Pfarrer Stühler, zum Juliusspital gehören nicht nur ein Seniorenstift, eine Palliativakademie, ein Krankenhaus und eine Pflegeschule, sondern auch eines der größten Weingüter Deutschlands. Wie kam es dazu?
Vor 450 Jahren gründete Fürstbischof Julius Echter ein Spital für Arme, Alte und Kranke – Menschen, die sich nicht selbst helfen konnten. Um diesen sozialen Auftrag dauerhaft zu finanzieren, stattete er die Stiftung mit wirtschaftlichen Grundlagen aus. Dazu gehörten auch Weinberge, darunter Besitzungen aufgelöster Klöster. So trägt der Weinbau seit 450 Jahren dazu bei, den Stiftungsauftrag zu erfüllen.
Was ist das Schöne am Wein?
„Wein erfreut des Menschen Herz“, das ist schon im Psalm niedergeschrieben. Das finde ich ganz toll. Und im Buch Jesus Sirach heißt es etwa: „Was wäre das für ein Leben, wenn es keinen Wein geben würde? Das wäre nur mühsam und traurig.“ Wenn ein Gast da ist, dann trinken wir zusammen Wein. Das vermittelt Festlichkeit und Freude. Wein steht für Gemeinschaft, Genuss und Lebensfreude.
Kriegen Sie es stark zu spüren, dass die junge Generation weniger Wein trinkt?
Ja, das merken wir. Aber die Stiftung steht wirtschaftlich auf mehreren Säulen: Neben dem Weingut gehören dazu landwirtschaftliche Äcker, Wälder und Immobilien. 2011 kam außerdem dank einer Zustiftung die Treppenbaufirma Wellhöfer dazu. Deren Erträge haben beispielsweise den Bau unseres Hospizes und die Sanierung der Kirche Mariä Schutz auf der Vogelsburg an der Mainschleife ermöglicht. Zurück zum Wein: Wir produzieren ja auch alkoholfreie Varianten, die gerade bei jüngeren Menschen gut ankommen. Außerdem ist Wein ein Kulturgut. Wenn der Weinbau zurückgeht und Weinberge verlassen werden, dann geht eine Kulturlandschaft zunichte. Das würden wir gerne erhalten.

Abgesehen vom Wein: Was ist besonders am Juliusspital?
Wer hier arbeitet, weiß, für wen: Für Menschen, die sich selbst nicht helfen können. Helfen und heilen, die Fürsorge für den Menschen, das Wissen darum, das Gute zu tun, stehen bei uns im Mittelpunkt. Man könnte die Geschichte von drei Steinmetzen beim Bau der Kathedrale von Chartres erzählen. Sie werden gefragt, was sie da eigentlich machen. Der erste antwortet: Ich setze die Steine ordentlich aufeinander. Der zweite: Ich baue hier, weil ich Geld brauche, um meine Familie zu ernähren. Und der dritte: Ich baue eine Kathedrale, damit ich die Menschen zu Gott führen kann. Diese dritte Antwort kommt dem Geist unserer Stiftung am nächsten.
Diesen Stiftungsgeist begründete Fürstbischof Julius Echter. Wie kam es dazu?
Viele Menschen in Würzburg und Franken waren durch den Bauernkrieg und den Grumbachschen Händel in Not geraten. Die politische und kirchliche Situation war durcheinander. Auch viele Klöster waren aufgelöst worden und die Ordensleute heimatlos. Die Region, für die Fürstbischof Echter nun verantwortlich war, befand sich in einem traurigen Zustand. Er wollte Franken neu ordnen und etwas gründen, um den Menschen zu helfen. Schon während seiner Ausbildung und auf Reisen durch Europa hatte er dafür Kenntnisse und Anregungen gesammelt. So kannte er etwa das berühmte Krankenhaus „Hôtel Dieu“ im burgundischen Beaune. Auf dieser Grundlage gründete er sein Spital für Arme, Alte und Kranke. Das Juliusspital war ein echtes Phänomen für die 8 .000 Würzburger, die es damals gab.
Fürstbischof Echter motivierte die christliche Nächstenliebe. Inwiefern spürt man das heute noch?
Auf der steinernen Stiftungsurkunde von 1576, die man noch heute im Durchgang vom Innenhof in den Park bestaunen kann, steht: „Dir ist der Arme anvertraut.“ – gemeint ist von Gott und der Dreifaltigkeit. Daneben steht Echters Antwort: „Ich setze meine Hoffnung auf das Gebet der Armen.“ Unser Leitwort in der Seelsorge lautet „Caritas urget – Die Liebe fordert heraus“. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch.
Arbeiten hier nur religiöse Mitarbeiter?
Nein, es ist durchmischt. Hier gibt es auch Mitarbeiter, die von der Kirche distanziert sind oder anderen Religionen entstammen. Religion ist keine Voraussetzung. Was uns als Stiftungsfamilie verbindet, sind gemeinsame Werte und der Auftrag, für andere Menschen da zu sein.
Sind die Patienten und Bewohner katholisch und suchen sich bewusst das Juliusspital aus?
Die Möglichkeit, spirituell begleitet zu werden, ist vielen Menschen wichtig. Unsere Seelsorge ist aber für alle da – unabhängig von Konfession, Religion oder persönlicher Haltung. Es gibt hier täglich einen Gottesdienst. Katholische und evangelische Seelsorger arbeiten eng zusammen. Darüber hinaus können wir muslimische und jüdische Seelsorge vermitteln; auch Ehrenamtliche unterstützen uns. Alle sieben Wochen feiern wir hier einen Abschiedsgottesdienst, in welchem wir rund 70 Verstorbener unserer Palliativstationen gedenken. Das ist für die Angehörigen sehr wichtig. Viele schwerkranke Menschen können heute lange gut zu Hause versorgt werden und verbringen deshalb teilweise nur wenige letzte Lebenstage bei uns.

Und wie ist es, hier als Seelsorger zu arbeiten?
Vielfältig. Ich erlebe Trauriges, aber auch viel Schönes, zum Beispiel Hochzeiten in der Kirche Mariä Schutz auf der Vogelsburg, die zum Juliusspital gehört und für die ich ebenso verantwortlich bin. Neben den Patienten begleite ich auch Pflegekräfte und Ärzte, die Gesprächsbedarf haben. Außerdem komme ich zu vielen Familienfeiern von Mitarbeitern und Patienten. Zudem gehöre ich dem Leitungsgremium der Stiftung an. Das hat Fürstbischof Echter so festgelegt: Der Stiftungsleiter, der sogenannte Oberpflegamtsdirektor, ist ein Jurist, sein Stellvertreter ein Geistlicher und der Dritte im Bunde ein Arzt.
Was sind im Moment die größten Herausforderungen?
Eine große Frage ist der Umgang mit Menschen, die den Wunsch äußern, ihr Leben zu beenden. Eine Patientin sagte mir kürzlich, sie habe immer gut gelebt, darum würde sie jetzt gerne auch gut sterben. Solche Äußerungen klingen zunächst problematisch, man muss sie aber ernst nehmen und zunächst zuhören: Was bewegt diesen Menschen, welche Ängste oder Sorgen stehen dahinter? Mein Grundsatz ist da: In der Spiritualität verwurzelt sein und den Menschen vermitteln, dass sie bis zuletzt wichtig sind. Manche haben Angst, ihren Angehörigen zur Last zu fallen. Ein würdevolles Leben bis zum Schluss steht für uns im Mittelpunkt.
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