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Jeder von uns ist für die Geschichte verantwortlich

Statue Clio
Foto: Imago/Unites Archives International | Ist der glücklich zu schätzen, der von ihr geküsst wird? Clio, die Muse der Geschichte.

Die Rhetorik der Krise mutet in den vergangenen Jahren wenig neu an. Und auch in der kommenden Zeit dürfte die ökonomische und geistige Verunsicherung, die sich zumindest Europas bemächtigt hat, schwerlich schwinden. Wer zum passiven Zuschauer oder bloßen Erdulden herabgedrückt ist, ist der entlastenden Versuchung von Hohn und Spott besonders ausgeliefert. Kaum ein Schlagwort hat zuletzt medial mehr einstecken müssen als Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“.

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Abgeschmackt erscheint spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine die Vorstellung des amerikanischen Politologen, der freie Markt und die liberale Gesellschaftsordnung wären aus der Rolle einer Systemoption zu einem sich immer breiter verwirklichenden Prozess erhoben, das politische und wirtschaftliche Geschehen von prognostizier- und einhegbaren Kräften gesteuert, die Geschichte, als Abfolge von Ereignissen und Einschnitten, nun durch eine kontinuierliche Vervollkommnung langfristiger Entwicklungen gänzlich abgelöst.

Das allen Abgesängen auf Fukuyamas Geschichtsvision anzuhörende Echo weist indes auf die zuvor sehr wohl dominante Position hin, die das „Ende der Geschichte“, den Umwälzungen nach 1990 folgend, über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten im westlichen Selbstverständnis besaß. Zumeist hat, wer sich heute am lautesten von dieser formelartigen Zuspitzung distanziert, seine weltanschauliche Position zuvor besonders fest auf ihrer unhinterfragten Geltung aufgebaut.

Nicolaus Sombart wusste: „Wenn die Geschichtsschreibung das Privileg der Sieger ist, so ist die Geschichtsphilosophie Sache der Besiegten.“ Nach einem Viertel dieses ursprünglich Frieden und Fortschritt versprechenden Jahrhunderts haben gerade wir Europäer allen berechtigten Grund zu dem Eindruck, nicht mehr Geschichte „zu machen“, sondern uns mit ihren widersprüchlich anmutenden Wendungen aussöhnen zu müssen.

Handelt es sich bei der Geschichtsphilosophie also allein um ein kollektives negatives Gegenwartsempfinden, das zur rückwärtsgewandten Spekulation über Grund und Zweck des eigenen Unglücks einlädt? Wäre dem so, würde ihr wenig Konstruktives innewohnen. Tatsächlich liegen aber bereits in ihren frühesten Ursprüngen auch befreiende Spuren. In seiner „Gottesstadt“ (De civitate Dei) nahm sich Augustinus der Verzweiflung seiner völkerwanderungsgeplagten Zeitgenossen und deren Gefühl an, die hohen Hoffnungen der Theologie und der schmerzhafte Verlauf der realen Geschichte lägen überkreuz.

Das Schicksal des irdischen Gemeinwesens aus ihrem letztendlichen Aufgehen im Heilsgeschehen zu lösen - diese Formel, mit der der Bischof von Hippo den Befürchtungen seiner Umwelt antwortete, schuf die Möglichkeit, die Weltgeschichte von der universalen Verantwortung des Menschengeschlechts für die Schöpfung her zu betrachten. Seitdem reißt die Faszination – aber auch die Notwendigkeit danach – nicht ab, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukunftserwartungen in einer sinngebenden Weise miteinander zu verbinden und historische Unabwendbarkeiten zu identifizieren.

Die Aufklärung markiert einen Bruch

Die endgültige Verwerfung des Glaubens als tragendes Fundament durch die Aufklärung hat diese jedem rational (und damit aus Beobachtung und Annahmen in die Zukunft) denkenden Subjekt unumgehbare Frage nur dringlicher gemacht. Auch ohne sich bis zur Hybris vom Tod Gottes steigern zu müssen, scheint durch alles historische Verorten- und Verstehenwollen der Moderne der berühmte Hegelsche Weltgeist hindurch, jene „geistige Realität, die dem Universum zugrunde liegt und sich im Menschen verwirklicht“, dem Menschen, der, so der Historiker Jörg Baberowski, „sich als Ausdruck und Werkzeug dieses Geistes“ erst als ein freies und zugleich in geschichtlichen Verhältnissen stehendes Individuum erkennen kann.

Neben diesem Selbstermächtigungspotenzial einer säkular begründeten Geschichtsphilosophie darf aber auch die ihr innewohnende Störkraft in soziologischer Hinsicht nicht unbeachtet bleiben. Karlfried Gründer und Robert Spaemann haben dies drastisch charakterisiert: „Geschichtsphilosophie ist von ihrem Anfang an nicht reine Theorie, sondern Waffe im europäischen Bürgerkrieg.“ Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Kulturkämpfe von globaler Reichweite ist diese Feststellung wohl nur weiter auszudehnen.

Liegt diese radikale Potenz aber allein in dem rein verstandesbezogenen Zirkel vom Menschen als zugleich Subjekt wie Objekt, Treiber wie Gegenstand der Geschichte? Folglich könnte ihr Wasser ja über eine Erneuerung des Glaubens als orientierende Kraft abgegraben werden. So einfach lässt sich die Geschichtsphilosophie, die durchaus einem Zwitter aus Theologie und Geschichtspragmatik gleicht, jedoch nicht in die Büchse der Pandora zurückzwingen.

Denn es sind auch die einschneidenden Veränderungen unserer materiellen Existenz seit Ende des 18. Jahrhunderts, die nicht weniger als die beschriebenen intellektuellen Modulationen zum Auseinanderdriften von „Erfahrungsraum“ und „Erwartungshorizont“ beitragen, wie ein von Reinhart Koselleck geschaffenes Gegensatzpaar die immer kürzere Halbwertszeit von Vergangenheit und Gegenwart bei der Prognostizierung der Zukunft einzufangen sucht.

Es erscheint paradox, aber in einer sich stetig beschleunigenden Welt, in der auch jüngst zurückliegende Zeiten immer weniger in Übereinstimmung mit den aktuellen Verhältnissen zu stehen scheinen, kommt es zu zeitlich immer weiter zurück- und vorgreifenden Versuchen einer historischen Sinnkonstruktion, die das Jetzt und Hier in seinem scheinbar fluiden Zustand abzubilden vermag.

Auf dem Ferment dieses Geschichtsdenkens, das nach einer genealogischen Bejahung der selbstentworfenen Zukunft verlangt, konnten die Spaltpilze der Heilsutopien und Ideologien des 20. Jahrhunderts gedeihen. Aber hinter die geschichtsphilosophierende Sehnsucht wird auch die christliche Seele des 21. Jahrhunderts nicht gänzlich zurückgehen können. Immerhin erwächst ihr gegenüber der Verpflichtung, „Herkunftsgeschichte in Zukunftsgeschichte hineinzuverlängern“ (wie Hermann Lübbe die Denkrichtung moderner Geschichtsphilosophien charakterisiert), eine schützende Distanz aus dem größeren historischen Schema, das zwischen Christus als geschichtlich singulärem Angelpunkt und seiner Wiederkunft als transparentem Zukunftshorizont gespannt ist.

Wichtige Erinnerung von Papst Leo XIV.

Als subkutane, unterschwellige Prämissen über Verlauf und Ziel der Geschichte ist die Geschichtsphilosophie in der „postmodernen“ Gegenwart zwar fragmentierter, aber nicht weniger präsent und wirkmächtig als eh und je. In seiner Neujahrsansprache hat Papst Leo XIV. unter Rückgriff auf Augustinus’ „Gottesstadt“ darauf hingewiesen, dass nicht allein die pragmatischen Handlungen als moralischer Nennwert eines Gemeinwesens zu gelten hätten, sondern auch die innere Haltung eines jeden Menschen angesichts der Lebensereignisse und der geschichtlichen Begebenheiten. In einer solchen Perspektive ist jeder von uns ein Protagonist und somit für die Geschichte verantwortlich.

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Sich als Protagonist der Geschichte zu begreifen, verlangt, die eigene Vorstellung von geschichtlicher Entwicklung und Zielrichtung nach daraus erwachsenden Forderungen zu befragen und diese zu den in größerem Rahmen vertretenen Ideen in Bezug setzen zu können. Einige solcher Versuche, dem schwankenden Schiff der Gegenwart einen Kurs vom Hafen der Vergangenheit zum mal näher, mal ferneren Ufer der Zukunft zu bestimmen, sollen in den vier folgenden Teilen aus christlicher Warte vorgestellt werden.


Der Autor ist Historiker und promoviert in Alter Geschichte.

Die Folgen der Serie werden in unregelmäßiger Reihenfolge erscheinen. 

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