Jede vergleichende Betrachtung der westlichen Zivilisation landet unweigerlich bei der Feststellung, dass sie entscheidend vom Christentum geformt wurde. Auseinander gehen die Meinungen dann in der Regel darüber, inwiefern das gut oder schlecht war und ob es auch in Zukunft noch zutreffen wird. Der Londoner King’s College-Historiker Peter Heather sieht das europäische Christentum seit etwa 120 Jahren in einer Periode des Niedergangs; umso erklärungsbedürftiger sei, wie es überhaupt jemals eine dominante Kraft hatte werden können. Und so widmet er sein neuestes Buch dem „Aufstieg und Triumph“ der christlichen Religion, den er zwischen Kaiser Konstantin und dem Hochmittelalter verortet. Unverkennbar sind weder diese Niedergangs-These noch diese zeitliche Lokalisierung der Glanzzeit des Christentums besonders originell. Und damit beginnen die Schwierigkeiten mit diesem Buch, das mit dem Anspruch besonderer Innovativität auftritt, ihn aber nie einlöst.
Wie bei derartigen in Superlativen beworbenen Büchern üblich, klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Revolutionär neu kann das, was Heather zu berichten hat, zum größten Teil nur für Leser sein, die sich noch nie auch nur ansatzweise mit der Geschichte des Christentums beschäftigt haben. Und auch diesen wird man eine andere, besser und interessanter geschriebene Einstiegslektüre wünschen als gerade dieses Buch. Undiplomatisch ausgedrückt: Heather schreibt schlecht, unelegant und unanschaulich, und das über 800 Seiten lang. Für ein Buch, das sich erkennbar an ein breites geschichtsinteressiertes Publikum richten soll, ist das ein katastrophaler Befund. Und man sage nicht, das läge am Inhalt: Heather schafft es sogar, die Massaker der Kreuzfahrer so zu erzählen, dass sich beim Leser gähnende Langeweile einstellt.
Der Blick des Autors durch die britische Brille
Neben Anschaulichkeit mangelt es auch an gedanklicher Ordnung: Die Darstellung hüpft nicht selten recht wirr zwischen verschiedenen Ländern und Regionen umher, ohne dass sich der Grund dafür erschließt. Die tendenzielle Übergewichtung der Britischen Inseln – und zwar auch in den Perioden, wo sich das nicht mehr durch irische Missionare oder dergleichen rechtfertigen lässt – kann man einem in London ansässigen Autor nicht zum Vorwurf machen, doch den kontinentaleuropäischen Leser wird sie unweigerlich ermüden.
Dass Heathers Darstellung recht abrupt im vierten Jahrhundert einsetzt, hat unverkennbare Nachteile. Wie dieses Christentum denn eigentlich entstanden ist, und was diese Christen vor der konstantinischen Wende genau glaubten und trieben, bleibt mehr oder weniger im Dunkeln. Es wäre aber hilfreich, um die konstantinische Wende zu verstehen. Auf der anderen Seite des zeitlichen Spektrums fällt auf, dass Heather zu den von ihm so hervorgehobenen Mechanismen der Sozialkontrolle („Christentum und Zwang“) noch viel Profunderes hätte schreiben können, wenn er die frühe Neuzeit hinzugenommen hätte.
Kaiser Konstantin als paradoxe Ausnahme
Überaus stark gewichtet Heather politische, wirtschaftliche und andere materielle Faktoren. Das ist sinnvoll, wenn man es als Gegengift gegen romantisch verklärte Vorstellungen vom „christlichen Mittelalter“ versteht, die sich keine Rechenschaft darüber ablegten, wie oberflächlich christianisiert die mittelalterliche Gesellschaft oft nur war. Da diese ahistorische Butzenscheibenvorstellung vom Mittelalter heute so gut wie keine intellektuell satisfaktionsfähigen Anhänger mehr hat, fragt man sich allerdings, ob Heather da nicht eine Krankheit kuriert, die eigentlich schon ausgestorben ist. Die Schattenseite seines eher materialistischen Ansatzes ist es, dass er allen möglichen historischen Akteuren vorwirft, bei ihrer Förderung des Christentums nur allzu irdische Beweggründe gehabt zu haben; und das auch in Fällen, wo sich das objektiv betrachtet nicht so pauschal entscheiden lässt.
Eine paradoxe Ausnahme bildet Kaiser Konstantin, dem viele Historiker eine rein politische Motivation unterstellt haben. Ausgerechnet bei ihm nimmt Heather eine authentische christliche Religiosität an: denn das Christentum sei zu Beginn von Konstantins Regierung schlicht noch zu unbedeutend gewesen, als dass sich ein Anschluss an diese Bevölkerungsgruppe aus rein taktischen Gründen gelohnt hätte.
Allzu irdische Motivationen spielten in der Christentums- und Kirchengeschichte unbestreitbar oft eine Rolle. Indessen gibt es genug Fälle, wo dieses Erklärungsmuster nicht weiterhilft: man denke an die Wüstenväter oder Franz von Assisi. Heather kommt dementsprechend nicht umhin, vielen historischen Akteuren auch aufrichtige spirituelle Beweggründe zuzuschreiben, doch fehlt ihm offenkundig jedes Einfühlungsvermögen, das nötig wäre, um diese Spiritualität und ihre Träger plastisch zu beschreiben. Was er dazu zu sagen hat, bleibt blass und diffus. Es mangelt Heather letztlich an der für einen guten Historiker unerlässlichen Voraussetzung, geschichtliche Akteure erst einmal aus ihren eigenen geistigen Voraussetzungen zu verstehen – mögen diese von denen des Historikers noch so weit abliegen.
Damit hängt es sicher auch zusammen, dass die spätantike und mittelalterliche Theologie bei Heather wie eine Bastelstube anmutet, in der ständig irgendwelche neuen Lehren zusammengeschustert und dann entweder abgelehnt oder für allgemein verbindlich erklärt werden; wieso und warum der ganze intellektuelle Aufwand getrieben wurde, ist ihm sichtlich unverständlich, sofern es sich nicht durch mittelbar angestrebte Sozialkontrolle erklären lässt. Fazit: Es wird dringend davor gewarnt, wertvolle Lebenszeit mit diesem Buch zu verlieren.
Peter Heather: Christentum. Aufstieg und Triumph einer Religion, Klett-Cotta, 2025, gebunden, 799 Seiten, EUR 42,-
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