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Nicht nur an Halloween: Das Horrorkino fordert uns heraus

Halloween wurde zum Filmthema – und machte den Grusel-Tag hierzulande populär. Ein Horrorfilm spiegelt gesellschaftliche Verhältnisse und hinterfragt Selbstverständliches.
Wachsabformungen von Krankheitsphänomenen in der Medizin
Foto: Brinkermedia | Im Hamburger Medizinischen Museum des Universitätsklinikums Eppendorf werden diese historischen Moulagen, so nennt man die Wachsabformungen von Krankheitsphänomenen in der Medizin, verwahrt.

Wenn die Tage kürzer werden und die Dunkelheit Einzug hält, wächst auch die Faszination für das Unheimliche: Halloween steht vor der Tür. Die gleichnamigen Kinofilme wurden zum Hit, und auch sonst ist das Kino zum Horrorheim geworden. Das „Fantasy Filmfest“ in Köln lockt alljährlich mit aktuellen Produktionen, die im regulären Kinoprogramm häufig nicht zu sehen sind.

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Ähnliches lässt sich bei den „Fright Nights“ in Linz oder dem „Sitges Film Festival“ in Katalonien beobachten – um nur einige europäische Festivals zu nennen, die sich dem fantastischen Film und seinen Horrorvisionen widmen. Woher aber rührt diese Faszination für das irrational Gruselige in einer Zeit, die sich die vollständige Erklärung der Welt auf die Fahnen geschrieben hat? Viele der ambitionierteren Werke dieses Genres erzählen nicht nur eine Geschichte, zumal im Horrorfilm nicht Worte, sondern Bilder herrschen.

Kontrollverlust und Bürgerkrieg

Dessen subversives Potenzial war schon lange bekannt, als der aus Philadelphia stammende Regisseur George A. Romero 1968 mit „Die Nacht der lebenden Toten“ nicht nur einen Zombiefilm, sondern auch eine Paraphrase auf den verbreiteten Rassismus in Teilen der US-amerikanischen Gesellschaft drehte. Das im Jahr der Ermordung Martin Luther Kings und Robert Kennedys erschienene Werk spielt mit den Themen Kontrollverlust und Bürgerkrieg, aber es zeigt auch deutlich die Kraft einer Bevölkerung, die Trennendes überwindet. Es ist ein Film mit einer politischen Botschaft, für den Untoten als Gegenstand philosophischen Nachdenkens – wie ihn David Chalmers für die Philosophie des Geistes in der jüngeren Vergangenheit nutzbar gemacht hat – zeigt er aber kaum Interesse.

Solche politischen Statements waren dem Horrorgenre wie gesagt nie fremd; so wurde etwa der Vampir im Stummfilm als Sinnbild des noch immer wirkenden Adels verstanden. Der von Max Schreck gespielte Nosferatu aus F. W. Murnaus gleichnamigem Film von 1922 bewohnt ein entlegenes Schloss, gebietet über ihm sozial unterlegene Menschen und bringt bei seiner Ankunft in der Zivilisation das Verderben über die Stadt, die sich mit einem Ausbruch der Pest konfrontiert sieht. Für Siegfried Kracauer, den großen Filmtheoretiker der Weimarer Republik, war die Figur des unheilbringenden Vampirs aus Murnaus Film gar ein Vorbote der mörderischen Diktatoren, die während der Zwanziger- und Dreißigerjahre ihre Gewaltherrschaften begannen. Solche Konnotationen sind zweifelsohne interessant und vielleicht verraten sie dem Zuschauer von heute tatsächlich etwas über die Gesellschaft früherer Zeiten. Auf diesem Wege aber lässt sich die gegenwärtige Faszination für das Genre kaum verstehen, denn gesellschaftskritische Subtexte sind nicht allein in ambitionierten Spannungsfilmen zu finden.

Ordnung wird infrage gestellt

Die politische Lesart erklärt, wofür die Schrecken eines Horrorfilms stehen können. Sie erklärt aber noch nicht vollständig, weshalb uns das Unheimliche auch dort fasziniert, wo es sich nicht auf eine bestimmte historische Situation oder gesellschaftliche Konflikte zurückführen lässt. Vielleicht liegt der Reiz darin, dass Horrorfilme nicht nur Ängste darstellen, sondern die Verlässlichkeit jener Ordnung infrage stellen, mit der wir uns die Welt verständlich machen. Womöglich liegt der Reiz also vielmehr in jenen Werken, die eine Gegenprämisse zu dem szientistischen Weltbild aufbauen, das in der westlichen Gesellschaft vorherrscht. Vor allem während der Siebzigerjahre haben zahlreiche Regisseure den Horrorfilm als Medium für solche Wendungen gegen den materialistischen Zeitgeist aufgegriffen.

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Der für viele Genrefans bedeutendste Streifen dieser Dekade ist William Friedkins „Der Exorzist“ (1973), die Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung, aber eben auch eine von den Grenzen der Wissenschaft: Die Schauspielerin Chris MacNeill (Ellen Burstyn) wendet sich an zahlreiche Spezialisten auf der Suche nach einer medizinischen Erklärung für die drastischen Veränderungen ihrer Tochter Regan (Linda Blair). Die Ärzte müssen das Scheitern ihrer Ansätze einsehen, raten dennoch nur mit Hochmut zu dem vermeintlichen Aberglauben des religiösen Rituals. Es gibt etwas, das sich rationalen Erklärungen entzieht, und bisweilen tritt dies mit aller Macht hervor. „Der Exorzist“, bei seinem Erscheinen der erfolgreichste Kinofilm aller Zeiten, traf die Gesellschaft tief. Seine Wirkung ist auch damit zu erklären, dass er in einer Dekade erschien, die einerseits deutlich von wissenschaftlichem Fortschritt gekennzeichnet ist, dieser aber die Sinnfragen des Menschen nicht beantworten kann. Friedkins Werk ist eine dunkle Erinnerung daran, dass „die Sphären der Vernunft, Ordnung und Gerechtigkeit entsetzlich begrenzt sind“, wie George Steiner über die Tragödie schrieb. Mit dieser Gattung teilt der Horrorfilm einen „unhintergehbaren Rest“, etwas, das sich nicht mit den avancierten wissenschaftlichen Methoden erklären oder gar auflösen lässt.

Ein Jesuit und Psychologe als Suchender

Etwas überrascht stellt man fest, dass „Der Exorzist“ trotz der zahlreichen Berichte über ohnmächtige Kinobesucher kaum auf Schockelemente setzt. Stattdessen ist der Film von geradezu meditativen Szenen durchzogen. So trägt der von Chris kontaktierte Pater Damien Karras einen ganz eigenen Konflikt in sich aus, der das zentrale Mutter-Tochter-Verhältnis spiegelt: Er muss entscheiden, was mit seiner an Demenz erkrankten Mutter geschehen soll. Diese Frage rührt an seinen Glauben und die Konfrontation mit der besessenen Regan trifft ihn auch deshalb besonders tief: Als Jesuit und Psychologe sucht er zunächst nach einer natürlichen Erklärung. Als sämtliche Ansätze scheitern, findet er sich zunehmend in einer existenziellen Krise wieder, denn zwar scheitern die materialistischen Erklärungsversuche; dies jedoch um den Preis der Erkenntnis der Realität des Bösen. Andererseits darf der Zuschauer somit auch auf das Gute hoffen; Karras, der für Regan seinen eigenen Tod in Kauf nimmt, gibt einen Hinweis darauf, dass man dem Bösen nicht ohnmächtig entgegenstehen muss. Wesentlich für den Horrorfilm der Siebziger ist jedoch, dass er keine endgültige Antwort gibt, dass er das Publikum verunsichert zurücklässt.

Die blinden Flecken eines verwissenschaftlichten Weltbildes lotete auch der Italiener Dario Argento aus, der mit „Suspiria“ (1977) einen visuell beeindruckenden und die Sehgewohnheiten herausfordernden Albtraum schuf. Der Film handelt von einer jungen Balletttänzerin, die nach Freiburg kommt und sich in einer von einer uralten Hexe geführten Tanzakademie wiederfindet. Die Handlung ist so schematisch, wie sie sich in dieser knappen Inhaltsangabe wohl anhört, aber das ist eigentlich nebensächlich, weil es Argento nicht um die Erzählung geht. Wie kaum ein anderer Filmemacher hat er sich dem Prinzip des „show, don’t tell“ verschrieben und überführt dieses in einen Klang-, Licht- und Farbenrausch. Kritiker haben ihm bei mehr als einer Gelegenheit mangelnde Substanz vorgeworfen, dabei aber häufig übersehen, dass gerade das Element der Stilisierung einen wesentlichen Zugang zu grundsätzlicheren Überlegungen bietet.

Bedrohung und Fremdheit

In einem naturalistisch inszenierten Film orientiert sich die Farbgestaltung gewöhnlich zumindest teilweise an der sichtbaren Wirklichkeit. Lichtquellen haben nachvollziehbare Ursachen, Farben strukturieren den Raum und unterstützen die Orientierung des Zuschauers. Argento löst diese Verbindung weitgehend auf. Ein intensives Rot, unnatürliches Blau und grelles Grün gehorchen einer eigenen ästhetischen Logik: Sie bilden nicht bloß ab, wie die Welt aussieht, sondern bestimmen, wie sie sich anfühlt. Die Farben bringen eine eigene Wirklichkeit hervor, die sich nicht allein auf ihre physikalischen Eigenschaften reduzieren lässt.

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Farbe entsteht durch Licht, das auf eine Leinwand fällt, aber eine solche Beschreibung wird ihrer filmischen Wirkung nicht gerecht: Sie erzeugt Bedrohung, Fremdheit und eine Atmosphäre, in der die Grenze zwischen äußerer Welt und innerer Angst unscharf wird. Aber nicht nur auf der Ebene der Farbgebung und Ausleuchtung führt Argento die Wahrnehmung der Zuschauer in Grenzbereiche: Der Raum selbst wird unheimlich, denn die völlig überladenen Säle und Flure der Tanzakademie scheinen einer ganz eigenen Ordnung zu gehorchen. Das Unheimliche ist in „Suspiria“ also nicht nur Gegenstand der Handlung, sondern prägendes Element der Wahrnehmung der Welt; von dort aus ist es bis zum Einbruch des Übernatürlichen nur noch ein kleiner Weg. Die eigentliche Herausforderung naturalistischer Erklärungsmodelle liegt aber weniger darin, dass der Film übernatürliche Kräfte zeigt, als darin, dass er erleben lässt, wie wenig selbstverständlich die vertraute Wirklichkeit ist. Das Übernatürliche ist die erzählerische Antwort des Films und innerhalb des Genres konsequent; die ästhetische Verunsicherung reicht aber über die Leinwand hinaus.

Selbstgewissheit ist keine Tugend

Friedkin und Argento sind nur zwei Regisseure, die sich mit ihren Filmen gegen eine allzu umstandslose Reduktion des Phänomenalen gewandt haben. Ihre Kritik gilt nicht der Wissenschaft, sondern einem Weltbild, welches Selbstgewissheit zu einer Tugend gemacht hat, ohne diese schlussendlich rechtfertigen zu können. Der Horrorfilm der Siebzigerjahre hält zahlreiche weitere Werke bereit, die abseits ihrer Unterhaltung auch zu einem kritischen Nachdenken über die großen Fragen herausfordern. Ihre Botschaft ist weiterhin gültig. Glücklicherweise dauert der Herbst noch etwas an.

Der Autor ist promovierter Musikwissenschaftler und arbeitet als Dramaturg.


Mit John Carpenters „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978) begann die Legende vom maskierten Mörder Michael Myers, der in Haddonfield Jagd auf Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) macht. Inzwischen sind es sage und schreibe 13 Filme in vier Zeitlinien geworden. „Halloween III“ (1982) verzichtet auf den Mörder Myers, Rob Zombie erzählte 2007 und 2009 alles neu, und die Trilogie von 2018 bis „Halloween Ends“ (2022) knüpft dann wieder an den Urfilm an. Wer alle sehen will, braucht knapp 21 Stunden. Nur der Titel erinnert an „All Hallows’ Eve“: Mit dem Allerheiligenfest haben alle Filme trotz der etymologischen Spekulation nichts zu tun. Christliche Symbole spielen in den Halloween-Filmen keine Rolle. Filme der Reihe schöpfen aus einer keltisch-okkulten Samhain-Legende. Der Streaming-Anbieter Prime Video hat auch in diesem Jahr eine Halloween-Kollektion aufgelegt: klassische Psychothriller, Zombieapokalypsen und gruselige Komödien als Reverenz an die, so wörtlich, „schaurigste Zeit des Jahres“. hcb

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