Die prächtige Galleria Vittorio Emanuele in Mailand: Ihre repräsentative Eingangs-Loggia liegt direkt neben dem Dom mit seinem neugotischen Fialenwald. Hier das Gotteshaus, dort der Vanitas-Tempel, wo Rolex auf Prada trifft. Dazwischen vornehme Cafés und Restaurants: So macht Stadtbummel Spaß. Selbst in Internet-Zeiten, da Einkaufszentren und Shopping-Malls ihren Zenit überschritten haben, erlebt dieses Treibhaus des Konsums weiter Hochkonjunktur. Der Ausgang führt auf einen belebten Platz: Zwischen ratternden Straßenbahnen, knatternden Vespas und schnatternden Passanten steht auf seinem Sockel Leonardo da Vinci und richtet den festen Blick auf ein schlichtes Gebäude gegenüber: die Scala di Milano.
Das weltbekannte Opernhaus gibt sich äußerlich bescheiden. In klassizistischer Ordnung verweist es auf Wesentliches, das nach außen unsichtbar bleibt, jedenfalls beinahe. In Vitrinen hängen die ockerfarbenen Theateranschläge mit der roten Kontrastfarbe im Mailänder Kreuzwappen: Das traditionell-diskrete Layout wirkt besonders edel und verheißungsvoll. Heute Abend „Giselle“: das große romantische Handlungsballett mit der Musik von Adolphe Adam, das seit dem 19. Jahrhundert das Tanzpublikum verzückt. Für alle, die keine der so begehrten wie teuren Tickets ergattern können, bleibt eine besondere Ausstellung, die noch bis März läuft.

Das Museum der Scala stellt Luchino Visconti vor, den künstlerischen Spross der Mailänder Adelsfamilie mit berühmter Schlossburg und eigener Scala-Loge. Der Regisseur inszenierte am Haus acht Produktionen und befruchtete in den 1950er-Jahren die Opernregie. Musikalische Werktreue im Zusammenspiel mit wirkungsvollen Bilderfindungen und genauer Personenführung. Hier blieb der Filmmensch seinem Perfektionismus treu, den er so glanzvoll am Set von Cinecittà zelebrierte. Mit Maria Callas schuf Visconti auf der Scala-Bühne legendäre Abende, etwa eine „Traviata“ im Jahr 1955. Und sein Ballett „Mario e il mago“ (nach Thomas Manns „Mario und der Zauberer“) zeigte 1956, 15 Jahre vor dem Film „Tod in Venedig“, dass sein Einfluss auch den Tanz erreichte.
Eine eigene Talentschmiede
Überhaupt lohnt die reiche Geschichte der Scala gerade beim Thema „Tanz“ eine nähere Beschäftigung. Die alles überstrahlende Kunstform „Oper“ hat wohl dazu geführt, dass das hervorragende Ballett der Scala zu Unrecht nicht in einem Atemzug mit Paris, Moskau oder New York genannt wird. Dabei reicht die Ausstrahlung der Truppe weit über Italien hinaus. Eine eigene Schule als Talentschmiede mit Namen von Rang spricht für sich. Nicht nur der klassische „Giselle“-Abend aus dem 50er-Jahre-Hausschatz, als Wiederaufnahme bearbeitet von Yvette Chauviré, zeigt: Die Tanzkompanie und der technische Betrieb ist mehr als solide aufgestellt, insbesondere beim klassischen Repertoire.
Wohl auch deshalb wurde die zeitgenössische Choreografie in der Vergangenheit als weniger prägend wahrgenommen, anders als beim Hamburg Ballett, in Stuttgart oder beim Nederlands Dans Theater. Ein Versäumnis der Ballettkritik? Vielleicht. Jetzt hat wieder Frédéric Olivieri, hierzulande bestens bekannt aus Hamburger Zeiten als Erster Solist bei John Neumeier, die Kompanie seit dem 1. März 2025 in dritter Amtszeit wieder übernommen.

Olivieri öffnete schon vor Jahren die Scala-eigene Ausbildungsakademie gezielt für die Gegenwart. Seine Schüler besuchten Meisterklassen bei international renommierten Tänzern und Choreografen. Und Olivieri erweiterte das Unterrichtsrepertoire um Werke prägender Zeitgenossen wie Ek, Forsythe oder Kylián, um nur die in Deutschland bekanntesten Größen zu nennen. Daneben vergab er zahlreiche Auftragswerke und choreografierte selbst neue Fassungen von „Nussknacker“, „Cinderella“ und „La fille mal gardée“. Olivieri erhielt neben anderen internationalen Auszeichnungen schon 1986 den Léonide-Massine-Preis, benannt nach dem großen, im westfälischen Borken begrabenen Tänzer, der mit Picasso befreundet war und durch „Die roten Schuhe“ Eingang in die Geschichte des Tanzfilms fand.
Angejahrt und frisch
In welch hervorragender Verfassung sich derzeit das Corps de Ballet befindet, stellt Olivieri gerade in der beim Publikum so beliebten „Giselle“ unter Beweis. Dieser romantische Klassiker, an vielen großen Häusern ein Fest technischer und künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten, lädt in der Mailänder Choreografie von Jean Coralli und Jules Perrot dazu ein, mit dem vorhandenen Eigenkapital zu glänzen. In tiefer Bühnenstaffelung mit romantisierender Kulissenmalerei präsentiert sich das gesamte Ensemble bestens aufgelegt.
Die angejahrte Produktion wirkt frisch und unmittelbar im Ausdruck. Die tänzerischen Rollenporträts, insbesondere von Martina Arduino als Giselle und Mattia Semperboni als Albrecht, wurden nicht nur tänzerisch, sondern auch mimisch-gestisch in sorgfältiger Gestaltung dargeboten. Viel Aufmerksamkeit für die Details vervollkommnet das packend erzählte Handlungsballett. Caterina Bianchi als Myrtha, Königin der Wilis, verdient sich besonderes Lob. Ihre Schritte und Figuren transportieren geisterhafte Entrücktheit, tragisch grundiert und huldvoll zugleich. Heinrich Heine, literarischer Vater der Giselle, hätte daran seine Freude gehabt.
250 Jahre Scala-Ballett
Es wirkt wie eine strategisch geplante Entscheidung zur Vermittlung der Kunstform „Ballett“, dass nur wenige Monate nach dieser historischen „Giselle“-Fassung eine erfolgreiche Neudeutung des Stücks folgt. Der Höhepunkt der neuen Saison-Planung ist die „Giselle“ von Akram Khan: 2016 als exklusive Produktion für das English National Ballett entstanden, wird sie nun den Künstlern des Scala-Balletts anvertraut. Khan ist dafür bekannt, dass er in seinen Arbeiten den klassischen, nordindischen Erzähltanz Kathak (schnelle Fußarbeit und ausdrucksstarke Gestik) mit zeitgenössischem Tanz verbindet. Seine in Manchester erstmals aufgeführte „Giselle“ gilt als modernes Meisterwerk des klassischen Balletts.
Bei diesem besonderen Ereignis bleibt es aber nicht: Im Mai und Juni gibt es den Doppelabend Dawson/Morau. Mit „The Four Seasons“ kommt wieder die ganzheitliche Qualität der Ballette David Dawsons zur Geltung. Es ist ein perfektes Werk für die Scala-Kompanie, die hier eine klassische Struktur auf die Gegenwartsbühne transportieren darf. Dawson ist in Deutschland kein Unbekannter: So war er als Hauschoreograf an der Seite von Aaron Watkin, heute Direktor des English National Ballet, maßgeblich am Neuaufbau des Semperoper Balletts in Dresden beteiligt. Ganz anders als Dawson arbeitet Marcos Morau: „Étude“, ursprünglich eine Schöpfung für die Pariser Oper, bezieht das gesamte Theater als Bühnenraum ein, weshalb die Inszenierung eigens für die Scala neu gestaltet wird. Experimenteller Stoff, aus dem die Scala Zukunft schöpft: Ein Drittel ihres Tanz-Publikums ist unter 30 Jahre alt. Gute Voraussetzungen also für ein gelingendes Scala-Jubiläum zum 250. Geburtstag des Hauses und seines Balletts im Jahr 2028.
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