Es ist Mittwochabend im oberschwäbischen Weingarten. Draußen ist es bereits dunkel, doch in der Basilika St. Martin brennt noch Licht. Dass die Lage in der Kirche angespannt ist, zeigt sich bereits daran, dass am Haupteingang ein Sicherheitsdienst positioniert ist und zwei Ministranten der Gemeinde keine Weihrauchfässer, sondern Binden mit der Aufschrift „Ordner“ tragen. Der Grund für die Versammlung ist barock und rot-weiß marmoriert. Es handelt sich um den im Jahr 1931 erbauten Heilig-Blut-Altar. Seit rund zwei Jahren wird in Weingarten über seine Zukunft gestritten.
Zahlreiche Gläubige wehren sich gegen den geplanten Abriss. Doch ausgerechnet der Altarraum wird an dem Abend von einer großen Leinwand verdeckt. Denn der Kirchengemeinderat will über sein Konzept zur Neugestaltung des Altarraums informieren. Die Moderation übernimmt der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Müller. Das Programm ist in zwei Teile gegliedert: Zunächst stellen die Verantwortlichen die geplante Neugestaltung vor, anschließend können die Besucher Fragen stellen und eigene Wortbeiträge einbringen.
Vorschrift der DBK ist Anlass für Neugestaltung
Kirchengemeinderatsmitglied Marieluise Kliegel tritt an das Mikrofon und liefert einen Rückblick auf die Geschichte der Basilika. Der Innenraum habe in den vergangenen 300 Jahren mehrere Veränderungen erfahren, insbesondere hinsichtlich des Altars und der Aufbewahrung der Heilig-Blut-Reliquie. Nach der Fertigstellung der Kirche im Jahr 1724 sei diese zunächst in einem Seitenaltar über der Welfengruft aufbewahrt worden. Erst 1731 sei sie ins Zentrum der Basilika gerückt, allerdings weiterhin verschlossen aufbewahrt worden. Das änderte sich 1931, als die Benediktiner den heutigen Heilig-Blut-Altar errichteten. Seither ist die Reliquie in seinem Inneren dauerhaft sichtbar ausgestellt. Im Zuge der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil seien die sechs neobarocken Hochaltarleuchter und das große Standkreuz entfernt worden. Zudem sei ein hölzerner Ambo aufgestellt worden. Nach 1970 habe sich die Gesamtsituation angesichts eines veränderten liturgischen Verständnisses jedoch als „unbefriedigend“ erwiesen. Es habe ein „Ringen zwischen dem gewachsenen Bestand und neuen Notwendigkeiten“ gegeben, erläutert Kliegel. Dieses habe sich auch nach dem Weggang der Benediktiner aus Weingarten im Jahr 2010 fortgesetzt. Im Jahr 2024 wurde schließlich ein Ideenwettbewerb durchgeführt, den der Künstler Albrecht Zauner gewann. Im Frühjahr 2026 sprach sich der Kirchengemeinderat einstimmig für die Ausarbeitung und Umsetzung seines Entwurfs aus.
Anschließend wird ein Video auf die Leinwand geworfen, das mittlerweile auch auf dem YouTube-Kanal der Diözese Rottenburg-Stuttgart veröffentlicht wurde. In diesem kommt der von Kliegel zuvor erwähnte Künstler Zauner selbst zu Wort. „Ich bin einfach fasziniert von diesem Gesamtkunstwerk“, sagt er mit Blick auf die Basilika. Besonders beeindruckten ihn die harmonischen Proportionen, das Licht und die Innenausstattung. Er halte es für „mutig und notwendig“, sich nach fast 100 Jahren Gedanken über einen neuen Altarraum zu machen. Anhand eines Modells erläutert der Bildhauer seinen Entwurf: Danach sollen der bisherige Heilig-Blut-Altar und ein Teil der Stufenanlage von 1931 entfernt werden. Auch die Stufenanlage soll künftig der kreisförmigen Gestaltung des Kuppelraums folgen. Diese sei bislang zu einem großen Teil von den bestehenden Stufen verdeckt. Dadurch entstehe unter der Kuppel ein weitgehend freier Raum, der für unterschiedliche liturgische Feiern genutzt werden könne. „Es geht darum, dass alles miteinander verbunden ist“, erklärt Zauner. Der Mensch stehe im Mittelpunkt, umgeben von Wort und Brot.
Ein unverzierter Block aus Jura-Kalkstein
Doch wie soll der neue Altar eigentlich aussehen? Der Entwurf zeigt einen schlichten, unverzierten Block aus Jura-Kalkstein mit einer leichten Rundung. Lediglich in der Mitte befindet sich eine kleine Aussparung, in der die Heilig-Blut-Reliquie sichtbar ausgestellt werden soll. Daneben sollen ein neuer Ambo, ein Tabernakel und eine Stele am Blut-Christi-Altar entstehen, die aus demselben Material wie der Altar gefertigt werden sollen. Die Umgestaltung soll 175.000 Euro kosten, davon 75.000 Euro aus Kirchensteuermitteln. Die Neugestaltung begründet der Kirchengemeinderat mit einer Richtlinie der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 1988. Nach dieser sollen Altar, Ambo, Sedilien und Tabernakel eine gestalterische Einheit bilden. Der geplante Ambo soll künftig als „Tisch des Wortes“ am Rand des Kuppelraums stehen, gegenüber von ihm der neue Altar als „Tisch des Brotes“. Zwischen beiden soll ein freier Raum entstehen, in dem die Stühle in unterschiedlichen Formationen aufgestellt werden können. Dadurch werde der Kuppelraum bei verschiedenen Gottesdienstformen zu einem „vielfältigen Erfahrungsraum“, heißt es in einer nach der Versammlung veröffentlichten Pressemitteilung der Kirchengemeinde.
Einige Gläubige nahmen bereits vor der Gemeindeversammlung nicht nur an diesen Plänen, sondern auch an der mangelnden Kommunikation der Verantwortlichen Anstoß. Aus diesem Grund hat der Kirchengemeinderat eine Art „FAQ“ mit häufig geäußerten Einwänden und entsprechenden Antworten vorbereitet, die von zwei seiner Mitglieder im Wechsel vorgetragen werden. Dass die Gemeinde nach dem Ideenwettbewerb 2024 lange nichts mehr von den Plänen gehört habe, begründen die Verantwortlichen unter anderem mit einem Baugerüst im Kuppelraum und den anstehenden Kirchengemeinderatswahlen. Auch die nichtöffentliche Sitzung vom 13. März 2026, bei der sich der Kirchengemeinderat einstimmig für die Neugestaltung ausgesprochen hatte, wird thematisiert. Die damalige Vorgehensweise sei nach Beschwerden kirchenaufsichtlich geprüft worden. Dabei sei „kein Anlass für ein aufsichtsrechtliches Einschreiten“ festgestellt worden. Auf die Frage, ob die Entscheidung über die Neugestaltung bereits gefallen sei, erklären die Verantwortlichen, dass die endgültige Entscheidung beim Bischof liege. Nach Auswertung der Kritik wolle der Kirchengemeinderat diesem ein Votum übermitteln.
Eine wirkliche Diskussion kommt nicht zustande
Dann sind die Besucher an der Reihe. Im Mittelgang der Basilika stehen mehrere Mikrofone bereit, an denen sie ihre Fragen stellen und ihre Meinung zur geplanten Neugestaltung äußern können. Doch wer eine Antwort erwartet, wird enttäuscht. Weder der Kirchengemeinderat noch die anderen Verantwortlichen gehen auf die Wortmeldungen ein. Moderator Axel Müller fragt lediglich nach Namen und Wohnort der Redner, bedankt sich für ihre Beiträge oder weist sie darauf hin, dass die Redezeit abgelaufen ist. So entsteht eine eigentümliche Situation: Die Besucher können zwar Kritik oder Lob vorbringen, doch eine wirkliche Diskussion kommt nicht zustande.
Angela Hörnig, die sich seit zwei Jahren für den Erhalt des Altars engagiert, kritisiert gegenüber der „Tagespost“, dass die Gemeindeversammlung von vornherein als Informationsveranstaltung über bereits beschlossene Pläne angelegt gewesen sei. „Echtes Zuhören und ein wirklicher Dialog erschöpft sich eben nicht im Protokollieren von kurzen Wortmeldungen und Fragen, auf die es wieder keine Antworten gab“, so die Gymnasiallehrerin. Für Hörnig geht es bei dem Streit um mehr als die bloße Umgestaltung des Altarraums. Sie befürchtet, dass die sakrale Dimension des Kirchenraums in den Hintergrund tritt. Ein moderner Altar sei nicht notwendig, um das Glaubensleben zu stärken.
Gehört der Altar der Abtei?
Den brisantesten Wortbeitrag liefert Erbgraf Philipp zu Königsegg-Aulendorf: „Wem gehört der Heilig-Blut-Altar eigentlich und wer darf über ihn verfügen?“, fragt er. Nach seinen Informationen seien im Diözesanarchiv kürzlich Unterlagen entdeckt worden, die deutlich dafürsprächen, dass der Altar trotz des Weggangs der Mönche Eigentum der Benediktinerabtei Weingarten sei, denn die Abtei bestehe rechtlich fort. Vertreten werde sie durch Erzabt Tutilo Burger von Beuron als Abt-Administrator. Dieser habe inzwischen einen Eigentumsanspruch für die Abtei geltend gemacht.
Dass ein entsprechendes Schreiben Burgers bei Bischof Klaus Krämer eingegangen ist, hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart gegenüber dem Nachrichtenportal „schwaebische.de“ bestätigt. Die Eigentumsverhältnisse würden derzeit juristisch geprüft. Gegenüber dieser Zeitung erklärte Burger am vergangenen Donnerstag, dass er sich zu den Eigentumsverhältnissen nicht äußern könne, „solange die Rechtsverhältnisse nicht gesichert sind“. Die Initiative „Pro Heiligblutaltar“, die sich für den Erhalt des bisherigen Altars einsetzt, fordert angesichts dieser Entwicklung einen vorläufigen Stopp der Planungen. Nach ihren Informationen habe Burger der geplanten Veränderung des Altars nicht zugestimmt, sondern sein Veto eingelegt. Der Streit um den Heilig-Blut-Altar geht damit in die nächste Runde.
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