Ein Virus geht um im konservativen Milieu. Es handelt sich um das Virus des Argwohns, wenn die eigene Lehre auch nur dem Anschein nach die Richtung wechselt. Erst kürzlich schockierte mich bei der Diskussion mit einem Infizierten, wie schnell vor allem junge konservative Katholiken zu Verfechtern der Todesstrafe werden – wohlgemerkt nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor dem Traditionsbruch. Die Kirche habe die Todesstrafe ja in Extremfällen schon immer erlaubt; dass sie sich seit Johannes Paul II. und spätestens seit der Änderung des Katechismus von 2018 dagegenstellt, könne ja nur ein Widerspruch im Lehramt sein, der dem Relativismus die Tür öffne. Eine solche Haltung ist aber nicht Konservatismus, sondern schlechthin Borniertheit. Zugegeben: Namhafte Autoritäten haben die Todesstrafe als legitim angesehen, und die missverständliche Begründung im Katechismus ist mit „bruchstückhaft“ noch sehr barock beschrieben.
Dennoch muss man auch in der Tradition auf die Argumentation schauen! Für Thomas von Aquin war die Tötung eines Einzelnen theoretisch legitim, wenn das Gemeinwohl anders nicht geschützt werden könne, denn das Gut der Gemeinschaft ist immer größer als das Privatgut eines Einzelnen. Immer? Nein! Derselbe Thomas lehrt nämlich auch, dass überhaupt nur solche Privatgüter dem Wohl des Staates untergeordnet werden können, die derselben „Gattung“ angehören – also der natürlichen Ordnung. Wenn ein Privatgut einer grundsätzlich höheren Gattung angehört (also der Gnadenordnung), hat der Staat niemals Gewalt darüber.
Unantastbare Würde
Großen Thomisten wie Jacques Maritain ist es zu verdanken, diese Unterscheidung zwischen Individualität und Personalität wieder aus dem Orkus scholastischer Sinnwahrheiten emporzuklamüsern: Jeder Mensch ist beides – als Individuum ist er nur Teil eines größeren Ganzen (etwa des Staates), als Person ist er selbst ein Ganzes, ein einzigartiges Ebenbild Gottes, und kann darum nicht einfach in eine menschlich-politische Ordnung hineingepresst werden. Der Mensch ist christlich gesehen mehr als ein Bürger, mit dessen Leben der Staat schalten und walten könne: Er hat als Person eine unantastbare Würde, die der Staat auch vor sich selbst schützen muss. So findet sich auch schon bei Thomas die klare Aussage, dass die Gnade eines Einzelnen ein größeres Gut ist als das ganze Universum. Oder, um es mit dem lieben Heiland zu sagen: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ (Mk 8,36)
Dem Kaiser ist das Seine zu geben, aber eben auch nur das Seine. Das Leben des Menschen gehört im Letzten Gott, und darum hat sich die Position der Kirche auch nicht wesentlich verändert. Es war schon immer richtig, dass der Einzelne als Individuum notfalls für das Gemeinwohl geopfert werden kann. Es war auch schon immer wahr, dass er als Person der Verfügungsgewalt der Gemeinschaft entzogen ist und nicht aus Zweckmäßigkeit getötet werden darf. Und da jeder Mensch immer Individuum und auch Person ist, war die Todesstrafe schon seit Kain und Abel unzulässig und nicht erst seit Papst Franziskus.
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