Einer der originellsten franziskanischen Köpfe des 13. Jahrhunderts war Petrus Iohannis Olivi (1248–1298), einer der bedeutendsten Vertreter der Spiritualen, die sich für eine rigorosere Interpretation der Regula des Franz von Assisi einsetzten. Seine Ideen bilden ein faszinierendes, bis heute nicht ganz entschlüsseltes Kapitel mittelalterlicher Geistesgeschichte. Weil Olivi das franziskanische Armutsgelübde radikal auslegte und eine apokalyptische Geschichtstheorie vertrat, war er zeitlebens ebenso einflussreich wie umstritten. Man verdächtigte ihn der Häresie, man klagte ihn als Sektierer an. Seine Schriften wurden verboten und verbrannt; 1326, Jahrzehnte nach seinem Tod, wurde sein monumentales Werk „Lectura super Apocalypsim“ offiziell verurteilt.
In den Jahrzehnten nach seinem Tod waren die Vorurteile gegen den angeblichen Ketzer so stark, dass viele Theologen, die sich in ihren Schriften auf ihn bezogen, seinen Namen gar nicht erwähnten. Olivi war nicht nur Zeitzeuge, sondern bei vielen Ereignissen und in vielen Diskussionen auch aktiv, und als Protagonist wurde er dann auch selbst Opfer. Sein Denken war für viele Bezugspunkt, aber auch Zeichen des Widerspruchs. Die Faszination, die von ihm als Intellektuellem und Franziskaner ausging, wurde kritisiert, führte aber schließlich zur Erneuerung seines Ordens und der Kirche.
Olivis bahnbrechende, ökonomische Gedanken
Aus der Anzahl Olivischer Werke ragt eines als außergewöhnlich und besonders komplex hervor: der „Tractatus de contractibus“. Diese Abhandlung über Verträge verdient nach Ansicht der Moraltheologen, der Wirtschaftsethiker und der Vertreter der Jurisprudenz höchste Aufmerksamkeit. Kurioserweise wurden Olivis bahnbrechende, ökonomische Gedanken lange Zeit zwei Autoren des 15. Jahrhunderts zugeschrieben, nämlich Bernhardin von Siena und Antoninus von Florenz. Der Grund dafür ist einfach: Da Olivis Name als ketzerisch gebrandmarkt war, schrieben diese beiden Denker ganze Passagen seiner Abhandlung wortwörtlich ab, verschwiegen jedoch den Namen des wirklichen Urhebers.
„Olivis Tractatus de contractibus“ ist ein lebendiges Zeugnis dafür, wie rasant sich die wirtschaftliche Debatte im Spätmittelalter entwickelte. Olivi formulierte grundlegende ökonomische Ideen: eine subjektive Werttheorie, die Verteidigung der Produktivität des Geldes sowie die scharfe Trennung zwischen sündhaftem Wucher (usura) und legitimem Zins als Entschädigung (interesse). Ein Thema, das den Scholastikern besonders am Herzen lag, war die Frage nach dem „gerechten Preis“. Die meisten Gelehrten jener Zeit waren sich einig, dass dieser durch den aktuellen Marktpreis festgelegt wurde.
Fairness und Gerechtigkeit einer Preisvereinbarung
Den Franziskanern jedoch ging es dabei weniger um eine rein technische Analyse von Angebot und Nachfrage, sondern um die ethische Seite dieser Frage, um die Fairness und Gerechtigkeit des Tausches. Olivi filterte hierfür drei Faktoren heraus, die den Wert einer Ware bestimmen: die Nutzbarkeit des Gegenstands (virtuositas), seine Seltenheit und der Aufwand seiner Beschaffung (raritas) und das persönliche Gefallen des Käufers (complacibilitas). Gerade mit diesem letzten Faktor brachte Olivi das Konzept des individuellen Nutzens ins Spiel, ohne jedoch einem ungezügelten Markt das Wort zu reden.
Für ihn war ein Vertrag nur dann rechtmäßig, wenn die beteiligten Parteien ihm in absoluter Willensfreiheit zustimmten – dieser bewusste Konsens bildete das Fundament jeglicher Preisvereinbarung. Gleichzeitig setzte Olivi individueller Profitgier und rein subjektiver Willkür mit dem kollektiven Maßstab der Gemeinschaft eine klare Grenze. Eine gerechte Preisfestlegung musste sich stets an dieser allgemeinen Wertschätzung orientieren. Nur so ließ sich verhindern, dass egoistisches Verhalten das Gemeinwohl und die soziale Gerechtigkeit beschädigte. Wirtschaftliches Handeln war für den Franziskaner Olivi eben kein moralfreier Raum, sondern immer dem Wohl aller verpflichtet.
Revolutionäre Idee der Produktivität des Geldes
Eine weitere Meisterleistung Olivis war die systematische Einführung des Begriffs capitale in die Debatte über den Geldverleih. Die revolutionäre Idee der Produktivität des Geldes geht damit auf ihn zurück. Während Olivi den klassischen Wucher strikt ablehnte, unterschied er scharf zwischen totem, unfruchtbarem Geld (simplex pecunia) und fruchtbarem, gewinnbringendem Kapital. Olivi zufolge wird Geld genau dann zum Kapital, wenn es gezielt für den Handel reserviert wird und die Aussicht auf Gewinn bereits in sich trägt – es besitzt quasi ein „inhärentes Samenkorn des Gewinns“ (ratio seminalis lucri).
Mit diesem Argument widerlegte Olivi die damals vorherrschende aristotelische Lehre, dass Geld von Natur aus steril und ein reines Tauschmittel sei. Nach traditioneller Kirchenlehre galt Zinsnehmen als Sünde: Wer Geld verlieh, durfte nur dieselbe Summe zurückfordern; jede zusätzliche Gebühr für die reine Nutzung galt als zutiefst ungerecht. Für Olivi hingegen war Kapital moralisch legitimiertes Geld, das aktiv Werte schuf. Weil der Verleiher dem Kreditnehmer dieses produktive Werkzeug überließ, durfte er für dessen Nutzung eine Entschädigung verlangen: das sogenannte interesse.
Olivi rechtfertigte dieses Entgelt sowohl moralisch als auch ökonomisch und grenzte es scharf vom sündhaften Wucher (usura) ab. Das interesse war für ihn ein fairer Ausgleich für den entgangenen Gewinn, den der Besitzer bei Eigennutzung hätte erzielen können. Weil das verliehene Geld die Eigenschaft besaß, sich zu vermehren, war sein Preis logischerweise höher als der vom einfachen, ruhenden Geld. Dieses Kapital war also mit einem echten Mehrwert ausgestattet, den der Kreditnehmer völlig legal zurückzahlen musste. Aufgrund dieser Argumentation unterschied Olivi das legitime, produktive Darlehen, das noch dazu an ein echtes wirtschaftliches Risiko geknüpft war, vom zerstörerischen Wucher. Dieses bahnbrechende Kapitalverständnis wurzelte in einem völlig neuen Begriff von Zeit.
Unterscheidung von universeller Zeit und der „Eigenzeit“ der Wirtschaft
Nach traditioneller Lehre galt Zinsnehmen als Diebstahl an Gott; schließlich ließ sich der Geldverleiher die Zeit bezahlen, und die Zeit gehörte allein Gott. Olivi brach mit diesem Denken radikal, indem er zwischen der universellen Zeit und der „Eigenzeit“ der Wirtschaft und der weltlichen Dinge unterschied. Sein Argument war, dass mit dem Darlehen auch das Eigentum am Geld auf den Schuldner übergeht, sodass ab diesem Moment die Zeit ausschließlich für ihn arbeitet. Wenn dagegen ein Wucherer Zinsen verlangt, ist das nicht deshalb verwerflich, weil Zeit unverkäuflich wäre, sondern weil der Wucherer dreist einen Preis für die Zeit und die Arbeit eines anderen Menschen einfordert.
Die Aufarbeitung von Olivis Wirkungsgeschichte steht in der internationalen Forschung erst am Anfang. Trotz der Verbote seiner Schriften und der Ächtung seines Namens wirkten seine Ideen weiter und beeinflussten Denker bis in die Reformationszeit und die Neuzeit. Der „Tractatus de contractibus“ zeigt eindrucksvoll, dass franziskanische Texte keine weltfremde Theorie waren, sondern Zeugnisse der wirtschaftlichen und politischen Realität in früheren Jahrhunderten. Man muss Olivi nicht zum Erfinder marktwirtschaftlicher Gesetze oder gar des Kapitalismus stilisieren; viel faszinierender ist, dass er ein ökonomisches Vokabular schuf, das Jahrhunderte überdauerte und die moderne Wirtschaftswissenschaft überhaupt erst möglich machte.
Effizienz, soziale Gerechtigkeit und Gemeinwohl sind keine Widersprüche
Genau hier liegt die überraschende Aktualität der franziskanischen Wirtschaftsethik: Sie liefert das Modell für eine Ökonomie, die moralische und normative Fragen nicht künstlich ausblendet. Der franziskanische Ansatz weist einen Ausweg aus der theoretischen Sackgasse moderner Management-Theorien, die Wirtschaftsanalyse und Ethik strikt voneinander trennen. Seit über fünfzig Jahren dominiert das Credo von Milton Friedman, „The Business of Business is Business“, wonach Unternehmen einzig und allein der Gewinnmaximierung verpflichtet sind.
Dem setzt die franziskanische Denktradition ein alternatives Paradigma entgegen: Sie beweist, dass wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit und das Gemeinwohl keine Widersprüche sein müssen. Diese historische Denktradition korrigiert den reinen Utilitarismus unserer Tage. Sie hebelt die Logik der bloßen Profitmaximierung aus, die nicht nur moralische Fragen ignoriert, sondern auch die politisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen und die ethischen Reserven aufs Spiel setzt, die eine funktionierende Marktwirtschaft überhaupt erst tragen.
Geld ist nicht bloß das Akkumulieren von Reichtum
Wenn Kapital im franziskanischen Sinne wieder als Geld verstanden wird, das investiert wird, um echten menschlichen Bedürfnissen zu dienen – und nicht bloß, um Reichtum zu akkumulieren, dann lässt sich der heutige, oft ideologisch erstarrte Kapitalismus neu denken, der völlige Wirtschaftsfreiheit und begrenzte staatliche Regulierungen voraussetzt.
Wegweisend kann hierbei auch der scholastische Blick auf die Motivation des Handelns sein. Während die moderne Ökonomie das Motiv der Akteure komplett vom bloßen Ergebnis der Prozesse trennt und nur noch auf den Profit, die Rendite, den Shareholder Value, starrt, fordert die franziskanische Tradition zu einer weiterführenden Synthese auf: Das persönliche Ziel und das Streben nach einer Verbesserung des Gemeinwohls werden zu einer untrennbaren Einheit. Ein solcher Ansatz eröffnet die Chance, die aktuelle ökonomische Theorie von Grund auf zu erneuern.
Der Autor ist Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
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