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Brückenbauerin zwischen Christen

So geht Ökumene: Ein evangelischer Pfarrer befasst sich mit der Muttergottes – Warum Mariendogmen kein Hindernis für einen bibelfesten Lutheraner sind.
Muttergottes, Brückenbauerin zwischen Christen
Foto: KNA | Die Schrift in der Hand der Verkündigungsmadonna im Regensburger Dom zeigt, worum es bei der Marienverehrung: Sie soll andere zu Jesus führen.

Wie lebendig ist der Austausch unter Christen in der Heimat Martin Luthers? Das ökumenische Gespräch im deutschsprachigen Raum wirkt eingeschlafen. Man hat sich arrangiert, weiß um die bleibenden Unterschiede, aber die große Dringlichkeit, einander wirklich zu verstehen, ist vielfach verloren gegangen. Umso erfrischender ist es, wenn ein lutherischer Pfarrer ein Buch mit dem Titel „Maria, wer bist du?“ schreibt.

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Christophe Costi, Jahrgang 1988, unternimmt eine „Entdeckungsreise in die katholische Lehre über Maria“ und stößt dabei auf vieles, was ihn nachdenklich werden lässt. Der gebürtige Hesse mit französischen Wurzeln liebt nach eigenen Worten das Bibelstudium und gute theologische Bücher. Neben seinem lutherischen Hintergrund prägen ihn katholische, messianisch-jüdische und charismatische Impulse – eine Mischung, die man bei einem lutherischen Pfarrer nicht unbedingt erwarten würde.

Der christologische Bezug der Mariendogmen

Die größte Entdeckung seiner Studien sei der christologische Bezug der Mariendogmen gewesen: Es gehe nicht darum, Maria in den Mittelpunkt zu stellen, sondern durch sie zu Jesus geführt zu werden. In evangelischen Kreisen beklagt Costi eine „Reduzierung Marias auf eine bloße Weihnachtskrippenstatistin“. Diese theologische Lücke zu füllen, ist das Anliegen seines Buches. Trotz aller Sympathie für die katholische Lehre bleibt er ein wachsamer Lutheraner – eine kritische Distanz, die seine Betrachtung glaubwürdig macht.

Ausgangspunkt ist eine kleine Alltagsszene: ein Nachmittag bei katholischen Freunden, ein Satz über die klaren Richtungsvorgaben der katholischen Kirche – und der Protestant beginnt zu fragen, ob die Katholiken in manchem nicht recht haben könnten. Was folgt, ist keine Bekehrungsgeschichte, aber eine luzide, oft überraschend offene Auseinandersetzung mit jenen marianischen Dogmen, die evangelischen Christen seit jeher als Inbegriff katholischer „Übertreibung“ gelten: Unbefleckte Empfängnis, immerwährende Jungfräulichkeit, Gottesmutterschaft, leibliche Aufnahme in den Himmel, Fürsprache, Königtum Mariens.

Costi liest katholische Autoren wie Trent Horn und vor allem Tim Staples, dessen „Behold, Your Mother“ ihn zu seiner eigenen Untersuchung inspiriert hat. Er schlägt den Katechismus auf, und immer wieder gesteht er ein: Das scheint doch biblisch begründbar zu sein. Die typologische Auslegung der Bundeslade auf Maria, die Parallelen zwischen Eva und Maria bei Irenäus von Lyon, die alttestamentlichen Vorbilder für eine „präventive Erlösung“ – all das wird nicht behauptet, sondern sorgfältig aus dem Text entwickelt.

Maria als Wegweiser zu Jesus

Was Costi im Laufe seiner Lektüre am meisten bewegt, ist die Erkenntnis, dass die katholische Marienlehre gar nicht Maria in den Mittelpunkt stellen will, sondern Jesus. Er zitiert zustimmend den Katechismus: „Was der katholische Glaube von Maria glaubt und lehrt, gründet auf dem Glauben an Christus, es erhellt aber auch den Glauben an Christus.“ Und an anderer Stelle: „Der Sinn guter Theologie ist, dass wir durch das Verstehen seines Wortes in die Anbetung kommen.“

Maria ist demnach kein Umweg, sondern ein Wegweiser zu Jesus selbst. Besonders eindrücklich wird dies in Costis Auseinandersetzung mit der Unbefleckten Empfängnis. Die katholische Lehre, wonach Maria „vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an von der Erbsünde bewahrt“ wurde, ist für ihn kein exklusives Privileg, das Maria von allen anderen Christen trennt. Im Gegenteil: „Maria ist nach katholischer Vorstellung durch Gottes Wirken ein in sich heiler, ganzer, integrer Mensch, so wie es Adam und Eva ursprünglich waren.“

Und was in Maria bereits jetzt Wirklichkeit ist, erwartet alle Gläubigen dereinst im Himmel. Maria wird so zur „wiederhergestellten vollen Menschheit“ – ein Vorgeschmack auf das, was Gott mit jedem von uns vorhat. Costi gesteht: „Wenn wir einst im Himmel ganz im Einklang mit Gott sind, macht das auch uns nicht weniger menschlich. Unser Menschsein kommt dann erst ans Ziel, so wie Gott es von Anfang an gedacht hat.“ Die Mariendogmen sind für ihn keine Sonderlehren, die Maria über die Gemeinde erheben, sondern Fenster in die Zukunft der ganzen Kirche. Diese Entdeckung ist für den lutherischen Pastor der eigentliche Gewinn seiner Spurensuche: Maria zeigt, wohin Gottes Gnade den Menschen führen kann – und das ist eine ausgesprochen frohe Botschaft.

Reformation hat mit der Marienfrömmigkeit nicht gebrochen

Besonders reizvoll sind die Rückgriffe auf die Reformatoren. Dass Martin Luther an der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens festhielt, dass er noch 1539 predigte, Maria sei „nach der Geburt Jungfrau geblieben“, dass auch Zwingli und sogar der Methodist John Wesley ähnlich dachten – das setzt der landläufigen Meinung, die Reformation habe mit der Marienfrömmigkeit radikal gebrochen, einiges entgegen. Costi dokumentiert diese Belege mit philologischer Sorgfalt: Das griechische Präsens im Lukasevangelium „ich erkenne keinen Mann“ sei nicht als „noch nicht“, sondern als grundsätzliche Aussage zu verstehen, und die Reformatoren hätten das durchaus so gesehen. Wer also meint, die Lehre von der immerwährenden Jungfräulichkeit sei eine späte katholische Erfindung, der irrt – sie ist ein Stück gemeinsamen Erbes.

Dennoch ist Costi kein Konvertit, der alles ungeprüft übernimmt. An manchen Stellen bleibt er skeptisch: Die Deutung von Lukas 1, 28 „Begnadete“ als Beleg für die Unbefleckte Empfängnis hält er für „zu vage“; bei diesem Dogma fehlen ihm die klaren biblischen Indizien. Und in der Frage der Marienerscheinungen verhält er sich tastend, ohne vorschnelle Zustimmung. Er unterscheidet klar zwischen Anbetung, die allein Gott gebührt, und Verehrung.

Echter ökumenischer Brückenbau

Er fragt aber auch: Darf man nicht auch eine Statue küssen, wenn die Geste in Wahrheit der Person gilt? Und er zitiert zustimmend Johannes Paul II., dass Jesus in Matthäus 12, 46–50 seine Mutter nicht verleugnet, sondern auf die geistliche Mutterschaft aller Glaubenden hinweist. Genau diese Differenziertheit ist die Stärke des Buches. Costi will nicht missionieren, weder in die eine noch in die andere Richtung. Er will prüfen. Und er fragt sich selbstkritisch, wo er vielleicht aus konfessioneller Gewohnheit blockt. Das ist mehr, als man von manchen ökumenischen Dialogen sagen kann.

Was bleibt, ist der Eindruck eines Autors, dem es nicht um Zustimmung um jeden Preis geht, sondern um Brückenbau. Costi sagt, die Beschäftigung mit Maria habe seinen Glauben vertieft und ihm neue Horizonte eröffnet. Sie sei für ihn mehr denn je eine Tür zu Jesus, der dadurch „nahbarer, greifbarer“ geworden sei. Dieses Buch ist kein katholischer Traktat, aber es ist ein lutherisches Zeugnis dafür, dass die mariologischen Dogmen der katholischen Kirche nicht einfach aus der Luft gegriffen sind. Wer als Katholik wissen will, wie ein aufmerksamer, bibeltreuer Lutheraner die Mutter des Herrn zu lesen beginnt, der wird hier fündig. Und vielleicht, so legt es Costi nahe, könnte das auch umgekehrt gelten. Denn wenn schon Martin Luther sagen konnte, Maria gebühre „alle Ehre“ – dann ist die ökumenische Spur vielleicht doch nicht so kalt, wie mancher denkt.


Christophe L.P. Costi: Maria, wer bist du? Ein verblüffender Blick über den evangelischen Tellerrand, Fontis-Verlag, Basel 2025, 248 Seiten, EUR 22,90

Die Rezensentin ist promovierte Theologin und Bloggerin.

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