Familie oder Kunst? Das ist hier die Frage, die Oscar-Preisträgerin Chloé Zhao in „Hamnet“ stellt – in spielerischer Anlehnung an Shakespeares berühmtes „Sein oder Nichtsein“ aus „Hamlet, Prinz von Dänemark“. Die in den USA lebende, 43-jährige chinesische Regisseurin greift existenzielle Fragen nach Leben, Leiden und Sterben auf und zeigt, welche Opfer die Hinwendung zur Kunst der Familie eines Künstlers abverlangen kann – und weshalb Kunst dennoch eine Möglichkeit von Katharsis und Trost eröffnet.
Zhaos Film basiert auf dem preisgekrönten Bestseller „Judith und Hamnet“ (2020) von Maggie O’Farrell, die gemeinsam mit Zhao auch das Drehbuch verfasst hat. Nachdem ihr Independent-Film „Nomadland“ 2021 auf Anhieb drei Oscars gewann und ihr Ausflug ins Blockbuster-Kino mit „Eternals“ im selben Jahr auf viel Kritik stieß, war es zunächst still geworden um die Regisseurin. Nun meldet sie sich zurück – und nimmt erneut Kurs auf die Oscars. Ihre Chancen stehen gut: „Hamnet“ konnte jüngst bei den Golden Globe Awards sowohl den Preis für das beste Filmdrama gewinnen als auch – mit Jessie Buckley in der Rolle von Shakespeares Ehefrau Agnes – den Preis für die beste Hauptdarstellerin. Über William Shakespeare selbst wissen wir vergleichsweise wenig; sein Leben ist nur spärlich dokumentiert.
Shakespeares Ehefrau wird zur Hauptfigur
Doch genau das interessiert Chloé Zhao kaum. Ihre Romanadaption erzählt eine konkrete, zutiefst menschliche Familiengeschichte über den gefeierten Dichter – ohne sich primär für Biografie oder Mythos zu begeistern. Im Zentrum stehen Agnes und die drei Kinder (Susanna, Judith und Hamnet): ein herzzerreißendes Porträt von Liebe, Familie, traumatischem Verlust und der verwandelnden Kraft der Kunst.
Shakespeares Geburtsort ist historisch gesichert – und hier, in Stratford-upon-Avon, beginnt im Jahr 1580 die Handlung. Zhao zeigt Shakespeare zunächst als jungen Lateinlehrer, der sich unsterblich in die naturliebende Agnes verliebt – eine sensible Frau, die um die Heilkraft von Pflanzen weiß und deren Wissen fast zwangsläufig Argwohn weckt. Während William unter seinem strengen Vater John (David Wilmot) leidet, der aus dem vermeintlichen Nichtsnutz einen Handwerker machen will, kämpft Agnes in der streng geregelten englischen Gesellschaft gegen den Verdacht, eine Waldhexe zu sein. Schließlich heiraten die beiden Außenseiter, führen ein einfaches Leben und gründen eine Familie.
Schon bald spürt Agnes jedoch, dass William, erdrückt von der Enge der Kleinstadt, nach London gehen muss, um dort seinen literarischen Aufstieg zu versuchen und seine künstlerischen Träume zu verwirklichen. Agnes ist hin- und hergerissen. Sie kann ihrem Mann nicht folgen, weil sie die Nähe zur Natur, die ihr Leben trägt, nicht aufgeben will. Die daraus entstehende Fernbeziehung hält die Liebe zwischen beiden zunächst aus – bis das Unvorstellbare geschieht: Der einzige Sohn Hamnet (altenglisch verwandt mit „Hamlet“) stirbt im Alter von nur elf Jahren an der Pest. Der Verlust droht, die Ehe zu zerreißen.
Entfremdung in der Ehe
In dem Versuch, Schmerz und Erinnerung mit den Mitteln der Kunst zu fassen, entfernt sich William zunehmend von seiner Frau. Beide gehen als Eltern unterschiedliche Wege im Umgang mit Trauer. Agnes versteht Williams Art zu trauern nicht – und fühlt sich, mitten in der Katastrophe, alleingelassen. Währenddessen beginnt William, in tiefer Verzweiflung, an „Hamlet“ zu schreiben: ein monumentales Werk, ein universelles Gleichnis über Liebe und Verlust, das bis heute zu den größten Dramen der Literaturgeschichte zählt.
Zhao konnte für ihren Film ein herausragendes Ensemble gewinnen, zu dem auch Emily Watson gehört. Doch „Hamnet“ ist vor allem Jessie Buckleys Film – nicht nur, weil wir die Geschichte durch Agnes’ Augen erleben. Buckley trägt das Werk mit einer Präsenz, die zugleich kraftvoll und verletzlich ist: als selbstbewusste Frau, ihrer Zeit voraus, als Mutter, die in der Trauer zu einem Naturereignis wird. In ihrer Darstellung erweist sie sich erneut als schauspielerische Naturgewalt – fähig zu filigraner Zurückhaltung ebenso wie zu glaubwürdigen Ausbrüchen überwältigender Emotionalität.
Der Autor ist Geistlicher im Erzbistum Köln und schreibt zu Film und Kultur.
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