Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Geschichtsphilosophie Teil 3

Ist alles nur Fiktion?

Geschichte muss immer geschrieben werden, hat also einen Autor. Und der Autor bestimmt den Plot. Das hat Folgen.
Er ist einer der erfolgreichsten Geschichtsschreiber in Deutschland: Golo Mann (1909-1994) erzielte mit seinen Werken große Verkaufserfolge. Dem Problem der Fiktionalität löste er, indem er sein Buch über Wallenstein den Untertitel angefügt hat: "Sein Leben erzählt von Golo Mann".
Foto: IMAGO/United Archives Sven Simon Archive | Er ist einer der erfolgreichsten Geschichtsschreiber in Deutschland: Golo Mann (1909-1994) erzielte mit seinen Werken große Verkaufserfolge.

Ein junger Literaturprofessor aus dem sonnigen Kalifornien mischte 1973 die gediegene Historikerzunft auf. Dabei ging es dem 2018 verstorbenen Hayden White damals keineswegs etwa um eine „kritische“ Kriegserklärung an eine angestaubte Disziplin im Stil der damaligen Studentenbewegung. Zur Diskussion stand vielmehr der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit des Faches an sich.

Neomarxistische Kreise hatten zu jener Zeit die Forderung erneuert, die Geschichtsschreibung habe sich auf die „kritische“ Aufdeckung repressiver Sozialstrukturen zu konzentrieren. Die Hohenpriester der Muse der Geschichte Klio wiederum, die eine wertfreie Wissenschaft verteidigen wollten, begegneten dem mit einem Rückzug auf die methodische Bastion des Historismus. Einig waren sich beide Seiten indes in ihren Vorbehalten gegenüber einem Zuviel an subjektiver Stellungnahme des Historikers, die die wissenschaftliche Erkenntnis zu verunreinigen schien.

White teilte diese Ansicht nicht. Für ihn bildete jede Beschäftigung mit der Geschichte, insoweit sie sprachlich vermittelt wird, eine grundsätzlich fiktionale Darstellung. Er bestritt nicht, dass die Geschichtswissenschaft im Lauf der Jahrhunderte eine Fülle ausgeklügelter Arbeitsweisen entwickelt hatte. Doch die Crux liegt dort, wo der Historiker dazu ansetzt, seine Funde zu verschriftlichen. In Whites Worten: „Dieser Vorgang, in dem eine Chronik von Ereignissen mit einer Handlungsstruktur versehen wird und den ich emplotment nenne, ist das Ergebnis diskursiver Verfahren, die ihrer Natur nach eher tropologisch als logisch sind.“

Verwandtschaft mit der Literatur

Das klingt zunächst nach harter Kost, erweist sich aber bei genauerem Hinsehen als ebenso simple wie weitreichende These. Vergangenes Geschehen und seine Abfolge lassen sich in Form einer abstrakt verstandenen Chronik der Ereignisse vorstellen. Über diese zu sprechen, erfordert eine gewisse Ordnung. Vereinfacht gesagt, können wir nicht dreißig Jahre über den Dreißigjährigen Krieg, geschweige denn über alle seine Schauplätze sprechen. Wir sind gezwungen, auszuwählen, hervorzuheben, bestimmte Zeitabschnitte genauer zu beleuchten als andere. Mit all diesen notwendigen Perspektivierungen und Maßstabsetzungen verleihen wir unserer Darstellung ein Gerüst. Nicht grundlos rückt White dieses mit dem Begriff Handlungsstruktur oder „Plot“ in die Nähe zur Art und Weise, mit der etwa ein Romanautor über sein Thema verfügt.

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Anspruch der Geschichtswissenschaft seit der Aufklärung war es, durch ihre Methoden zur Erkenntnis der Vergangenheit auf logisch nachvollziehbarem Weg zu führen. White behauptet hingegen, dass die Überzeugungskraft historischen Denkens auf dessen Gestaltung beruht. Die geschickte Komposition der Tropen, also des Werkzeugkastens rhetorischer Figuren und sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten, verleiht einem Geschichtswerk Größe. Glaubwürdigkeit gewinnt es nicht durch Aussagen über die Vergangenheit selbst, sondern indem es die in unserer Kultur geteilten Sagbarkeitsregeln dazu erfüllt, wie eine historische Begebenheit dargestellt werden kann.

So wie die Literatur fiktive Stoffe präsentiert und dabei eine Tragödie oder Komödie arrangieren kann, ist der Sinn, den ein Historiker seinem Thema gibt, immer an einen bestimmten Handlungsrahmen gebunden. Damit liefert White ein Instrument, mit dem jede Aussage über die Geschichte aus ihrem erkenntnistheoretischen Fundament gehebelt werden kann. Wie etwa der Philosoph Oswald Spengler (1880-1936) seinen 1918 erschienen „Untergang des Abendlandes“ in ein Geschichtsbild mit Anspruch auf Objektivität einreiht, zeigt aus dieser Perspektive einerseits, dass er die Geschichte westlicher Kultur als tragische Gestalt versteht. Da der Plot einer Tragödie nur im abendländischen Diskurshorizont existiert, ist sie darüber hinaus aber auch in ihrer Verständlichkeit an ein bestimmtes Publikum gebunden. Durch diesen Relativismus verliert das Argument des voluminösen Werks mithin seine behauptete wissenschaftliche Gültigkeit.

Während die Geschichte so an festem Wissensbestand einbüßt, ist sie doch keineswegs überflüssig. Nur löst ihre Verwicklung in die Bedingungen und Möglichkeiten der Sprache und des Erzählens das referentielle Verhältnis zur Vergangenheit auf. Ein „korrektes“ und ein „missbräuchliches“ Geschichtsbild unterscheiden sich nur in der Dominanz der „richtigen“ gegenüber einer „abweichenden“ Glaubwürdigkeitsannahme im gegenwärtigen Diskurs. Ein beständiges „Vetorecht der Quellen“, wie Reinhart Koselleck es behauptete, gibt es hingegen nicht. Denn indem wir historisches Material für eine Repräsentation der Vergangenheit heranziehen, geraten wir bereits in den von White analysierten Prozess des sinngebenden Erzählens. Das „Veto“ kommt stets erst durch uns zur Sprache. Manche Konsequenz dieses Denkens sehen wir in unserer Gegenwart. Der negativen Zeichnung der Entwicklungen seit 1989 auf russischer Seite etwa lässt sich mit logischen Überzeugungsmitteln allein kaum beikommen. Und doch scheuen wir uns, zeigte sich auch White selbst verhalten gegenüber den äußersten Konsequenzen seiner Theorie: Nicht wenig Unwohlsein war der Verteidigung seiner Thesen von der Fiktionalität der Geschichtswissenschaft beigemischt, als er im Sommer 2011 auf einer Tagung in Jena mit dem Historiker und Holocaust-Überlebenden Saul Friedländer diskutierte.

Vereinbar mit der christlichen Perspektive?

Lassen sich Whites Impulse in Einklang mit einer christlichen Weltauffassung bringen? Es ist unbestreitbar, dass sich vor den Postulaten der Aufklärung Historiker primär als Literaten, nicht als Forscher verstanden. Einen Wahrhaftigkeitsanspruch pflegten bereits antike Geschichtswerke, doch bestand in der Erklärung und Erkenntnis individueller historischer Vorgänge kein wissenschaftlicher Selbstzweck. Wenn White jeden Wesensunterschied zwischen objektiver Geschichtswissenschaft und spekulativer Geschichtsphilosophie negiert, bringt er uns näher an den ursprünglichen Anspruch der Historiografie heran: in einem philosophierenden Rahmen die zeitbedingten Ausdrucksformen überzeitlich verstandener Exempel durch Sprache möglichst effektiv darzustellen.

Hierin ist die Geschichte so wenig statisch und auserzählbar wie die Theologie, über die der katholische Schriftsteller und Philosoph Theodor Haecker (1879-1945) sagt: „Die ewigen Wahrheiten müssen immer wieder einen neuen Leib der Zeit bekommen. Newman oder Kierkegaard mussten und konnten Dinge sagen, die eben Thomas oder Augustinus nicht sagen konnten, obwohl sie dasselbe sagen.“ Was ist aber dieses „Selbe“ im Bezirk der Geschichte? Wohl die Geschichtlichkeit des Menschen selbst. So wie die Ich-Du-Beziehung zu Gott, der nach Johannes wesentlich Logos ist, zum Sprechen über heilsgeschichtliche Erwartungen führt, ist auch unseren Orientierungsversuchen in der weltlichen Geschichte der kunstvolle Pinselstrich des Schöpfers als Ideal gemein. Unsere Erfahrungen erzählerisch zu ordnen und zu strukturieren, ist in unserem zeitlichen Dasein angelegt. Die grundsätzliche Wahrheit der christlichen Anthropologie dürfte durch die dabei zum Einsatz kommenden fiktionalen Tropen kaum gefährdet sein, wenn diese in den verschiedenen Prismen des einen verbum dei ihr auf höherer Ebene vorgebildetes Urbild finden. Bereits unter dem glaubensgestützten Zelt des mittelalterlichen Weltbilds kam ja, wie Romano Guardini beschrieb, jeder um Erkenntnis bemühten Erörterung „zugleich ein ästhetischer Wert“ zu, war ihre Argumentation „nicht nur gesagte, sondern geformte Wahrheit. Die Form als solche sagt etwas über die Welt aus – und wäre es nur, dass deren Wesen in solcher Geformtheit werden kann.“

Viele Stimmen fragen heute besorgt nach der zulässigen Grenze zwischen Fakt und Fiktion, nach der Gefahr „alternativer“ Geschichtsbilder. Die Möglichkeiten der generativen KI und sozialer Medien intensivieren diese Problematik nur. Whites Gedanken haben vor diesem Hintergrund nichts an provokativer Aktualität eingebüßt.


Der Autor promoviert in Alter Geschichte und nimmt am Programm für junge Autoren teil.

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