Das alltägliche Leben und der Kosmos

Terrence Malick versucht in „The Tree of Life“ Schöpfung und Evolution filmisch miteinander zu vereinbaren. Von José García

Der 1943 geborene US-amerikanische Regisseur Terrence Malick hat in knapp vierzig Jahren lediglich fünf Filme gedreht: „Badlands“ (1973), den mit dem Regiepreis der Filmfestspiele Cannes ausgezeichneten „In der Glut des Südens“ („Days of Heaven“, 1978), „Der schmale Grat“ („The Thin Red Line“, 1998), für den er den Goldenen Bären der Berlinale erhielt, „The New World“ (2005) und nun „The Tree of Life“, mit dem er im Mai beim 64. Internationalen Filmfestival in Cannes seine erste Goldene Palme gewann. Terrence Malick misst neben der eigentlichen Handlung dem eigenen visuellen Konzept eine genauso große Bedeutung bei, das sich durch langsame, häufig subjektive Kamerafahrten, meisterhaft komponierte Bildeinstellungen sowie sprunghaft geschnittene Bilder auszeichnet. Darüber hinaus setzt sich Malick in seinen Filmen insbesondere mit der Natur auseinander: Sowohl in Guadalcanal („Der schmale Grat“) als auch an der amerikanischen Küste („The New World“) findet der „weiße Mann“ einen Zustand vor, der mit viel Sonne und üppiger Natur zu einem unberührten Paradies idealisiert wird. All diese Elemente tauchen in „The Tree of Life“ in gesteigertem Maße wieder auf. Dazu gesellt sich ein Stilmittel, das der US-amerikanische Regisseur bereits in „Der schmale Grat“ einsetzte: Der Zuschauer hört die Gedanken der Protagonisten aus dem Off.

„The Tree of Life“ („Der Baum des Lebens“) erzählt vom offenkundig erfolgreichen Architekten Jack O'Brien (Sean Penn), der über seinen mit 19 Jahren verstorbenen Bruder sinniert. Dies bringt ihn dazu, über seine Kindheit nachzudenken, aber auch die „Theodizee-Frage“ zu stellen: „Weshalb, Gott? Wo warst du?“. Damit korrespondiert der Text aus Hiob 38, 4–7, der dem Film vorangestellt ist: „Wo warst du, als ich die Erde gegründet?/ Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Du weißt es ja./ Wer hat die Messschnur über ihr gespannt? Wohin sind ihre Pfeiler eingesenkt?/ Oder wer hat ihren Eckstein gelegt, als alle Morgensterne jauchzten,/ als jubelten alle Gottessöhne?“. Wie Hiob hadert Jack mit Gott, vor allem aber mit seinem Vater. Der erwachsene Jack durchlebt seine Kindheit in Gedanken erneut, die sich im ländlichen Texas in den fünfziger Jahren abspielte. Mr. O'Brien (Brad Pitt) war ein tief gläubiger Mann, der seine drei Söhne zweifellos liebte, unter dessen strengen Erziehungsmethoden jedoch vor allem der Älteste Jack zu leiden hatte: Mr. O'Brien versucht immer wieder, Jack abzuhärten, etwa dadurch, dass er ihn das Boxen lehrt oder zu anstrengender Gartenarbeit anhält. Die von den Kindern innig geliebte Mutter (Jessica Chastain) versucht mit ihrer Sanftmut, einen Ausgleich zum herrischen Vater zu schaffen.

Malicks Film bietet eine Reise durch Zeit und Raum, eine Zeitreise, die sich jedoch nicht auf Jacks beziehungsweise auf eines Menschen Leben beschränkt. Denn die Vater-Sohn-Beziehung ist in eine „Rahmenhandlung“ eingebettet, die mit einer schwarzen Leinwand beginnt, auf der plötzlich „Licht ward“. Nach und nach erscheinen diverse Lebensformen, Momente der Stille wechseln sich mit der Filmmusik von Alexandre Desplat, aber auch mit Chorälen und weiteren klassischen Kompositionen (darunter Bachs „Toccata und Fuge“) und mit der Offstimme ab. Stufen der Evolution? Schritte der Schöpfung? Die selten im „Mainstream“-Kino zu sehenden Bilder in Terrence Malicks philosophischem und spirituellem Drama unternehmen nichts weniger als den Versuch, Schöpfung und Evolution mit filmischen Mitteln miteinander zu vereinbaren. Die Kamera von Emmanuel Lubezki wandert von den Nahaufnahmen der Kinder und den intimen Familienbildern, die an eine Art Familienalbum erinnern, in die unermessliche Höhe des Kosmos auf der Suche nach Sinn, vielleicht nach Gott. Allerdings erreichen die Kosmos- und Schöpfungsbilder leider selten eine Qualität, die über eine übliche National Geographic-Reportage hinausgeht. Diese ganz unterschiedlichen Bilder werden von einem grandiosen Schnitt zu einer Einheit geführt, aus der zusammen mit der Musik ein meditativer Rhythmus entsteht, der den kontemplativen Duktus in Malicks „Der schmale Grat“ noch steigert.

Die „Makro“- und die „Mikrohandlung“ besitzen noch im titelgebenden „Baum des Lebens“ eine weitere Gemeinsamkeit: Einerseits zeigt die Kamera immer wieder den großen Baum im Garten der Familie O'Brien, andererseits steht er auch für das Universum, für das Leben selbst und dessen Ursprung.

„The Tree of Life“ spaltet das Lager der Filmkritiker: Die Einschätzungen reichen von „überambitioniert“ bis „Meisterwerk“. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bezeichnete den Film als „eine überwältigende Kinoerfahrung“, ein „cineastischer Gottesdienst“ wurde er auch genannt.

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