Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Journalismus

Springers Mentor und der Traum vom Philosophenverleger

Hans Zehrer schrieb an vielen Kapiteln der Mediengeschichte mit. Einst reiste er sogar mit Axel Springer nach Moskau, um Chruschtschow von der deutschen Einheit zu überzeugen.
Zehrer
Foto: Imago/Sven Simon | Eine Entscheidung im Geiste Zehrers: Indem Axel Springer seine Verlagszentrale an der Berliner Kochstraße und damit direkt an der Mauer 1966 errichten ließ, wollte er der ganzen Welt zeigen, dass er sich nicht mit ...

An einer Stelle im Dialog „Der Staat“ lässt Platon seinen Lehrer Sokrates darüber räsonnieren, dass die Philosophen Könige sein müssten oder die Könige Philosophen, damit ein Gemeinwesen zu Frieden und Harmonie finden könne. Es ist eine endlose Frage, wie mit dem Problem der Verbindung von Macht und Geist umzugehen ist. Wie ein Leitmotiv scheint sich dieses Problem auch im Leben des Journalisten und Publizisten Hans Zehrer abzuzeichnen, der vor 60 Jahren verstorben ist. Seine Beziehung zum Verleger Axel Springer und sein Wirken in dessen Medienimperium, insbesondere als Chefredakteur der „Welt“, prägten nicht nur die bis heute fortgeführte Blattlinie dieser Zeitungsmarke, sondern auch das intellektuelle Leben der frühen Bundesrepublik.

Lesen Sie auch:

Zehrer, 1899 in Berlin in eine bürgerliche Familie geboren, wechselte nach einem eher feucht-fröhlichen als erfolgreichen Studienversuch 1923 in den Journalismus. Zunächst bei der liberalen „Vossischen Zeitung“ beschäftigt, wurde er in der Endzeit der Weimarer Republik als Chefredakteur der Zeitschrift „Die Tat“ bekannt und berüchtigt. Mit einem Stab talentierter Mitarbeiter und in Anlehnung an den Kurzzeitkanzler Kurt von Schleicher versuchte Zehrer hier die publizistische Verbindung von linken und rechten Ideen in dezidierter Abwehr des Nationalsozialismus auszuloten. Nachdem dieses Unterfangen scheiterte, war er nicht nur für die Nazis, sondern auch für die liberale Öffentlichkeit als journalistischer Giftmischer abgestempelt.

So blieb auch seine Einstellung als Chefredakteur der von der britischen Besatzungsmacht gegründeten „Welt“ in Hamburg ein kurzes Intermezzo. Philosophische Überlegungen, die in zwei weitgehend unbeachtet gebliebenen Büchern Einzug fanden, zeigen Zehrer zwar als scharfsinnigen Beobachter der neuen Lage mit dem Gespür für die nach der totalen materiellen wie moralischen Selbstzerstörung klassenlos und egalitär geprägte Gesellschaft der jungen Bundesrepublik, sie blieben aber ohne wirklichen Nachhall. Prägender war sein Verhältnis zum 14 Jahre jüngeren Axel Springer, den er im bis 1945 gewählten „Exil“ auf Sylt kennengelernt hatte.Für den damals noch jungen Erben des väterlichen kleinen Verlages wurde Zehrer zum Mentor. Mit Springer verband ihn aber insbesondere auch das christliche, tief protestantisch gefärbte Glaubensbekenntnis. Von dem Verleger wurde Zehrer 1953 zum Chefredakteur der „Welt“ ernannt, mit ihm flog er, in einem illusionären Versuch der internationalen Vermittlung zwischen den Blöcken, zum sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow nach Moskau.

Springer wiederum ließ sich von Zehrer die Verlegung des Konzernsitzes in die „Frontstadt“ Berlin schmackhaft machen, wo sein enger Freund im Geiste schließlich auch starb – nur kurz nach seiner Wiedereinsetzung in den Chefredakteursposten und mit Beginn der klaren antikommunistischen und proisraelischen Linie, die das Medienhaus Springer bis heute auszeichnet. Heute sucht man in der „Welt“ tiefere Erinnerungen an ihn jedoch meist vergebens; im Statement des damals noch als Chefredakteur des Blatts – und damit als Nachfolger Zehrers – amtierenden Ulf Poschardt zum 80. Jubiläum der Zeitung wird dieser recht kurz als Typus des konservativen und streitbaren Publizisten erwähnt. In der Tat scheint es, dass die Vielseitigkeit Zehrers – als Blattmacher mit klarer politischer Linie, aber auch bissiger Kolumnist („Hans im Bild“) und verfilmter Romanautor („Percy auf Abwegen“ mit Hans Albers in der Hauptrolle wurde 1941 ein großer UFA-Erfolg) – einem heutigen, von der kurzzeitigen Aufmerksamkeitsspanne digitaler Medien in Beschlag genommenen Publikum schwer vermittelbar ist.

Was also waren die Leistungen Zehrers, die für die „Welt“ und das intellektuelle Leben der frühen Bundesrepublik auch heute noch von Bedeutung sind? Vor allem wohl das unbedingte Einstehen für die Grundüberzeugungen, die ihn mit Springer verbanden: ein einiges Deutschland, das naturrechtliche Fundament in jüdisch-christlicher Tradition, eine strikte Abgrenzung gegenüber utopistischen und ideologischen Versuchungen – doch ohne dabei als „Retrogarde abgestandener Nostalgien“ zu wirken, wie Poschardt treffend würdigt. Auch ein Wille zur anregenden Provokation war Zehrer zu eigen – ein „Bückbürger“, also jemand, der seine Überzeugungen dem Zeitgeist unterwirft, wie Poschardt diesen Typus in seinen aktuellen Veröffentlichungen skizziert, war der bekennende Berliner Zehrer sicherlich nicht.

Lesen Sie auch:

Seinen Nachfolgern ist insbesondere Zehrers Interesse an einer Diskussion auf hohem geistigen Niveau anzuempfehlen, die dabei auch die Seidenhandschuhe ideologischer Berührungsängste abstreift. Politische Positionierungen, in Zehrers Fall die Ansicht, dass die Bundesrepublik von produktiver „Libertät“ in eine selbstvergessene „Libertinage“ zu gleiten drohe (wie es die „Bibliothek des Konservatismus“ in einer Würdigung vermerkt), können dabei nicht zum provozierenden Selbstzweck verkümmern. Die Analyse gesellschaftlich relevanter Themen muss von Medien mit hohem Anspruch an die eigene Gewissenhaftigkeit, aber mindestens ebenso an eine ansprechende Vermittlung an ein breites und diverses Publikum betrieben werden –hier lässt sich auch heute von Hans Zehrer lernen.


Der Autor promoviert in Alter Geschichte und nimmt am Programm für junge Autoren der Tagespost teil. 

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Sebastian Zellner Axel Caesar Springer Nationalsozialisten Platon Sokrates Ulf Poschardt

Weitere Artikel

Eine Tageszeitung wird 80. „Die Welt“ ist aber auch das publizistische Flaggschiff von Springer. Und dort denkt man verlegerisch schon lange über Deutschland hinaus.
09.04.2026, 11 Uhr
Sebastian Sasse
Schreibt Kim Jong-un seinem Schweizer Sportlehrer eine Einladung... Journalist Tom Kummer ist - als Diktatorenbiograph - ins Licht der Öffentlichkeit zurückgekehrt.
01.08.2026, 17 Uhr
Alexander von Schönburg
Die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. hat für viel Aufsehen und große Begeisterung gesorgt. Eine Analyse mit Abstand.
06.08.2026, 21 Uhr
Sascha Vetterle

Kirche

Zum Konkordats-Jubiläum ein Lob der freiheitlichen Gesellschaftsordnung: Hubertus van Megen tritt in Dresden erstmals als apostolischer Nuntius auf. Prälat Jüsten warnt vor der AfD.
01.09.2026, 10 Uhr
Karin Wollschläger Redaktion