1975 erschien eine Briefmarke mit dem Porträt der Freiin Gertrud von le Fort (1876–1971), wohl im Hinblick auf ihren 100. Geburtstag. Zu ihrem 150. Geburtstag am 11. Oktober 2026 wurde die große Stimme des deutschsprachigen „Renouveau catholique“ nicht groß geehrt. Zu weit weg, zu vergessen, zu sehr mit dem Etikett „katholische Dichterin“ behaftet? Und das, obwohl kein Geringerer als Hermann Hesse le Fort 1949 für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen hatte?
In der Tat brachte die 68er-Bewegung auch im literarischen Bereich Umwälzungen mit sich, welche die Verlagspolitik und vor allem die Curricula der Schulen und Universitäten prägten. Christliche Autoren, deren Werke viele Auflagen erlebt hatten, vielfach übersetzt und viel gelesen worden waren, wurden auf einmal nur noch vereinzelt neu aufgelegt, dadurch nicht mehr verschenkt, nicht mehr gelesen, nicht mehr besprochen. Eine frühe Stufe dessen, was wir heute Cancel Culture nennen? Oder Opfer eines Zeitgeistes, der für eine Literatur, die in die Transzendenz ausgreift und von einem kontinuierlich hohen Ton geprägt ist, bald kein Sensorium mehr hatte?
Entscheidend war die Konversion
In die lange Lebenszeit Gertrud von le Forts fielen der Erste und der Zweite Weltkrieg und später der Kalte Krieg. Die politischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts führten dazu, dass sie aus dem privilegierten Stand des adeligen Fräuleins in das herausfordernde Leben der alleinstehenden Frau gelangte, die für sich selbst sorgen musste. Dichtung war also nicht nur freier Ausdruck ihres inneren Lebens, sondern auch ihr Beruf.
Das entscheidende Ereignis ihres Lebens war die Konversion: 1926, mit 50 Jahren, wurde die Protestantin in Santa Maria dell’Anima in Rom in die katholische Kirche aufgenommen. Bereits zwei Jahre zuvor waren ihre berühmten „Hymnen an die Kirche“ erschienen. Dass Lyrik zu großem Erfolg führt, ist ungewöhnlich, ebenso, dass eine Protestantin „auf dem Weg in die katholische Kirche“ jene in ihrer mystischen Tiefe besingt.

Le Fort berührt hier bereits jene metaphysische Dimension, die von da an den Horizont ihres Schreibens bildete und die Eigenart ihres Werkes bestimmte. Auf die „Hymnen an die Kirche“ folgten die großen Romane: an erster Stelle der Doppelroman „Das Schweißtuch der Veronika“ mit den beiden Teilen „Der römische Brunnen“ (1928) und „Der Kranz der Engel“ (1946), dann die historischen Romane „Der Papst aus dem Ghetto“ (1930) und „Die Magdeburgische Hochzeit“ (1938). Unter den Erzählungen muss natürlich an erster Stelle „Die Letzte am Schafott“ (1931) genannt werden; Georges Bernanos hat daraus sein Drama „Dialogues des Carmélites“ (1949) abgeleitet, das Francis Poulenc als Libretto für seine gleichnamige Oper verwendete. Diese ist eine der bleibenden Spuren von le Forts Werk: 2026 stand „Dialogues des Carmélites“ auf dem Spielplan der Semperoper Dresden. Andere Erzählungen le Forts wie „Plus ultra“ (1950) und „Die Frau des Pilatus“ (1955) eignen sich als Einstieg in ihr Werk, um dann etwa mit „Das Gericht des Meeres“ (1943) oder „Die Verfemte“ (1953) weiterzugehen.
Es gibt immer auch eine Geschichte mit Gott
Was nun ist das Besondere an le Forts Literatur, und warum soll man sie heute lesen? Die folgende Passage ist vielleicht eine Antwort: „Es gibt von jedem Menschen eine Geschichte seines Lebens und eine Geschichte seiner Seele, aber dann gibt es auch noch eine Geschichte seiner Seele mit Gott.“ So beschreibt die Ich-Erzählerin Veronika in „Der römische Brunnen“ die verschiedenen Deutungsebenen des menschlichen Lebens. Und diese entsprechen genau den hermeneutischen Schichten von le Forts Schreiben: Die narratologische Grundbewegung zwischen Horizontale und Vertikale spiegelt sich im Erzählen von Leid und Erlösung, von Tod und Auferstehung; die Wirklichkeit des Kreuzes offenbart sich so in le Forts Texten als Grundbedingung und Grunderfahrung des Menschen und legt sich als Sinnschlüssel über sein Schicksal.
Le Fort einseitig als fromme katholische Dichterin zu verstehen, die glatte und harmonisierende Geschichten im Dienst der Glaubensverkündigung schrieb, heißt, sie gründlich zu verkennen. Erhellend könnte es zum Beispiel sein, le Forts ebenso verteidigenden wie verständnisvollen Aufsatz (1958) über den skandalträchtigen Schriftstellerkollegen Graham Greene zu lesen … Ganz abgesehen davon: Je tiefer man in Gertrud von le Forts Werk eindringt, desto stärker und auch spannungsvoller erscheint es.
Die immer noch ausstehende umfassende biographische Auseinandersetzung mit der preußischen Baronesse wäre ebenfalls ein lohnender Weg, um jenseits aller Selbststilisierung ein präziseres Bild dieser vielfach wohl verkannten Künstlerin zu gewinnen.
Jedenfalls kennt le Fort – ihre Texte dokumentieren es – die Schwachheit und die Abgründe des Menschenherzens sehr gründlich. Dass ihre Literatur dennoch von einem geprüften, aber letztlich bestehenden Optimismus durchzogen ist, hat seinen Grund darin, dass le Fort jedes Geschehen und jedes Schicksal als in die Heilstat Christi verwoben begreift. Oft sind ihre Protagonisten existenzieller Verwirrung und Dunkelheit ausgesetzt, doch immer gibt es dann jene gnadenhafte Wendung, die durch Sätze wie „Da war es, als ob …“ eingeleitet wird und eine entscheidende Umstellung markiert. Freilich ist dies ein inneres Geschehen: Jene „Verwandlung der Niederlage in den Sieg, des Todes in die Auferstehung und der Passion in die Herrlichkeit“, wie Theoderich Kampmann die Erzähldramatik le Forts beschrieb, bleibt nach außen hin unsichtbar und auf der horizontalen Ebene allzu oft demütigende Niederlage und offenbares Scheitern.
Die Wende zum Heil vollzieht sich bei le Fort im Horizont des Übernatürlichen; die Perspektive, aus der heraus und auf die hin die Dichterin das Geschehen deutet, ist die im Angesicht Gottes und der Ewigkeit. „‚Sieg im Untergang‘, schärfer ‚Untergang als Sieg‘ heißt das kühne, im Johannesevangelium gründende Lieblingsparadox der Dichterin“, analysiert Nicolas Heinen.
Mann und Frau bei Gertrud von le Fort
Hingewiesen sei zuletzt auf die „Gertrud von le Fort-Gesellschaft zur Förderung christlicher Literatur“, die durch jährliche offene Tagungen und die Bemühung um Neuauflagen die bleibende Relevanz der namensgebenden Dichterin und anderer christlicher Autoren zeigen möchte. In München-Fürstenried fand kürzlich eine Tagung zum Thema „Mann und Frau bei Gertrud von le Fort und Ida Friederike Görres“ statt. Zentraler Bezugstext war le Forts Essay „Die ewige Frau“. Geschrieben hatte sie ihn 1934, im Kontext der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, die versuchten, die Frau im Dienst ihrer Ideologien zu funktionalisieren. Vor allem aber ist der Essay auch eine grundlegende Reflexion in Bezug auf ihr erzählerisches Werk. Gundula Harand (Wien), Herausgeberin der Neuausgabe der „Hymnen an die Kirche“, führte aus, wie die Frau bei le Fort zeichenhaft an die religiöse Grundhaltung des Menschen erinnert und ihr Urbild im Fiat Mariens findet.
Andreas Matena (Augsburg) wandte sich den Männerfiguren bei le Fort zu und entwickelte etwa die These, dass „Geschichtsmacht und Erzählzentralität“ bei le Fort auseinanderfallen: Der Mann bestimme zwar den Inhalt der Geschichte (im Sinne der Historie), nicht aber le Forts Geschichten. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, seit mehr als zwei Jahrzehnten Vizepräsidentin der Literaturgesellschaft, widmete sich dem spannenden Konzept des Eros bei Ida Friederike Görres (1900–1971) und ließ die Beziehung von Mann und Frau bei Gertrud von le Fort vor dieser Folie aufleuchten. Die lebhaften Diskussionen und der volle goldene Saal im Schloss Fürstenried sprechen für die Faszination, die Gertrud von le Fort bis heute auslöst. Christliche Schulen sollten sie in ihrem literarischen Kanon pflegen.
Die Autorin ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet als Journalistin.
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