Es ist bemerkenswert, dass der Urvater der abendländischen Philosophie keine Lehrbücher geschrieben hat. Die Rede ist natürlich von Platon, der – im klaffenden Unterschied zu seinem Schüler Aristoteles – auf mehrbändige, paragraphierte Abhandlungen verzichtete und stattdessen Dialoge schrieb: Gespräche, die uns nicht nur Aussagen vor Augen stellen, sondern lebendige Menschengestalten. Es besteht kein Anlass, diese Methode zu belächeln und der strengen Aussagenlogik ein Monopol über die Wahrheit zuzusprechen: Gewiss kann man auf die Frage „Was ist Liebe?“ mit einer sachbuchartigen Definition korrekt antworten – doch wird man der Wahrheit dadurch nicht so nah kommen wie durch fünfzig Jahre Ehe. Der Poet weiß mehr über die Liebe als der Psychologe. Eben darum unterwies auch der Heiland die Apostel nicht durch Gesetzeskataloge, sondern durch Gleichnisse: Wir lernen am Menschen mehr als am Satz.
Und darin liegt die zeitlose Kraft der platonischen Dialoge: Sie sind meist Gespräche mit Figuren des Mythos. Was unterscheidet solche von anderen literarischen Figuren? Die Figuren des Mythos steigen in der Literatur, Dichtung und Musik jeder Epoche erneut zur Sichtbarkeit auf: der starke Held, die Dame in Not, der listige Schuft … Sie sind dieselben, aber immer neu fleischwerdenden großen Themen, die verschiedene Gestalten annehmen.
Karriere und Ego ohne Überzeugung
In meinem liebsten Dialog, dem Gorgias, begegnen wir einem solchen Mythos-Charakter. Platon gibt ihm den Namen Kallikles, und das hinter ihm stehende Thema heißt Macht. Kallikles ist ein Redner, ein Machthaber und eiskalter Praktiker – er ist die Summe aller schlechten Vorurteile des Berufspolitikers. Er ist nämlich einer, dem die Liebe zur Wahrheit abhandengekommen ist: Mit Prinzipien und Idealen kann er nichts anfangen, solange sie keinen sichtbaren Nutzen haben. Er will die Menschen nicht von der Wahrheit überzeugen, sondern er will sie überzeugen; es geht ihm nicht um den Sieg des Guten, sondern um den Sieg. Es handelt sich also um jene zeitlose Figur, die schlimmer ist als der Schurke: den Gleichgültigen. Als sein Ideal nimmt er stets und ohne einen Funken echter Überzeugung das an, was ihm gerade nützt – hierin unterscheidet er sich übrigens nicht von der mythischen Figur des Feiglings.
Der Gleichgültige ist unfähig geworden, sich von Tieferem berühren zu lassen: Das Drama ist für ihn nur Schauspielkunst, die Symphonie nur Noten, das Festmahl nur Zutaten. Es ist präzis dieser seelenleere Typus des Kallikles, den Hannah Arendt im SS-Mann Adolf Eichmann erkannte: Man stellte sich einen geisteskranken, judenhassenden Fanatiker vor, doch man fand einen Bürokraten – jemanden, der etliche Menschenleben wie kalte Zahlen über den Schreibtisch zog, der jeden Befehl befolgte, nur weil ihm das für seine Karriere nützlich schien. Arendt nannte seine Bosheit darum nicht grausam, sondern banal – sie erwuchs nicht aus Hass, sondern aus Gleichgültigkeit. Letztendlich begegnete man einem normal erscheinenden, aber abgrundtief unnormalen Menschen, der in keine Lehrbuchdefinition passt – doch was dem Lehrbuch verborgen bleibt, offenbaren die zeitlosen Mythen der platonischen Dialoge.
Der Autor studiert Theologie an der Päpstlichen Universität Angelicum in Rom.
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