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Tempo 30 in Rom – und trotzdem rast die Stadt

Verkehrschaos, Vespa-Dränglern und ein stiller Klostergarten: Die Ewige Stadt will ihre mit neuen Temporegeln entschleunigen. Dabei ist die Rast unter den Rasenden längst zu finden.
Ein neues Tempolimit soll die chaotische Verkehrslage in Rom beruhigen. Den Erfolg bezweifelt unser Kolumnist.
Foto: IMAGO/Matteo Nardone / ipa-agency.net (www.imago-images.de) | Ein neues Tempolimit soll die chaotische Verkehrslage in Rom beruhigen. Den Erfolg bezweifelt unser Kolumnist.

Gehupe! Gefahre! Gebrüll! Sirene … Das Lärmensemble des römischen Stadtverkehrs ist so überbordend, dass der Sinn sich verwirrt. Und gefährlich ist das Chaos allenthalben: Allein im letzten Jahr hatte Rom mehr als dreimal so viele Verkehrstote zu verzeichnen wie Berlin. Im historischen Stadtzentrum gilt darum nun seit einer Woche Tempo 30 – im Angesicht der allgemeinen Waghalsigkeit der Verkehrsteilnehmer allerdings eher eine symbolische Geste denn tatsächliche Problembekämpfung. Eigentlich wäre ja anzunehmen, dass die Leute in einer so herrlichen Stadtidylle ohnehin etwas gemütlicher unterwegs sind und die Kulisse genießen. Dem ist aber nicht so. Man könnte im Gegenteil behaupten – und anhand mannigfaltiger Vespa fahrender Drängler beweisen –, dass die italienische Straßenverkehrsordnung gemeinhin bestenfalls als lockerer Vorschlag wahrgenommen wird. Was die Stadt vor allem braucht, ist Entschleunigung. 

Reife Orangen im Januar

Zu diesem Gedanken sei eine kleine Abschweifung erlaubt: Wir erheben uns aus dem hupenden Getümmel der Altstadt hoch auf den Aventin, welcher unter den sieben Hügeln Roms weiß Gott nicht die kärglichste Aussicht bietet. Letzte Woche konnte ich dort die Dominikaner-Basilika Santa Sabina besuchen: Im paradiesischen Garten hängen die reifen Orangen auch im Januar noch am Baum, und im fast 1.600 Jahre alten Kirchbau leisten einem weder Touristen noch Sitzbänke für Menschenmassen Gesellschaft – das Leben auf dem Aventin hat ein anderes Taktmaß. Erhalten ist dort auch noch die uralte und bescheidene Zelle des heiligen Dominikus, der in völliger Unkenntnis von Vespa, Auto oder Bus jahrzehntelang ganz Europa zu Fuß durchwanderte. In der Gipfelstille des Klosters schaut man von der Terrasse auf die gewaltige Stadt hinab und fragt sich, was der große Ordensgründer wohl alles übersehen hätte, wäre er von hier aus mit dem Auto losgerast. Eine verheißungsvolle Ahnung der Entschleunigung hervor. 

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Zurück im Trubel des Verkehrs stehe ich im Bus. Man weiß morgens nie, ob er zwanzig oder vierzig Minuten zur Universität braucht. Oft geschieht es darum, dass ich hastig aus dem verspäteten Massengefährt springe und gen Eingangspforte spurte. Gleich vor derselben liegt die Kirche Santa Caterina da Siena, deren Tore einladend offenstehen und den Blick auf das ausgesetzte Allerheiligste freigeben – die meisten Leute gehen achtlos vorüber. Und zugegeben: Ich habe die ewige Anbetung auch zuerst dadurch bemerkt, dass zwei ältere Kommilitonen aus demselben verspäteten Bus für eine halbe Sekunde niederknieten, bevor wir gemeinsam weiterhasteten. Es ist ein sehr ernüchternder und erdender Gedanke, dass der Herrgott selbst den ganzen Tag dort unbewegt in der Monstranz verbringt; vor allem, wenn einem die eigenen Termine so im Kopf lärmen, dass man an ihm vorbeirennt. Da bewahrheitet sich erneut ein Satz des heiligen Bonaventura: Wer langsam geht, sieht mehr. Manchmal ist sogar Tempo 30 noch zu schnell… 

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Maximilian Welticke

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