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Historische Mythen, ideologische Konstrukte

Die Ukraine als Teil der „Heiligen Rus“? Mit einer geschichtlichen Tiefenbohrung widerlegt der ukrainische Kirchenhistoriker Andriy Mykhaleyko Wladimir Putins nützliche Narrative.
Russia Putin Patriarch
Foto: IMAGO/Alexander Kazakov (www.imago-images.de) | Bilden eine politisch-religiöse Einheit gegen die Ukraine: Wladimir Putin und Patriarch Kyrill I.

Mit einer für westliche Beobachter weithin fremden Akrobatik vermengt der russische Präsident Wladimir Putin historische und aktuelle, kirchliche und politische Aspekte, wenn er seinen Krieg gegen die Ukrainer ideologisch zu rechtfertigen sucht. Der ukrainische Kirchenhistoriker und griechisch-katholische Priester Andriy Mykhaleyko bringt Licht ins Dunkel solcher Argumentationen, indem er den kirchengeschichtlichen Hintergrund ausleuchtet und dessen politisch-ideologische Instrumentalisierung aufklärt. Im Zentrum seiner Untersuchung steht die Frage, wer nun die wahren Erben der Taufe der Kiewer Rus im Jahr 988 sind, auf die sich Putin und sein Patriarch Kyrill I. immer wieder berufen.

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Weit über die historisch, insbesondere kirchengeschichtlich Interessierten hinaus ist Mykhaleykos Studie von Gewicht, weil Putin seine Geschichtsdeutung verwendet, um die Ukrainer als Nation zu delegitimieren: „Putin und die Mehrheit der Russen sehen die Menschen in der Ukraine nicht als ‚Ukrainer‘ und als gleichberechtigte Subjekte der Geschichte mit dem Recht, ihre eigene Identität wie sie selbst und einen von Moskau unabhängigen Staat zu haben“, so der der neue Rektor des „Collegium Orientale“. Für Putin sei die Ukraine „ein historisches Missverständnis und die Ukrainer keine selbstständige Nation“, sondern „eine ethnische Teilgruppe des großen russischen Volkes“. Mykhaleykos geschichtliche Tiefenbohrung ist wichtig, weil die historischen Narrative in Russland „als wichtige ideologische Waffe für die Legitimation und Rechtfertigung des russischen Angriffskrieges“ dienen.

Mitten im Krieg vollzog Stalin eine Wende

Das vorliegende Werk ist ein profund recherchierter Beitrag zur ukrainischen wie zur russischen Kirchengeschichte, nicht allein mit Blick auf den Kiewer Ursprung beider, sondern quer durch die Jahrhunderte. Kenntnisreich erweist sich der Autor nicht nur hinsichtlich der mit Rom unierten Katholiken des byzantinischen Ritus in der Ukraine, denen er selbst als Priester angehört. Der Leser erfährt hier etwa, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche im Jahr 1914 noch 51 000 Priester zählte, 1939 – nach 22 Jahren des leninistischen und stalinistischen Terrors – aber nur mehr 500 Priester und vier in Freiheit lebende Bischöfe. Mitten im Zweiten Weltkrieg vollzog Stalin eine Wende in der Kirchenpolitik: Statt die russische Orthodoxie weiterhin zu verfolgen, machte er sie zu einem Instrument seiner Herrschaft und Propaganda. „Der Todfeind der Kirche, der sowjetische Staat, verwandelte sich plötzlich in ihren Gönner“, so der Autor. Aber der Preis dafür war hoch – und ist es bis heute.

Mykhaleyko zeigt, wie auch unter Wladimir Putin religiöse und historische Motive ideologisch gedeutet und instrumentalisiert werden: Die „Heilige Rus“ oder die „russische Welt“ sind Konstrukte, die dazu dienen, eine eigene Identität der Ukrainer zu negieren und einen imperialen russischen Herrschaftsanspruch zu rechtfertigen. Doch das Gegenteil wurde erreicht: Insbesondere seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 habe eine Mehrheit der Ukrainer begonnen, den Westen „als ein idealisiertes, erstrebenswertes Leitbild zu betrachten“. Der Autor spricht in diesem Kontext sogar von einem „geopolitischen Perspektivenwechsel“. Durch seine aggressive und militante Ukraine-Politik habe Putin dazu beigetragen, „dass die Ukrainer sich trotz regionaler Unterschiede immer stärker als Nation begriffen“. Angesichts des Angriffskrieges von 2022 hätten sich alle ukrainischen Kirchen „klar hinter den ukrainischen Staat gestellt“.

Der Kirchenhistoriker betont nicht nur, Russen und Ukrainer seien „zwei eigenständige Nationen, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt und herausgebildet haben“. Sie könnten die zentrale Gestalt der Annahme des Christentums in der Kiewer Rus, den „heiligen Wolodymyr“ oder „heiligen Wladimir“, auch kaum exklusiv für sich in Anspruch nehmen, da dieser „weder Russe noch Ukrainer, sondern Skandinavier“ gewesen sei. Der Autor fordert angesichts der Tatsache, dass der Westen weithin die russischen Geschichtsnarrative übernommen hat, mit Recht eine „Revision der in der Forschung, aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung dominierenden russozentrischen Betrachtung der osteuropäischen Geschichte des Christentums zugunsten einer umfassenderen Betrachtung, die der multinationalen und multikonfessionellen osteuropäischen Landschaft gerecht wird“. Dazu hat er mit dem vorliegenden Werk selbst einen wichtigen Beitrag geleistet.

Andriy Mykhaleyko: Streit um das Kyjiwer Erbe. Religion und Kirchen im russisch-ukrainischen Krieg, Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2025, 253 Seiten, Softcover, EUR 64,–

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