Lepanto

Der Sieg über die Osmanen bei Lepanto war Cervantes' größter Tag

Der Dichter des „Don Quijote“ hat die Schlacht von Lepanto gegen die Osmanen vor 450 Jahren schwer verletzt überlebt.
Lepanto
Foto: gemeinfrei | In der Seeschlacht von Lepanto (1571) siegte die Flotte der christlichen Liga gegen die osmanischen Seestreitkräfte.

Miguel de Cervantes erinnerte sich 44 Jahre nach der Schlacht an den 7. Oktober 1571. Damals lag er mit zerschossener linker Hand und Kugeln in der Brust an Bord einer spanischen Galeere. Zwischen zwei Ohnmachten hörte er Siegesfanfaren und wusste, dass ein blutiger Tag Geschichte war. 40 000 Soldaten, Matrosen und Galeerensklaven hatten in wenigen Stunden ihr Leben verloren. Die Soldaten der Heiligen Liga kämpften mit Erbitterung: „Kaum ist einer gefallen, so folgt ihm ein anderer, ohne dem Sterbenden Zeit zum Sterben zu lassen“, erinnerte sich der Dichter des „Don Quijote“. Zwei Tage vor dem Kampf hatte die christliche Flotte erfahren, dass die Besatzung Famagustas, der letzten venezianischen Festung auf Zypern, gegen Zusicherung freien Geleits kapituliert hatte. Doch die Belagerer hatten die Wehrlosen niedergemetzelt, dem christlichen Oberbefehlshaber die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen und mit Heu ausgestopft als Siegeszeichen nach Konstantinopel gesandt.

„Die Türkengefahr schien dauerhaft gebannt
und die Katholiken des Reiches deuteten nun den Tag von Lepanto
als den Beginn ihrer eigenen Befreiung von gefährlicher Bedrohung“

In seiner 1940 erschienenen Dissertation „Don Juan d’Austria und die Schlacht bei Lepanto“ zitierte der junge Schriftsteller und Historiker Felix Hartlaub auch Cervantes. Ihn beschäftigte die Frage, welche Faktoren den Sieg der Christen ermöglicht hatten.

Entscheidend war für Hartlaub der Oberkommandierende Don Juan d’Austria, der Sohn Kaiser Karls V. und einer Regensburger Bürgertochter. Ohne ihn war der Kriegsrat der christlichen Flotte durch die unterschiedlichen Interessen Spaniens und Venedigs gelähmt. Nur die Siegesgewissheit Don Juans vermochte es, die konkurrierenden Verbündeten zur Schlacht zu bewegen. Offensichtlich war Hartlaub von der charismatischen Persönlichkeit Don Juans fasziniert. Wirkte hier der Einfluss des George-Kreises nach? Der Militärhistoriker Walter Elze, ein Adept Stefan Georges, hatte die noch heute lesenswerte Dissertation betreut. Gleichwohl hielt Hartlaub, geprägt von einem bürgerlich-liberalen Elternhaus und seiner Schulzeit auf der Odenwaldschule, Distanz zu den Ideologien der Zeit. Neben dem Führungsverhalten Don Juans untersuchte er die Konstellation der großen Mächte und analysierte ihre strategischen Ambitionen. Hartlaubs außergewöhnliche Begabung blieb nicht unbemerkt: Als promovierter Mannschaftsdienstgrad wurde er in das Führerhauptquartier versetzt. Dort gehörte er drei Jahre lang zum Verfasserkreis des Kriegstagebuchs der Wehrmacht. In den Trümmern Berlins verschwand er im Mai 1945 für immer.

Ein Papst, der die äußeren Gefahren erkannte und dagegen vorging

Neben Don Juan stellte Hartlaub eine zweite gestaltende Kraft: Pius V. Das folgenreiche Wirken des 1566 zum Papst gewählten Dominikaners und Kardinalgroßinquisitors hatte bereits im 19. Jahrhundert Leopold von Ranke zutreffend beschrieben. Demütig und fromm setzte Pius V. die Beschlüsse des Konzils von Trient mit äußerster Strenge um. In unmittelbarer Nähe des Petersplatzes ließ er der Inquisition ein neues Gebäude errichten. Noch heute ist es Sitz der Glaubenskongregation. Dann machte er die Liturgie des Missale Romanum, des römischen Messbuchs, für die Weltkirche verbindlich. Und schließlich richtete er sein Augenmerk auf die äußere Gefahr. Der geistigen Bedrohung der Kirche durch die nordeuropäische Reformation entsprach im Mittelmeer das militärische Ausgreifen des Osmanischen Reiches, das 1570 das von Venedig regierte Zypern angriff. Nur eine Bündelung aller verfügbaren Kräfte konnte die überlegenen Osmanen in die Schranken weisen.

In schwierigen Koalitionsverhandlungen mit Spanien und Venedig erwies sich Pius V. als kluger Vermittler. Er erkannte, dass nur ein von allen Beteiligten akzeptierter Oberbefehlshaber die Heilige Liga zum Sieg führen konnte. Diplomatische Berichte überzeugten ihn von den Führungsqualitäten Don Juans. Schließlich erreichte Pius V. die Berufung des Kaisersohnes zum Admiral der gemeinsamen Flotte, die mit Ausnahme der Schiffe Frankreichs die christlichen Kriegsgaleeren des Mittelmeers zusammenführte. Um die Ausdehnung der osmanischen Seeherrschaft vom östlichen auf das westliche Mittelmeer und die unmittelbare Bedrohung Venedigs in der Adria zu verhindern, schlossen sich den großen Mächten Venedig und Spanien die kleineren Kontingente des Kirchenstaates, Savoyens, der Malteser, der Republik Genua und italienischer Kleinstaaten an. Am 7. Oktober 1571 errangen sie den entscheidenden Sieg.

Die Geburtsstunde des Rosenkranzfestes

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Pius V. starb kurz nach der Schlacht. Don Juan eroberte zwar 1572 noch Tunis, aber die nordafrikanische Festung ging bald wieder verloren. Schließlich löste sich 1573 die Heilige Liga auf. Venedig verzichtete in einem Separatfrieden endgültig auf Zypern und entrichtete den Osmanen eine hohe Kontribution, denn der Handel mit der Levante war für die Lagunenstadt wichtiger als Bündnissolidarität.

Dennoch entfaltete der Tag von Lepanto eine erstaunliche Wirkung. Zahlreiche Augenzeugenberichte und Chroniken beschrieben den gemeinschaftsstiftenden Beginn der Schlacht: Als das von Pius V. gestiftete Banner auf dem Admiralsschiff entfaltet wurde, fielen die Besatzungen auf die Knie, erst dann setzten sich die christlichen Schiffe als ecclesia militans zum Schutz der Bedrängten in Bewegung. Nach der Schlacht wurde das Geschehen in zahlreichen bildlichen Darstellungen gedeutet. Paolo Veronese malte die Jungfrau Maria, die den Sieg der Christenheit segnet. Im Dogenpalast verewigte Andrea Vicentino die Schlacht als Triumph der venezianischen Republik. Sie beging den 7. Oktober künftig als Staatsfeiertag. Für Philipp II. von Spanien entwarf der Genueser Luca Cambiaso Tapisserien, die den Erfolg der spanischen Flotte unter Führung seines Halbbruders feierten.

Ganz Europa feierte die Befreiung von der osmanischen Bedrohung

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In Rom aber verkündete Pius V. den Sieg mit den Worten der Schrift: „Fuit homo missus a deo, cui nomen est Joannes“. Dann verfügte er, den 7. Oktober künftig als Rosenkranzfest zu begehen und das Rosenkranzgebet um das „Ave Maria“ zu ergänzen. Schließlich erteilte der Papst noch kurz vor seinem Tod Giorgio Vasari den Auftrag für ein Gemälde des Sieges von Lepanto in der Sala Regia des Vatikans. Pius V. wurde 1712 zur Ehre der Altäre erhoben und bleibt bis heute Schutzpatron der Glaubenskongregation. Lange Zeit hatte der Seesieg im Golf von Patras für die Gläubigen nördlich der Alpen nur eine geringe Rolle gespielt. Aber die Heiligsprechung und die zeitgleichen militärischen Erfolge Prinz Eugens auf dem Balkan führten zu einem erstaunlichen Popularitätsschub.

Die Türkengefahr schien dauerhaft gebannt und die Katholiken des Reiches deuteten nun den Tag von Lepanto als den Beginn ihrer eigenen Befreiung von gefährlicher Bedrohung. Barocke Altargemälde und Deckenfresken verherrlichten den dank päpstlicher Autorität und militärischer Macht errungenen Sieg. Eine solche durch die Fülle der Sinne gestärkte Glaubensgewissheit wird heute als Volksfrömmigkeit abgetan und dem Geist unserer Zeit ist die Freude über die erfolgreiche Abwehr existenzieller Gefahr fremd. So wurde im italienischen Parlament ein Gemälde der Schlacht entfernt, um muslimische Besucher nicht zu verärgern. In Regensburg, dem Geburtsort Don Juans, wird die Beseitigung seines als islamophob bezeichneten Denkmals diskutiert. Selbst das Nachdenken über den geschichtsprägenden Gegensatz von Christentum und Islam wirkt auf viele befremdlich, wie die kritischen Reaktionen auf die Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. im Jahre 2006 zeigten.

Auch die moderne Kunst erinnert noch an Lepanto

Aber die Erinnerung an Lepanto ist nicht völlig verschwunden. Immerhin wurde 2017 die Neuausgabe von Hartlaubs Dissertation in deutschen Feuilletons zur Kenntnis genommen. Und in der zeitgenössischen Kunst spiegelt zumindest ein bedeutendes Werk Schrecken und Schönheit des historischen Tages. Als am 11. September 2001 über 3 000 Menschen einem Terrorangriff zum Opfer fielen, war auf der Biennale in Venedig Cy Twomblys Lepanto-Zyklus zu sehen. Mit ihm führte der in Italien lebende amerikanische Künstler eine Tradition fort, die mit Namen wie Veronese oder Vasari verbunden bleibt. Heute hängt Twomblys Alterswerk im Lepanto-Saal des Museums Brandhorst in München. Das letzte Bild des Zyklus vermittelt jenseits des Grauens die Empfindung von Ruhe und Frieden. Der Betrachter ahnt, warum der 7. Oktober 1571 für den Dichter des „Don Quijote“ der glücklichste Tag seines Lebens war.

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