Weinlese aus Sicht der Erntehelfer

Die Würde einer bescheidenen Beschäftigung: Der Dokumentarfilm „Von Trauben und Menschen“ über Erntehelfer. Von José García
Erntehelfer bei der Weinlese in der Weinregion Galliac
Foto: FilmKinoText | Erntehelfer bei der Weinlese in der Weinregion Galliac östlich von Toulouse. Eine naturverbundene, bescheidene Arbeit.

Die kleine Weinregion Galliac östlich von Toulouse ist der Schauplatz des Dokumentarfilms von Paul Lacoste „Von Trauben und Menschen“ („Vendange“). Mitte September beginnt die Weinlese. Die letzten Vorbereitungen werden getroffen, Lesescheren und Eimer für die Saisonarbeiter bereitgestellt, die in diesen Wochen in der Weinernte tätig sein werden. Ein Zwischentitel klärt den Zuschauer auf: Früher seien Spanier, Polen, Marokkaner gekommen. Heute arbeiten als Erntehelfer Menschen aus dem eigenen Land.

Lacostes Film handelt von diesen zwanzig Menschen, die für ein paar Wochen zusammenkommen und eine Art Arbeitsgemeinschaft bilden, so verschieden sie auch sind: von den zwei Studentinnen, die noch ihrem Platz im Leben suchen, über Arbeitslose unterschiedlichen Alters, etwa die 50-Jährige, die nach ihrer Entlassung keine Arbeit findet, bis zu den älteren Männern, denen das Leben nichts geschenkt hat. Mit ihnen führt der Filmemacher Interviews, die in die Rahmenhandlung des Films – die Arbeit vom Abschneiden der Trauben über die Arbeit an der Presse bis zur Entblätterung der Weinstöcke – eingestreut werden. Zwei Rentner erzählen etwa, dass sie sich ein sogenanntes ruhiges Leben nicht vorstellen können. Durch ihre Arbeit im Weinberg könnten sie doch noch etwas Gutes tun. Darüber hinaus brauchen sie wie die anderen auch das Gehalt als Erntehelfer, um überhaupt über die Runden zu kommen.

Aus der Gruppe sticht ein junges, in der Region lebendes Ehepaar heraus. Die junge Familie, zu der zwei kleine Kinder gehören, möchte ein unabhängiges Leben nahe an der Natur führen. Zu ihrem Lebensstil gehört etwa auch, dass der Familienvater lediglich acht Monate im Jahr arbeitet. Bei ihm und seiner Frau gehört die Arbeit bei der Weinernte zu ihrem Lebensstil. Haben offensichtlich die anderen Erntehelfer auch nicht das ganze Jahr über Arbeit, so scheint dies allerdings bei den meisten eher unfreiwillig zu sein. In diesem Zusammenhang steht eine Frage, die wie ein Damoklesschwert über den Saisonarbeitern schwebt: Was sollen sie im Winter tun? Aus der Art und Weise, wie sie über den Winter reden, lässt sich die Sorge heraushören, in der sie offenkundig leben. Ob beispielsweise Reparaturen im Haus oder ähnliche Tätigkeiten anstehen, aus den Gesprächen geht deutlich hervor, dass sie lieber den ganzen Winter einer bezahlten Arbeit nachgingen.

Für die zehn Wochen der Ernte kommen diese unterschiedlichen Menschen zusammen. Die Arbeit verbindet sie miteinander. Paul Lacoste zeigt sie bei der Arbeit, wie sie morgens ausschwärmen und sich dann zur Mittagspause wieder treffen. Einige treffen sich sogar privat nach Feierabend, um gemeinsam zu kochen und zu essen. Umso mehr überrascht die Aussage einer der Erntehelferinnen: „Wir sind keine Gruppe – Es fehlt an Solidarität.“

„Die Protagonisten im Film lesen die Trauben, und der Film von Paul Lacoste sammelt die Menschen“, heißt es in einem Text des Filmverleihs zu „Von Trauben und Menschen“. Alte Fotos von der Weinlese, die der Film am Ende zeigt, verdeutlichen die Tradition der Weinernte. Lacostes Dokumentarfilm nahm am Dok-Festival 2014 in Leipzig teil. Dort wurde er mit dem „Healthy Workplaces Film Award“ – dem Preis für den besten Dokumentarfilm zum Thema Arbeit – ausgezeichnet. Die Jurybegründung nennt „Von Trauben und Menschen“ einen „aussagekräftigen Film, der durch eine fließende Handlungslinie und eine visuelle Herangehensweise im Einklang mit der Landschaft eine sorgfältig gestaltete Erzählung aufbaut.“ Die Jury hebt hervor, dass die im Weinberg arbeitenden Menschen „mit Würde und Respekt behandelt“ werden.

Die Menschen, die in „Von Trauben und Menschen“ in Momentaufnahmen einer naturverbundenen Arbeit gezeigt werden, bilden eine Gemeinschaft auf Zeit. Da es sich dabei um zwanzig Protagonisten handelt, bleibt der Einzelne eher hinter der Gemeinschaft auf Zeit verborgen. Dennoch tauchen im Dokumentarfilm auch Nebenhandlungen auf, „von denen sich jede wie eine kleine Frucht der Trauben darbietet, die gelesen werden“, so die Jury des Dok-Festivals Leipzig.

Paul Lacoste liegt trotz der eingangs geschilderten Zwischentafel eine gesellschaftskritische Darstellung fern. Sein Interesse gilt vielmehr den einfachen Menschen, die eine naturnahe Arbeit verrichten. Dafür bietet „Von Trauben und Menschen“ eine wahre Fülle an Details über die Arbeit im Weinberg. Der Einklang von Mensch und Natur wird durch einige Kamerabewegungen und -einstellungen unterstrichen, etwa wenn die Kamera durch die Reihen der Weinstöcke fährt, oder wenn der Wind durch den Weinberg rauscht.

Dem Filmemacher geht es in erster Linie um eine Arbeit im Rhythmus der Natur – der Spätsommer wechselt in einen stürmischen Herbst über, der an den Abschluss der Weinlese mahnt: Die Früchte der Arbeit müssen eingebracht werden. Es handelt sich dabei um bescheidene Menschen, die eine einfache Arbeit verrichten. Menschen, die aber mit ihrer bescheidenen Lebensführung zufrieden sind, die nicht deshalb weniger Würde besitzen, weil sie sozusagen im Erdgeschoß der Gesellschaft leben. „Von Trauben und Menschen“ verdeutlicht, dass die Würde der Arbeit nicht in deren gesellschaftlicher Anerkennung liegt, sondern in der Haltung, mit der eine so wenig spektakuläre, im besten Sinne alltägliche Arbeit verrichtet wird. Dem Verleih FilmKinoText ist deshalb dafür zu danken, dass er einen wohl kaum massenkompatiblen Film auf die große Leinwand bringt. –

„Von Trauben und Menschen“ startet am 1. September im regulären Kinoprogramm.

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