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Kindesentführung auf mexikanisch

Der Kampf um die Kinder: Trotz anderer Vorzeichen und Abläufe fühlen sich die Zuschauer der Netflix-Serie an das Entführungsdrama um die Block-Kinder erinnert.
Auf Anordnung seines Vaters entführt Leo (Emiliano Zurita) seine Kinder Tamara und Isaac nach Europa. Doch die Mutter gibt nicht auf.
Foto: Toya Sarno / Netflix | Auf Anordnung seines Vaters entführt Leo (Emiliano Zurita) seine Kinder Tamara und Isaac nach Europa. Doch die Mutter gibt nicht auf.

Die mexikanische Netflix-Miniserie „Niemand sah uns gehen“ („Nadie nos vio partir“) beginnt mit einer Tat, die sich als Fürsorge tarnt: Leo Saltzman (Emiliano Zurita) bringt seine Kinder Tamara (Marion Sirot) und Isaac (Alexander Varela Pavlov) nicht zur Schule, sondern zum Flughafen. „Paris wird euch guttun“, sagt er, im Einklang mit dem Plan seines Vaters Samuel (Juan Manuel Bernal), Patriarch einer wohlhabenden jüdischen Familie in Mexiko-Stadt: „Die Kinder sind fernab von hier besser aufgehoben.“

Als Valeria (Tessa Ía), die Mutter, nach Hause kommt, fehlen die Pässe. An der Schwelle des Hauses ihrer Schwiegereltern fällt der Satz wie ein Urteil: „Du weißt ganz genau, warum das passiert ist.“ Damit ist die Dynamik der Serie festgelegt: Flucht, Suche, Machtkampf. Doch es geht nicht um den Nervenkitzel eines Thrillers. Die Entführung wird als Riss genutzt, um sichtbar zu machen, wie Gehorsam, Ruf und Geld familiäre Bindungen unterwandern.

Drehbuchautorin María Camila Arias, die den Roman von Tamara Trottner adaptiert, erzählt mit strenger Ökonomie. Rückblenden verweben sich zu einem Geflecht aus Erwartungen und Schuld. Die kindliche Ich-Perspektive der Vorlage weicht einem Panorama erwachsener Perspektiven, das Machtverhältnisse unbarmherzig offenbart. Paris 1964 ist kein romantischer Zufluchtsort, sondern das Vakuum einer Lüge. Leo redet sich ein, aus Verantwortung zu handeln – doch im Grunde gehorcht er nur. Je länger er seine Kinder mit dem Versprechen hinhält, die Mutter komme nach, desto leerer klingt es.

Sparsame Bilder

Die eigentliche Spannung der Serie entsteht aus ihrer formalen Zurückhaltung. Innenräume sind zu ordentlich, als dass man ihnen trauen könnte: Harmonie als Tarnung. Die Kamera bleibt oft auf Distanz, als wolle sie keine Partei ergreifen, nicht mitschuldig werden am Drama, das sich hinter höflichen Sätzen entfaltet. Das ist kein melodramatischer Trick, sondern ein langsames Sichtbarwerden von Kontrolle. Besonders Juan Manuel Bernal als Samuel spielt Kälte nicht als Lautstärke, sondern als Selbstverständlichkeit: Autorität, die nicht argumentiert, sondern verfügt.

Tessa Ía verleiht Valeria die Energie einer Frau, die sich weigert, zur Statistin degradiert zu werden. Sie spielt nicht hysterisch, sondern widerständig: Blick, Atem, Entschlossenheit, die sich gegen eine Wand aus Anstandsrhetorik stemmt. Emiliano Zurita wiederum verkörpert Leo als schwachen Vollstrecker – einen Mann, der sich Schutzgründe zurechtlegt und doch spürt, dass er vor allem gehorcht. Gerade diese Ambivalenz macht die Figur interessant. Man sieht, wie ein Mensch moralisch zerfällt – kein Monster, sondern ein Getriebener.

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Manchmal erliegt „Niemand sah uns gehen“ bei aller Atmosphäre der Versuchung klassischer Spannungsbögen: Verfolgungen, Grenzübergänge, Last-Minute-Fluchten, Interpol- und Mossad-Spuren, Europa als Postkarte der Entwurzelung. Doch dort, wo sie am stärksten ist, bleibt sie bei der inneren Logik der Gewalt: Kinder werden nicht nur entführt, sie werden instrumentalisiert – als Mittel, der Mutter zu schaden, als Beute in einem Kampf, der sie überfordert. In einer besonders eindringlichen Szene laufen Isaac und Tamara nachts in einen italienischen Wald, „wie Hänsel und Gretel“, getrieben von der Ahnung, dass ihr Vater lügt. Gleichzeitig wird anderswo, bei Galadinnern und Einweihungen, die Fassade gefeiert, die ihre Angst erst ermöglicht.

Ein vererbtes Sittengemälde

Der „wahre Hintergrund“ bleibt glücklicherweise nicht die Hauptattraktion, schimmert jedoch als Garantie für Ernsthaftigkeit mit: Die Serie basiert auf den Memoiren einer Betroffenen und erinnert daran, dass solche Fluchten nicht Fiktion, sondern Familienrealität sein können. Die Drehbuchautorin interessiert sich weniger für Sensation als für das, was bleibt: Schuld, Verwüstung und die Frage, wie man nach Jahren der Lüge zu einer eigenen Wahrheit findet.

„Niemand sah uns gehen“ ist kein perfekter Thriller, wohl aber ein bemerkenswertes Sittengemälde über vererbten Gehorsam, die Kälte der „guten Kreise“ und über eine Mutterschaft, die nicht romantisiert, sondern als Widerstand gezeigt wird. Wer bloße Spannung sucht, könnte die kontrollierte Tonlage als zu beherrscht empfinden. Wer jedoch sehen möchte, wie Macht sich als Moral verkleidet, entdeckt eine Serie, die lange nachhallt.

In Deutschland ist das derzeit besonders von Interesse. Dort bewegt das Reality-Drama mit der Entführung der Block-Kinder ein breites Publikum.

„Niemand sah uns gehen“ („Nadie nos vio partir“), Mexiko 2025. Drehbuch: María Camila Arias (nach dem Roman von Tamara Trottner). Regie: Lucía Puenzo, Nicolás Puenzo, Samuel Kishi Leopo, 5 Folgen à 46–52 Minuten. Auf Netflix.


Der Autor ist Historiker und schreibt aus Berlin zu Film, Kunst und Kultur.

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José García

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