Der Hamburger Helmuth Hübener war gerade einmal 17 Jahre alt, als er am 27. Oktober 1942 in Berlin-Plötzensee wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ durch Enthauptung hingerichtet wurde. Damit gehört Hübener zu den jüngsten Widerstandskämpfern des Dritten Reiches, die vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurden. Er war ein gläubiges Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, einer Hamburger Konfessionsgruppe der mormonischen Kirchengemeinde St. Georg.
Schon Günter Grass ließ sich von Hübeners Schicksal inspirieren und verarbeitete die Geschichte dieses mutigen und provokanten Jugendlichen in seinem 1969 erschienenen Roman Örtlich betäubt. Nun hat sich auch der amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Matt Whitaker des Themas angenommen und das Leben Helmuth Hübeners im Kinofilm Wahrheit & Verrat verarbeitet. Whitaker gilt als ausgewiesener Kenner von Hübeners Biografie: Bereits 2002 produzierte er mit seinem Dokumentarfilm Truth & Conviction einen ersten filmischen Beitrag über den jungen Widerstandskämpfer. Ein für 2009 geplanter Spielfilm konnte damals jedoch nicht realisiert werden. Erst 2024 begannen die Dreharbeiten in Litauen, und im Oktober 2025 feierte der Film in den USA seine Premiere – im hundertsten Geburtsjahr Helmuth Hübeners, der am 8. Januar 1925 in Hamburg zur Welt kam. Mit einigen Monaten Verspätung ist die Filmbiografie nun auch in deutschen Kinos gestartet.
Mormonen-Predigt als Hitler-Propaganda
Es überrascht, dass eine so ungewöhnliche Figur bislang keine größere filmische Aufarbeitung für das Kino erfahren hat. Wir schreiben das Jahr 1941. Es ist Sommer, der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange. Doch der 16-jährige Hitlerjunge Helmuth Hübener (Ewan Horrocks), der gerade eine Berufsausbildung für die gehobene Verwaltungslaufbahn in der Hamburger Sozialbehörde begonnen hat, genießt gemeinsam mit seinen Freunden Karl-Heinz Schnibbe (Ferdinand McKay), Rudi Wobbe (Daf Thomas) und Solomon Schwarz (Nye Occomore) noch seine Jugend. Sie besuchen die Gottesdienste ihrer Mormonen-Gemeinde, wo der Zelebrant sie mit „Heil Hitler!“ begrüßt und seine Predigten zunehmend zu staatstreuer Propaganda missbraucht.
Als Helmuth in den Besitz eines Radios gelangt, mit dem er heimlich den britischen Feindsender BBC abhören kann, beginnt er, die lügnerische Propaganda der Nationalsozialisten zunehmend zu hinterfragen. Er kommt zu dem Schluss, dass der seit zwei Jahren andauernde Krieg von Deutschland nicht gewonnen werden kann. Seine Hoffnung richtet sich auf die Befreiung durch die Alliierten – und darauf, auch andere von den Verbrechen des Regimes zu überzeugen. Zudem stößt ihn der unkameradschaftliche Drill, der autoritäre Ton und die Willkür der geistlosen Hitlerschergen zunehmend ab.
Als schließlich seinem halbjüdischen Freund Solomon der Zutritt zur Mormonen-Kirche verboten wird und die Nationalsozialisten ihn verhaften und nach Auschwitz deportieren lassen, erwacht in Helmuth und seinen Freunden der Wunsch, zu handeln. Aus Mitläufern werden Gegner. Die Jugendlichen gründen eine Widerstandsgruppe und setzen sich – ähnlich wie die Geschwister Scholl in München – mit selbst getippten und vervielfältigten Flugblättern, die sie in ganz Hamburg verteilen, gegen Propaganda und Unterdrückung zur Wehr.
Doch ihr Engagement bleibt nicht unbemerkt. Bei allem Enthusiasmus agieren sie häufig unvorsichtig und mit jugendlichem Leichtsinn. Bald ziehen ihre Aktionen die Aufmerksamkeit des ambivalent gezeichneten Gestapo-Beamten Erwin Mussener (Rupert Evans) auf sich. Helmuth wird verhaftet, brutal verhört und steht vor der existenziellen Entscheidung, seine Überzeugungen zu widerrufen und seine Freunde zu verraten – oder im Angesicht des Todes standhaft zu bleiben.
Flammende Anklage gegen NS-Regime
Die Gestapo will dabei nicht glauben, dass der erst 17-Jährige die von der Lyrik Thomas Manns inspirierten, rhetorisch anspruchsvollen Texte selbst verfasst haben soll, in denen Adolf Hitler als blutiger Demagoge verspottet wird. Man hält die Flugblätter für das Werk eines Universitätsprofessors. Zwar gelingt es Helmuth rasch, die Vernehmer vom Gegenteil zu überzeugen, doch glaubhaft darlegen, dass er sämtliche Flugblätter allein verteilt hat, kann er nicht. Als ihm der Prozess gemacht wird und er das Angebot seines Anwalts ausschlägt, sich durch Schuldzuweisungen an andere zu retten, wird die Gerichtsverhandlung zu einer flammenden Anklage gegen das NS-Regime.
Es gibt unzählige Filme über die Zeit des Nationalsozialismus, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Ob The Zone of Interest, In Liebe, Eure Hilde, Das Ungesagte oder Amrum – jeder versucht, einen neuen filmischen Zugang zu den Gräueln jener Epoche zu finden. Regisseur Matt Whitaker ist dabei in Kooperation mit den US-amerikanischen Angel Studios, die sich auf christlich geprägte Filme (Sound of Freedom, Die Gesandte des Papstes) und Serien (The Chosen) spezialisiert haben, ein berührender und eindrucksvoller Film gelungen. Wahrheit & Verrat erzählt auf konventionelle Weise eine moderne Heiligengeschichte, überzeugt jedoch durch zügiges Erzähltempo, solide Regiearbeit und eine durchweg starke Besetzung. Der Film unterhält, regt zum Nachdenken an und entfaltet emotionale Kraft.
Kritisch anzumerken bleibt, dass sich die Inszenierung fast ausschließlich auf den Akt des Widerstands und dessen Folgen konzentriert. Über Helmuths frühe Kindheit oder seine Zeit in der Hitlerjugend erfährt man nichts, auch sein familiäres Umfeld bleibt blass. So wird nie ganz deutlich, wie dieser hochbegabte Junge zu jenem standfesten und furchtlosen Jugendlichen wurde, der er schließlich war. Bereits nach fünfzehn Minuten hört Helmuth die BBC, nach einer halben Stunde tippt er die ersten „Nieder mit Hitler!“-Flugblätter, und nahezu die gesamte zweite Hälfte des Films spielt im Gefängnis oder im Gerichtssaal.
Angel Studios haben Wahrheit & Verrat inzwischen auf ihrer hauseigenen Streaming-Plattform auch als vierteilige Miniserie veröffentlicht. Möglicherweise erfährt man dort mehr über diesen beeindruckenden und noch immer zu wenig bekannten Helden des gewaltlosen Widerstands, der aus seinem Glauben heraus an der Wahrheit festhielt – und dafür mit seinem Leben bezahlte. Solche Vorbilder braucht auch unsere Gegenwart, in der die Geister der Vergangenheit erneut auf dem Vormarsch sind und Lügen wieder als Wahrheit verkauft werden.
„Wahrheit & Verrat“. USA 2025, Regie: Matt Whitaker, 120 Minuten. Kinostart: 5. Februar.
Der Autor ist katholischer Geistlicher im Erzbistum Köln und schreibt zu Film und Kultur.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









