Als Soundtrack setzte Chloé Zhao Ludovico Einaudis Klavier-Zyklus ein. Die Filmmusik bildet eine solche Einheit mit jeder Einstellung des Filmes, eine Art Choreographie, dass die Drehbuchautorin und Regisseurin selbst bekennt: „Erst mit der Musik passte der Schnitt“

Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung wurde „Nomadland“ mit drei Hauptpreisen ausgezeichnet: als Bester Film, für die Beste Regie und für die Beste Hauptdarstellerin (Frances McDormand). Damit ist die aus China stammende Chloé Zhao nach Kathryn Bigelow erst die zweite Frau, die mit einem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde. „Nomadland“ gewann außerdem in Venedig den Goldenen Löwen und in Toronto ebenfalls den Haupt-, den Publikumspreis. Insgesamt verzeichnet die IMDb-Datenbank 232 Filmpreise, mit denen „Nomadland“ ausgezeichnet wurde.


„Nomadland“ läuft seit dem 1. Juli in deutschen Kinos.

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