Zu den leidigen Strapazen des Lebens gehören Umzüge. Sicher, manche davon sind erfreulicher Art, weil sie in eine bessere Wohnlage führen, zu einem schöneren Heim oder manchmal einfach nur – weg. Ob gewünscht oder erzwungen, der Umzug selbst ist wohl lästig und man ist froh über alles, was ihn erleichtert; und hier kommt Momox ins Spiel. Sollten Sie noch nie davon gehört haben, dann müssen Sie sich Momox wie ein großes Second-Hand-Kaufhaus vorstellen, nur eben ohne Geschäftsräume, dafür mit Online-Plattform. Mit der dazugehörigen App lassen sich Gegenstände scannen und sofort wird der Preis genannt, den Momox zu zahlen bereit ist, und wie ein richtiges Kaufhaus vor dem Zusammenbruch des Konzepts Kaufhaus handelt auch die E-Commerce-Ausgabe mit allen möglichen Waren.
Bücher als Ballast
Da es wesentlich Bücher sind, die meine Umzugskartons zu einer Herausforderung werden lassen, plante ich die Abgabe mancher Ausgaben und sofort fielen mir einige Titel ein, die ich zu veräußern bereit war – manche Lektüre ist zeitgebunden und es fällt nicht allzu schwer, diese weiterzureichen, erst recht nicht, wenn man daran denkt, dass man auch in den neuen vier Wänden Platz wird finden müssen, um sämtlichen Büchern ein Zuhause zu geben. Andere Werke sind hingegen völlig unverkäuflich und gehören mehr oder weniger zur Ausstattung: die großen Schriften Alfred North Whiteheads, Spaemann, Agamben, auch Dieter Henrich. Es ist eher Belletristik, die den Weg in den Karton finden wird. Ich fange also an, die ISBN-Nummern einiger Romane zu scannen und erschaudere, als ich meine Ausgaben der Spukgeschichten von H. P. Lovecraft zur Hand nehme: Die ersten drei Bände fallen allesamt durch. Was ist los? Die Paperback-Ausgaben sind doch vollkommen in Ordnung! Die App klärt auf: Wenn Momox einmal etwas nicht annimmt, dann deshalb, weil aktuell keine Nachfrage besteht.
Privatdetektiv Marlowe als Held
Apropos Groschenheft: Zu den großen Helden meines Bücherschranks zählt Raymond Chandler, Erfinder von Privatdetektiv Philip Marlowe. Seit einigen Jahren erscheinen im Diogenes Verlag Neuausgaben seiner Romane, die meine in den mittleren Nullerjahren erstandenen Paperbacks zumindest in der Aufmachung recht mau aussehen lassen. Die grobkörnigen Filmstills auf den Covern sind Kunstfotografien gewichen und jede (neu übersetzte!) Ausgabe ist mit dem Nachwort eines bekannten Autors versehen, der darin seine Verehrung für Chandler offenbart. Früher war bekanntermaßen nicht alles besser, aber die Buchpreise wohl schon: Für die Philip-Marlowe-Romane muss man inzwischen deutlich mehr als zwanzig Euro bezahlen. Ich bin neugierig, wie sich das auf den Wiederverkaufswert auswirkt und stelle ernüchtert fest, dass dieser nicht einmal ein Zehntel des Einkaufspreises ausmacht. Glücklicherweise hatte ich sowieso nicht geplant, Marlowe rauszuwerfen. Er hat es im düsteren Los Angeles der Vierzigerjahre ohnehin schwer genug – und ich kenne kaum einen besseren Großstadtroman als „Der lange Abschied“.
Noch etwas: Momox nennt einen Preis, ohne den Zustand des Buchs zu kennen. Für den Verkäufer bedeutet das, dass er unter Umständen leer ausgeht. Wie oft das passiert, lässt sich kaum sagen; in meinen letztlich drei Sendungen war nicht ein Buch, das nicht angenommen worden wäre.
Was aber habe ich abgegeben? Vor allem jene Art Sachbuch, die vermutlich allzu bald sowieso kein Interesse mehr findet, weil sie sich auf derzeitige Akteure des Politbetriebs bezieht. „Letzte Chance: Der neue Kanzler und der Kampf um die Demokratie“ ist so ein Titel, manches zur Wirtschafts- und Finanzwelt fällt auch darunter. Ansonsten viele Romane oder Geschichtensammlungen, auch klassische Ferienlektüre; dann ein paar jener in Mode gekommenen geschichts- oder kulturwissenschaftlichen Titel zu Einzeljahren: „Deutschland 1923: Das Jahr am Abgrund“, „1922: Wunderjahr der Worte“ und Ähnliches. Momox gefällts.
DVDs und Blu-rays
Momox kauft aber nicht nur Bücher, sondern auch DVDs und Blu-rays – und da meine Sammlung hier auch eine gewisse Verschlankung ertragen könnte, sehe ich einmal nach, was ich verkaufen möchte. Bedauerlicherweise ist dieses Geschäft noch weniger einträglich als jenes mit Literatur, aber auch hier zeigen sich Unterschiede: Für einige alte oder ältere Filme springen doch ansehnliche Preise heraus. Schwierig ist es hingegen mit gängigen Hollywood-Produktionen aus letzter Zeit; mehrmals werden nur fünfzehn Cent geboten. Die 2018 entstandene, filmisch enttäuschende Fortsetzung von John Carpenters Gruselklassiker „Halloween“ wandert in das Momox-Paket und das Unternehmen verkauft sie dann – Stand 22. Juli – für etwas mehr als den zwanzigfachen Ankaufspreis weiter.
So betrüblich der Verkauf ausfällt, so hilfreich ist er in anderer Hinsicht. Zwar machen sich die verkauften Bücher beim Umzug kaum bemerkbar; aber durch die Auswahl und Abgabe einiger Titel finde ich auch wieder heraus, welche (belletristischen) Werke mir besonders nahe sind. Sämtliche Diogenes-Krimis in der schwarz-gelben Edition sind mit mir umgezogen: die Romane des hierzulande noch viel zu unbekannten Autors Jim Thompson, die Detektivgeschichten von Dashiell Hammett, Chandler und Ross Macdonald, die Thriller von Margaret Millar und natürlich das Werk von Georges Simenon.
Am Ende habe ich fünfzig Artikel – meist Bücher – verkauft. Es wird nicht lang dauern, bis sich die Lücken in den Regalen wieder von Neuem geschlossen haben.
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