Rom

Maria Advocata zieht Besucher in ihren Bann

Jahrhundertelang war eine Ikone der Gottesmutter in einem unscheinbaren Konvent der Dominikanerinnen in Rom verborgen. Paul Badde hat sie nach jahrelanger Suche aufgespürt und stellt sie der Öffentlichkeit vor.
Maria Advocata mit dem Schatten des Gitters ihrer Klausur im Rosenkranzkloster in Rom
Foto: Barbara Knievel | Ist das die älteste erhaltene Darstellung der Mutter Gottes? Wurde dieses "Portrait" vom Evangelisten Lukas persönlich gemalt?: Das Antlitz der sogenannten Advocata mit dem Schatten des Gitters ihrer Klausur im ...

Unter den zwölf Marien-Ikonen, die traditionellerweise dem heiligen Evangelisten Lukas zugeschrieben werden, könnte ein Blinder mit dem Stock daran fühlen, dass eine von ihnen das Vorbild aller anderen sein muss. Das ist das Gnadenbild der "Advocata", das in derselben antiken Wachsmaltechnik ausgeführt wurde wie einige der ältesten Ikonen des Katharinen-Klosters auf dem Sinai und die präbyzantinischen Mumien-Porträts aus Ägypten aus den ersten drei Jahrhunderten nach Christus, von denen etwa 800 Tafeln um das Jahr 1900 in der Oase Fayoum im Niltal entdeckt und ausgegraben wurden.

Diese Ur-Ikone findet sich heute im Rosenkranzkloster in Rom mit klausurierten Nonnen hinter Gittern, wo sie Navid Kermani "ungläubiges Staunen" entlockte, als er sie vor zwölf Jahren auf dem Monte Mario aufsuchte. Das Kloster steht anderen großen Marienheiligtümern in seiner Bedeutung kaum nach, doch ist es das wohl Verborgenste unter ihnen. Vielleicht steht es dem Herzen Mariens deshalb ja auch besonders nah. Das Lindenholz der bezaubernden Ikone ist so zerfressen, dass sich ihr Alter nicht bestimmen lässt. Dennoch gibt es viele gute Gründe, sie für das älteste Marien-Bildnis der Welt zu halten. Dies befriedigend auszuführen, verlangt allerdings ein Buch, an dem ich seit 20 Jahren sitze. Doch auch wenige Worte mögen genügen, um festzuhalten, was in den letzten 800 Jahren gesichert mit dem Gnadenbild geschah. 

Eine Nacht- und Nebelaktion

Der 28. Februar 1221 war ein Sonntag, wie der 28. Februar 2021, als der Spanier Domingo de Guzmán, der in Deutschland Dominikus heißt, diese Ikone mit eigenen Händen von dem Kloster Sancta Maria in Tempulo bei den Ruinen der Caracalla-Thermen rund 400 Meter weiter zum Anfang der Via Appia in ein von ihm gegründetes neues Kloster trug, wo sich seine ersten Dominikanerinnen in Italien an einem Ort selbstgewählter und lebenslänglicher Abgeschiedenheit vor allem dem Gebet, dem Gesang und dem Gotteslob widmen wollten   und wo das Gnadenbild als die "Herbeigerufene" verehrt wird, als zuverlässige Anwältin der sündigen Christen vor Gottes letztem Richterstuhl.

Barfuß durch die Dunkelheit

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Die von Dominikus gegründete Gemeinschaft ist danach noch zweimal umgezogen - doch immer mit dieser Ikone. Seit 1931 befindet sie sich auf dem Monte Mario an der Via Trionfale, wo heute acht Nonnen als Gefangene um Christi willen die Ikone seit 800 Jahren als Schatz in ihrer Mitte hüten! Dominikus ging barfuß, als er die Lindenholztafel in dieser Winternacht in das Kloster trug. Und er kam nachts, damit die Römer nicht merkten, wie ihre liebste Ikone in einer Klausur verschwand und keinen Aufstand gegen ihn anzettelten, weil er ihnen damit ihr teuerstes Bild der Gottesmutter nahm. Drei Kardinäle, die Papst Honorius III. für ihn abgeordnet hatte, begleiteten den Gründer des Dominikanerordens und 42 Nonnen, die ihm ebenfalls barfuß folgten. Mit diesem Akt trat die Marienikone in das Licht einer wohldokumentierten Geschichte ein. 

Für die Zeit vor diesem 28. Februar 1221 ist das Schicksal der Advocata weitgehend unerforscht und legendär. Sicher ist nur, dass sie damals in Rom höchst populär war, weshalb ihre letzte Übertragung von einer Obhut in die andere in Rom als sensationell empfunden wurde, wo unvergessen geblieben war, dass Papst Sergius III (904 911) davor als letzter versucht haben soll, sie von der eher schlichten Kirche Sancta Maria in Tempulo in die ehrwürdige Lateranbasilika zu übertragen. Doch da sei sie einfach nachts wieder "wie ein Vogel durch das Fenster" zurückgeflogen zu ihrem Ursprungsort.

„Seit diesem Tag bilden die Dominikanerinnen Roms
mit der Advocata eine unzertrennliche Gemeinschaft
des Gebets und der Verehrung“

Doch damit befinden wir uns   wie gesagt   natürlich schon im Raum der Legende. Und im letzten Moment vor der Übertragung durch die Hand des Heiligen haben die Nonnen die Klostergründung beinahe abgesagt. Warum? Sie hätten in ihrem Haus eine alte Ikone, erklärten sie Dominikus, von der es hieß, der heilige Lukas habe sie gemalt. Die könnten sie unmöglich alleine lassen. Gut, gab er zur Antwort, dann müsse eben auch die Ikone mit ihnen in den neuen Konvent umziehen. So trug er sie am Abend des 28. Februar 1221 höchstpersönlich vor ihnen her.

Seit diesem Tag bilden die Dominikanerinnen Roms mit der Advocata eine unzertrennliche Gemeinschaft des Gebets und der Verehrung, als pulsierendes Herz einer Bewegung, die später auch das Gebet des Rosenkranzes in der Christenheit verbreitete. Vor allem aber war es ein Kraftwerk des Gebets für den Predigerorden der Dominikaner, unter denen Thomas von Aquin, der vier Jahre nach dem Tod des Dominikus geboren wurde, später lehrte: "Die größte Freundlichkeit, die wir einem Menschen erweisen können, besteht darin, ihn vom Irrtum zur Wahrheit zu führen."

 

Was aber ist die Wahrheit des Ursprungs der Lukas-Ikone? Vor ihrer Übertragung durch Dominikus wurde sie in Rom auf griechisch auch Hodegetria (die Wegweisende) genannt oder Hagiosoritissa, nach der  zerstörten Kirche auf dem alten Kupfermarkt in Konstantinopel, wo ebenfalls ein "Tonkrug" (griechisch: soros) verehrt worden war, in dem sich der Gürtel der Gottesmutter befand, den sie bei ihrer Aufnahme in den Himmel in ihrem Grab am Fuß des Ölbergs zurückgelassen hatte. Kommt die Advocata also auch aus Jerusalem? Vieles spricht dafür.  

Wer jetzt in Rom aber im Presbyterium des Rosenkranzklosters vor der Ikone steht, kann kaum umhin, in ihrem unergründlichen Silberblick ein Spiegelbild der Wahrheit selbst zu erkennen. Dennoch kennen in Rom gefühlte 98 Prozent der Bevölkerung diese Ikone nicht. Hier ist sie eine der unbekanntesten Ikonen überhaupt und damit zu einem Spiegelbild göttlicher Verborgenheit selbst geworden, wo sie fast so verborgen ist, wie der Allmächtige selbst bei seinen großen Heilstaten, von seiner "Überschattung" der Gottesmutter bis zur Geburt seines Sohnes in einer Höhle vor Bethlehem. Alle anderen Ikonen Roms sind bekannter. Zur Advocata hingegen öffnen die Dominikanerinnen nur morgens zur heiligen Messe um 7:30 Uhr die Türen des Klosters, wenn Pilger noch gern in ihren Hotelbetten liegen.

Ein brunnentiefer Blick der Originalikone

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Zum Bild des "Salus Popoli Romani" in der Basilika Santa Maria Maggiore kommt Papst Franziskus nach jeder seiner Reisen zu einem Dankgebet. Touristen und Pilger sehen Marien-Ikonen auf dem Ara Coeli neben dem Capitol und in vielen anderen Basiliken Roms, wo die ältesten von ihnen auf merkwürdige Weise verwandt scheinen mit der "Advocata". Doch so beseelt wie der brunnentiefe Blick des Originals scheint kein gemaltes Bild eines Menschen aus der Tiefe der Zeit auf uns zuzukommen. "Wie das Herz das Blut zirkulieren lässt und den ganzen Leib am Leben erhält", erklärte Papst Benedikt XVI. den Nonnen des Konvents bei seinem Besuch am 24. Juni 2010, "so trägt euer verborgenes Leben mit Christus im Gebet dazu bei, die Kirche zu stützen. Ihr seid im mystischen Leib Christi die Herzmitte der Kirche und ein Werkzeug des Heils für alle Menschen, die der Herr mit seinem Blut erlöst hat."

Von den 13 Nonnen, denen er das damals hier sagte, sind inzwischen sechs gestorben, bevor die junge Schwester Catarina aus Sardinien hier im letzten Jahr ewige Treue zu ihrer Nachfolge des heiligen Dominikus gelobte. Am 7. Januar 2021 wurde das Kloster geschlossen, weil alle Schwestern an Covid erkrankten. Davon haben sie sich wieder erholt, doch große Not wie eh und je haben sie immer noch. Dennoch erzählen sie sich einmal jährlich in ihrer Mattutin weiter die schöne Legende, wie die zwölf Apostel nach Christi Himmelfahrt den Evangelisten Lukas beauftragt haben sollen, für sie eine Ikone der Jungfrau zu "schreiben", wie es in der orthodoxen Welt bis heute heißt, wo Ikonen gleichsam als Schriftstücke gelten. Von solchem Verständnis spricht auf ganz besondere Weise uns dieses Bilddokument. Die Advocata offenbart schon dem bloßen Auge mehrere Dimensionen und zeigt uns gleichsam ihre Seele. Sie "erzählt" und verschlägt die Sprache. Ein Bildwunder, evangelisch wie das Evangelium und überirdisch schön.

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