Film & Kino

Garcias Filmtipp: "Das Leuchten der Erinnerung"

Mit dem Wohnmobil ein letztes Mal unterwegs: "Das Leuchten der Erinnerung" ist ein schöner Film über die eheliche Liebe in hohem Alter, allerdings mit unheilvollem Ausgang.
Filmszene aus  "Das Leuchten der Erinnerung"
Foto: Concorde | Ein letztes Mal zusammen an die Küste fahren: Für die krebskranke Ella (Helen Mirren) und den zunehmend an Demenz leidenden John (Donald Sutherland) leuchtet die Erinnerung an das Jahrzehnte lange gemeinsame Leben.

Mit ihrem uralten Wohnmobil „The Leisure Seeker“ (so heißt auch der Original-Filmtitel) wollen die etwa 80-jährigen Ella (Helen Mirren) und John Spencer (Donald Sutherland) eine letzte gemeinsame Reise unternehmen, nachdem bei Ella ein Tumor entdeckt wurde, und der ehemalige Literaturprofessor zunehmend sein Gedächtnis verliert. Ihr Ziel: das Hemingway-Haus in Key West, das sie offenbar bereits einmal vor Jahrzehnten gemeinsam besuchten. Auf der Reise kommen die einen oder andern Geheimnisse zum Vorschein, so etwa auch Johns ehemalige Affäre, von der Ella wohl etwas ahnte, aber von der sie nie richtig gewusst hat. Unbeherrscht entscheidet sie daraufhin, ihren Mann „zum nächsten Altersheim, je schäbiger desto besser“ zu bringen. Doch bald bereut sie es wieder. Die Liebe zueinander ist doch noch ungebrochen.

„Das Leuchten der Erinnerung“ ist der erste Spielfilm, den der italienische Drehbuchautor und Regisseur Paolo Virzì (zuletzt in der "Tagespost" am 29.12.2016 mit „Die Überglücklichen“ vertreten) in den Vereinigten Staaten dreht. Warum er als immerhin 53-Jähriger ein Filmprojekt außerhalb Italiens realisiert, erklärt Paolo Virzì folgendermaßen: „Der subversive Geist der Geschichte reizte mich, denn sie erzählte von der Rebellion dieser beiden Alten gegen ihre Ärzte, gegen ihre Kinder, gegen soziale und medizinische Vorschriften“.

Der Film lebt von der hervorragenden Spielkunst zweier Charakterdarsteller, die mit einer gehörigen Portion Witz und Altersweisheit den Tücken des Alters und der Krankheit wenigstens für ein paar letzte Tage ein Schnippchen schlagen wollen. Es ist immer wieder berührend anzusehen, wie sich Ella und John gegenseitig stützen. Denn sie sind davon überzeugt, dass der eine ohne den anderen gar nicht leben kann. Allerdings liegt hier auch der Pferdefuß an der an sich schönen Geschichte. Seit Michael Haneke in „Liebe“ (DT vom 20.09.2012) und „Happy End“ (DT vom 14.10.2017) Selbstmord und assistierten Suizid „leinwandfähig“ gemacht hat, drohen Filme über Alter und Krankheit gleich zu enden.

Trailer  "Das Leuchten der Erinnerung" :

DT/Jose Garcia

Die Kolumne Garcias Filmtipp erscheint ab sofort jeden Donnerstag in der Online-Ausgabe der Tagespost.

Weitere Artikel
Das erschreckende Fazit eines Menschenlebens: „Alles ist gut gegangen“ zeigt einen körperlich verfallenen Menschen, dessen existenzielle Leere lange zuvor begann.
20.04.2022, 09  Uhr
José García
Vor 75 Jahren kam „It's a Wonderful Life“ in die US-Kinos. Der Weihnachtsfilm-Klassiker bejaht das Leben – und ist angesichts zahlreicher Sterbehilfediskussionen aktueller denn je.
23.12.2021, 08  Uhr
Josef Bordat
Themen & Autoren
John Spencer Michael Haneke Skandale und Affären

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
01.10.2022, 05 Uhr
Stefanos Athanasiou
...theologisch überfrachtet. Zum Orientierungstext des Synodalen Weges: Wie der Dekonstruktivismus feierlich in die katholische Kirche einzieht.
30.09.2022, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger