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Der Fall Epstein und eine sexualisierte Gesellschaft

Die Veröffentlichung der Epstein-Files wirft kein gutes Licht auf die amerikanische Rechtskultur – und unsere Gesellschaft. Mit dem Eros als Ware machte sie einen Jeffrey Epstein mit allen Eskalationen erst möglich.
Der Sexualstraftäter Jeffrey Epstein
Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire | Viele Unbeteiligte geraten so allein durch die Namensnennung in den Verdacht, irgendwie mit den Vorgängen um den Verbrecher Jeffrey Epstein in Verbindung zu stehen.

Die Einsichtnahme in die Epstein-Akten, sie ist inzwischen zum Volkssport geworden. Zwei Perspektiven sollten dabei Beachtung finden, eine fallbezogene und eine des aktuellen, gesellschaftlichen Gesamtbefundes. 

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Es wirft kein gutes Licht auf die amerikanische Rechtskultur, wenn wahllos sogenannte „Files“ mit Daten vom Foto bis zum Dokument der sensationsheischenden Weltöffentlichkeit vor die Füße geworfen werden. Viele Unbeteiligte geraten so allein durch die Namensnennung in den Verdacht, irgendwie mit den Vorgängen um den Verbrecher Jeffrey Epstein in Verbindung zu stehen. Stefanie von Bismarck-Schönhausen, die nach ihrer Scheidung von Ehemann Karl-Theodor zu Guttenberg wieder ihren Mädchennamen annahm, hat einen Anwalt eingeschaltet. Ihr „Verbrechen“ war es, dass sie ein Konto bei der gleichen Bank wie Epstein führte und ihr Name in einer Kundenliste auftauchte. 

Ein Schuhladen aus Oberbayern in den Epstein-Files

Ein ehedem renommierter Online-Schuhladen aus Oberbayern findet sich plötzlich in den Files, weil Karina Shuliak, Epsteins letzte Partnerin und designierte Erbin, dort Pumps bestellt hatte. Shuliak war im Alter von 20 Jahren in die Staaten gekommen und hatte dort eine Frau geheiratet. Epstein hatte diese Ehe-Taktik gewählt, um Gespielinnen einen legalen Aufenthalt zu ermöglichen. Shuliak kam 2009 aus Weißrussland: Ist sie eine der Frauen aus der vermuteten „Honigfalle“, mit der der Kreml sich in eine amerikanisch-europäische Elite aus Politik und Wirtschaft vorarbeiten wollte?

Auch deutsche Großunternehmen sind alarmiert, nachdem erste Indizien darauf hindeuten, dass Verbindungen zur Baubranche und zu Medienkonzernen bestehen. So ergab eine „Tagespost“-Recherche, dass Epstein und seine Berater mit Plänen zur Beteiligung an Gruner & Jahr beschäftigt waren. Und der jüngste Burda-Spross Jacob taucht als Kontakt in einer Mail auf. Weitere Versuche Epsteins, diesen Mail-Kontakt zu vertiefen, blieben jedoch ausweislich des Mailverkehrs erfolglos, wie der Verlag in einer Mitteilung betont. Seine Mutter hätte ihn aus heutiger Sicht sicher gern aufmerksamer begleitet, ist sie doch die bekannte Fernsehkommissarin Maria Furtwängler, die sich 2022 nach 30 Jahren Ehe vom 26 Jahre älteren Verleger Hubert Burda scheiden ließ.

Aufklärungsrelevante „Connections“ vermischt mit Gossip-Tratsch in wahllos veröffentlichten Dokumenten: Rechtskultur sieht anders aus. Das Zuschütten mit unüberschaubaren Dokumenten verstellt ohnehin den Blick für das, was in den Unterlagen an wirklich Wichtigem fehlen könnte. Es ist durchaus möglich, dass vor Veröffentlichung alles schon mit der amerikanischen Geheimdienst-Harke der Palantir-Software vorgesäubert wurde.

Kommt die Gesellschaft zur Besinnung? Wohl eher nicht

Gesamtgesellschaftlich ist aber ein weiterer Aspekt zu berücksichtigen: Könnten diese grausamen Epstein-Taten dazu führen, dass eine ganze Gesellschaft aus ihrer scheinliberal- libertären Rauschhaftigkeit erwacht und zur Besinnung kommt? Die Befürchtung steht im Raum, dass dem nicht so ist. Denn wenn eine sexualisierte Gesellschaft mit dem Eros als Ware einen Jeffrey Epstein mit allen Eskalationen möglich machte, dann ist dieser Möglichkeitssumpf keineswegs auf die Schnelle auszutrocknen.

Ein Beispiel ist die neue Ausgabe des Männermagazins „Playboy“. Die Nationalspielerin der Eishockey-Olympiamannschaft Franziska Feldmeier und die Bob-Weltmeisterin Vanessa Mark räkeln sich gegen Honorar nackt auf Hochglanzpapier. Der dümmliche Macho-Spruch „Sie waren jung und brauchten das Geld“ greift hier nicht. Mehr noch als Geld fehlt es wohl an Einsicht und Verstand. Denn wie wollen wir jungen Frauen und Mädchen klarmachen, dass ihre Sexualität keine Ware ist, wenn gleichzeitig prominente Sportlerinnen pünktlich zum Olympia-Start ihre Nacktbilder an allen Kiosken präsentieren?

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Themen & Autoren
Henry C. Brinker

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