Madrid

Unterwegs im „alten“ Madrid

Wo Araber und Christen Spuren hinterließen: Ein ausgedehnter Rundgang durch die wechselvolle Geschichte des „alten“ Madrid.
Foto: José García | Die Überreste der ältesten Madrider Stadtmauer aus der Mitte des 9. Jahrhunderts sind heute in den kleinen Park „Emir Mohamed I.“ direkt gegenüber der Kathedrale eingebunden.

Auf dem in die Straßendecke eingelassenen Stein heißt es: „Km. 0“. Der „Null-Kilometerstein“ in Madrid – nach dem Vorbild des „Kilometre zéro“, dem „Fundamentalpunkt“ Frankreichs vor dem Haupteingang von Notre-Dame in Paris – markiert den Ursprung der sechs Hauptnationalstraßen Spaniens, die sich sternförmig von Madrid aus über das gesamte spanische Festland erstrecken.

Der „Null-Kilometerstein“ zieht immer wieder Touristen an wie der gesamte halbelliptisch-förmige Platz, das sogenannte „Puerta del Sol“ („Sonnentor“), der traditionelle Mittelpunkt Madrids. Der Stein befindet sich direkt vor dem repräsentativsten Gebäude auf dem Platz: dem „Casa de Correos“ (Postamt), in dem heute die Landesregierung des Landes Madrid ihren Sitz hat. Auf dem Gebäude steht der Uhrturm, deren Uhr mit ihren zwölf Glockenschlägen das neue Jahr einläutet – nach spanischer Tradition wird zu jedem Glockenschlag eine Weinbeere verzehrt.

Corona hat die Stadt menschenleer gemacht

In der Vor-Corona-Zeit herrschte auf dem Puerta del Sol an Silvester ein solcher Andrang, dass bereits am frühen Abend der Platz gesperrt werden musste. Vergangenes Jahr blieb jedoch der Platz coronabedingt leer. Deshalb lud die Stadt Nacho (Ignacio) Cano, Mitglied der legendären Pop-Band „Mecano“, ein, eine Coverversion von „Un ano más“ („Wieder ein neues Jahr“) darzubieten. Das Lied handelt gerade vom Einläuten des Neujahrs auf dem Puerta del Sol. Besonders emotionsgeladen hörte sich die Zeile an: „Diejenigen, die nicht mehr unter uns sind, werden wir vermissen“ – die erste Coronawelle hatte in Spanien sehr viele Menschen dahingerafft. Zu dem Anlass trug denn auch der am Klavier spielende Nacho Cano ein Kruzifix, das ein katholischer Priester beim Versehen der Sterbenden im Krankenhaus bei sich gehabt hatte.

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Gegenüber dem „Postamt“ steht mitten auf dem Platz das Reiterstandbild Karls III. (1716-1788), der mit Prinzessin Maria Amalia von Sachsen, einer Enkelin Augusts des Starken, verheiratet war. Auf dem Sockel heißt es unter anderem, er sei „der beste Bürgermeister Madrids“ gewesen. Den Ehrentitel verdankt der Sohn Philipps V., des ersten Bourbons auf dem spanischen Thron, seinen Bemühungen, die Stadt durch den Bau von Denkmälern wie etwa dem Prado-Museum, von Promenaden und Entwässerungsanlagen sowie durch die Einrichtung öffentlicher Beleuchtung und Post zu modernisieren. Direkt hinter ihm beginnen zwei der belebtesten von den zehn Straßen, die am „Puerta del Sol“ ihren Anfang nehmen. Ist die eine wegen ihrer Geschäfte bekannt, so kommt der Name der „Calle del Carmen“ von der gleichnamigen Kirche, die aus dem 17. Jahrhundert stammt, und auf das 1575 gegründete Kloster der Beschuhten Karmeliten zurückgeht. Auch wenn die meisten mittelalterlichen Madrider Kirchen nicht mehr in der ursprünglichen Form existieren, ist die Dichte an Kirchen und Klöstern im alten Madrid, dem sogenannten Madrid der Habsburger – Könige aus dem Haus Habsburg herrschten in Spanien von 1516 bis 1700 –, bemerkenswert.

Kirchen und Klöster säumen den Weg 

Beispielsweise San Ginés, an der „Arenal“-Straße gelegen, die ebenfalls am Puerta del Sol beginnt. Die Kirche ist nicht nur wegen der Kunstschätze bekannt, sondern auch wegen berühmter Schriftsteller aus dem sogenannten Goldenen Zeitalter: Hier wurde am 26. September 1580 Francisco de Quevedo getauft; am 10. Mai 1588 heiratete in San Ginés Lope de Vega, der mit seinem schier übermenschlichen Werk – er soll etwa 3 000 Sonette sowie mehr als 1 500 Theaterstücke verfasst haben, von denen mehr als 500 erhalten sind – Cervantes von den zahlreichen Madrider Theatern verdrängte und etliche Sujets schuf, die nach ihm Calderón de la Barca perfektionierte, so auch „Der Richter von Zalamea“. Doch San Ginés ist kein Museum: werktäglich finden drei, sonntags gar fünf Heilige Messen in der Kirche statt.

In unmittelbarer Nähe liegen sowohl das Monasterio de las Descalzas Reales („Kloster der Königlichen Unbeschuhten“) aus der Mitte des 16. Jahrhunderts als auch das Monasterio Jerónimo del Corpus Christi aus dem beginnenden 17. Jahrhundert, das im Volksmund „de las Carboneras“ genannt wird – das dort verehrte Bild der Unbefleckten Empfängnis wurde in einer Kohlenhandlung (spanisch „carbonería“) gefunden.

Moderne trifft auf Tradition

 

Aber zurück zum Puerta del Sol. Die Calle Mayor („Hauptstraße“) führt von hier bis zur Kathedrale. Unmittelbar an ihr liegt der „Plaza Mayor“ („Hauptplatz“), ein mit viergeschossigen Wohngebäuden mit Arkaden vollständig umgebener Platz, der über neun Zugänge verfügt. Hierher kommen nicht nur Touristen, sondern auch Madrider – nicht nur zum beliebten Weihnachtsmarkt oder auch an jedem Sonntagmorgen, wenn auf dem Platz ein Flohmarkt für Briefmarken und Sammelbildchen stattfindet. Denn auf dem Platz und um ihn herum bietet so gut wie jedes Restaurant das „heimliche Nationalgericht“ Madrids an, das „bocadillo de calamares“, ein Bagettebrötchen mit frittierten Tintenfischringen. Eine weitere kulinarische Delikatesse: An der Mayor- beziehungsweise Arenalstraße befinden sich insgesamt drei Läden, die seit einigen Jahren eine Weiterentwicklung des Turrón (einer Art Weißer Nougat) anbieten. Aus dem für Spanien typischen Weihnachts-Konfekt ist eine ganze Reihe Erzeugnisse in großer Vielfalt entstanden – ein gelungenes Beispiel für die Modernisierung einer uralten Tradition.

Auf der „Mayor“-Straße geht der Spaziergang weiter am schönen „Plaza de la Villa“ vorbei, dem wichtigsten Platz des mittelalterlichen Madrids, von dem allerdings kaum etwas noch erhalten geblieben ist. Lediglich ein paar kleine Sträßchen und Gassen, die hier ihren Ursprung haben, zeugen noch davon. Kurz vor der breiten „Bailén“-Straße können die unter einer Glasdecke geschützten Überreste der wohl ältesten Kirche Madrids „Santa María“ besichtigt werden. Sie wird jedenfalls in den „Fueros“ (Stadtrechten) erwähnt, die 1202 König Alfons VIII. von Kastilien der Stadt verlieh. Die Kirche wurde 1868 wegen der Vergrößerung der Mayor- und Bailén-Straßen abgerissen.

Viele maurische Zeugnisse

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Auf der anderen Seite der breiten „Bailén“-Straße erhebt sich die Kathedrale „de la Almudena“ – an deren Hauptfassade trennt ein weiträumiger Platz die Kathedrale vom Königlichen Palast. Die Kathedrale wurde erst in den 1990er Jahren vollendet, und 1993 von hl. Johannes Paul II. geweiht. Dies hängt damit zusammen, dass das Bistum Madrid erst seit 1885 unter Leo XIII. errichtet wurde – bis dahin gehörte Madrid zum Bistum Alcalá de Henares.

Die Kathedrale ist nach der Muttergottes von der Almudena benannt, die Papst Pius X. 1908 zur Patronin Madrids ernannte. Ihr Name leitet sich vom arabischen „Al-mudayna“ (Zitadelle) und verweist auf den von der „arabischen“ Mauer eingefriedeten Ursprung Madrids, arabisch „Mayriti“. Vor dem Eingang zur Krypta der Kathedrale an der Mayor-Straße beginnt die sogenannte „Cuesta de la Vega“ – eine Schlucht in Ost-West-Richtung, die bis zum Manzanares-Fluss hinabführt. Sie diente der Zitadelle Mayriti als natürlicher Schutz. Die Überreste der maurischen Stadtmauer aus der Mitte des 10. Jahrhunderts können heute im kleinen Park „Emir Mohamed I.“ direkt gegenüber dem Eingang zur Krypta besichtigt werden.

„Als einer der Türme in der Nähe der Puerta de la Vega einstürzte,
erschien das Bild auf wundersame Weise mit den beiden noch brennenden Kerzen.“

Foto: Garcia | Hier sollen im Jahre 712 die Christen ein Muttergottesbild versteckt haben.

Ein Modell gibt über den Verlauf der arabischen sowie der späteren christlichen Mauer Auskunft. Denn Madrid wurde im Zuge der „Wiedereroberung“ Toledos im Jahre 1085 ebenfalls wieder christlich. An der 1993 ebenfalls neugestalteten Fassade der Kathedrale an der „Cuesta de la Vega“ steht in einer Nische ein Muttergottesbild mit dem Jesuskind, darunter die Inschrift „Unsere Liebe Frau von der Almudena. Im Jahre 712 an dieser Stelle versteckt, 1085 auf wundersame Weise wiedergefunden“. Über das ursprüngliche Bild ist lediglich bekannt, dass es laut der Überlieferung im 15. Jahrhundert einem Brand zum Opfer fiel. Belegt ist allerdings, dass sich in der alten „Santa María“-Kirche das Muttergottesbild befand, das heute in der Mitte des Hauptaltars in der Kathedrale steht – das Retabel mit 18 Tafelbildern aus dem Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts wird Juan de Borgona zugeschrieben. Das sich in der Nische jahrhundertelang befindliche Bild wurde 1994 im Zuge der Neugestaltung der Kathedrale-Außenmauer durch das heutige ersetzt.

Für den zweiten Teil der Inschrift spricht die bereits dem 13. Jahrhundert entstammende und im 17. Jahrhundert ausgeschmückte Überlieferung, laut der nach der Eroberung Mayrits durch König Alfons VI. von Kastilien am 9. November 1085 eine Prozession stattfand, um den Versteck des Gnadenbildes zu finden. Als einer der Türme in der Nähe der Puerta de la Vega einstürzte, erschien das Bild auf wundersame Weise mit den beiden noch brennenden Kerzen.

Mehr Legende als Geschichtsschreibung

Der erste Teil der Inschrift – das Verstecken des Bildes im Jahre 712 – lässt sich historisch kaum nachweisen. Im Museum „San Isidro – Die Ursprünge Madrids“ klafft beispielsweise eine jahrhundertelange Kluft zwischen dem Abschnitt „Römer und Barbaren“ mit einigen wenigen westgotischen Funden und der eigentlichen Gründung Mayrits Mitte des 9. Jahrhunderts. Es gibt keine geschichtlichen Zeugnisse für eine christliche Siedlung vor 711, als die Mauren die Iberische Halbinsel eroberten und das Westgotenreich zerschlugen. In der Fachwelt herrscht zwar übereinstimmend die Meinung, dass die erste Mauer in Madrid von Emir Mohamed I. um das Jahr 865 gebaut wurde. Dass Christen vor der maurischen Invasion hier lebten, kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Aber ganz gleich ob das Bild der Gottesmutter „von der Almudena“ bereits 712 existierte oder erst 1085 geschaffen wurde – es kann als „Grundstein“ des christlichen Madrid bezeichnet werden.

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