Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Taylor-Swift-Gottesdienste

Das Evangelium nach Taylor Swift

Zwei „Taylor-Swift-Gottesdienste“ in der Heidelberger Heiliggeistkirche besingen das politische Christentum des Megastars. Kann das gutgehen?
Taylor-Swift-Gottesdienst in der Heiliggeistkirche in Heidelberg
Foto: IMAGO/Thomas Lohnes (www.imago-images.de) | „Uns geht es nicht darum, Taylor Swift heilig zu sprechen.“ Die Veranstalter hätten bewusst den Titel „Anti Hero“ für den Gottesdienst gewählt, meint Pfarrer Petrarca.

Eine Schlange hat sich vor der Heiliggeistkirche in der Heidelberger Innenstadt gebildet. Flankiert von vier Polizisten sind es Mütter und Kinder und kleine Gruppen junger Erwachsener, die sich vom kleinen Seiteneingang fast bis zur Eingangstür des gegenüberliegenden historischen Restaurants „Zum Ritter“ ziehen. Ein Standschild neben der Tür verrät, was die Menschenmenge in die Kirche zieht: Superstar Taylor Swift, auf dem Foto zu sehen mit wuscheligen Locken, die weinroten Lippen leicht geöffnet, die Füße in hohen Leoparden-Stilettos. Ein starrer, gedankenverlorener Blick ist es, den sie in die Besucherschar wirft. Es muss ein ungewohnter Anblick sein: junge Menschen, die anstehen, um die Heiliggeistkirche zu betreten.

Lesen Sie auch:

Am diesem Maisonntag findet in der evangelischen Kirche ein „Taylor-Swift-Gottesdienst“ statt. Vorab ging die Veranstaltung in den sozialen Medien viral – sie ist ausgebucht. „Mein Ziel ist es, Menschen anzusprechen, die sonst nicht in die Kirche gehen“, so der Pfarrer der Gemeinde, Vincenzo Petracca, gegenüber dieser Zeitung. „Ich hätte gern, dass Menschen, die zu den Swift-Gottesdiensten gekommen sind, danach im Herzen berührt herausgehen und in der Seele vielleicht ein bisschen Engelsstaub mit nach Hause nehmen.“ Die Droge mit dem gleichen Namen meine er damit aber nicht, sondern etwas, das einem Kraft gebe und tief berühre – „etwas Magisches, etwas Himmlisches“.

Popmusik in einer Kirche - funktioniert das?

„Sie wollte kommen“, erklärt eine Mutter in der Schlange mit Blick auf ihre jugendliche Tochter, die noch einen halbvollen Bubble-Tea in der Hand hält. „Wir hatten vor Kurzem Konfirmation, und sind deshalb noch etwas näher dran“, sagt sie erklärend. Vier Mädchen in Taylor-Swift-T-Shirts tauschen vor der Kirche etwas schüchtern Freundschaftsbändchen aus; eine Konzert-Tradition der „Swifties“. 

In der Kirche, unter den hohen Spitzbögen, kollidiert die leise aufkeimende Festivalatmosphäre mit den Assoziationen von Schulgottesdiensten und -konzerten. Die Gesichter der jüngeren Gäste sind vorsichtig besorgt; fast als würden sie sich selbst die Frage stellen, ob man sie unter falschen Voraussetzungen in die Kirche gelockt hätte. Popmusik in einem Gotteshaus: Die Befürchtung, dass die nächste Stunde eher peinlich als cool wird, hängt spürbar in der Luft. 

Obwohl die Gottesdienste ausgebucht waren, sind am Ende noch viele Plätze frei. Laut einer Sprecherin der Gemeinde gab es im Vorfeld Drohungen von Evangelikalen, die Taylor Swift für dämonisch halten: „Wir wissen nicht, ob Gegner des Gottesdienstes vielleicht Reservierungen blockiert haben.“ Möglich, dass das Ausbleiben der Gäste auch daran liegt, dass der Besuch des Gottesdienstes kostenlos ist. „Da machen viele eine Reservierung und entscheiden sich dann später um“, so die Sprecherin. 

Von Taylor Swift zu Dietrich Bonhoeffer

Vor der etwas ausgedünnten Gemeinde geht der Gottesdienst mit Swifts LGBTQ-Hymne „You Need To Calm Down“ in die erste Runde. Pfarrer Petracca lädt dazu ein, zu dem basslastigen Stück „zur Ruhe zu kommen“ und „den Moment aufmerksam zu genießen“. Einige wippen mit den Fußspitzen im Takt und formen den Text des Donald-Trump-Disstracks mit den Lippen mit. Es folgt ein Gebet und eine Lesung aus dem 1. Korintherbrief mit dem berühmten Lob auf die Liebe: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf“, tönt es durch die Kirche. Swift, so Petracca, singe viel über die Liebe. Die, so der Pfarrer, bekennende Christin, setze sich mit Liedern wie „You Need To Calm Down“ für Toleranz und Liebe ein. „Da sind wir als Heiliggeistkirche ganz bei ihr!“ Spontaner Applaus.

Dass Swift regelmäßig den Unmut radikaler Fans gegen ehemalige Liebhaber verursacht, kommt nicht zur Sprache. Auf die Frage, ob es angesichts der Glorifizierung von emotionaler und möglicherweise auch physischer Untreue im neuesten Swift-Album angemessen sei, Swifts Lebensstil als christlich darzustellen, erklärt Petracca, dass auch Jesus sich Ehebrechern zugewandt hatte. „Auch Luther hatte sehr dunkle Seiten“, so der Pfarrer. Ob es nicht einen Unterschied mache, ob man Dunkles in der Vergangenheit habe oder es in eigenen Texten glorifiziere? „Natürlich macht das einen Unterschied. Aber wir glorifizieren ja nicht Taylor Swift.“ 

Swift verstehe das Christentum politisch, erklärt der Pfarrer. So konterte sie auch die Kritik an den Emissionen ihres Privat-Jets, indem sie diese mit CO2-Zertifikaten kompensierte. Viele Umweltschützer kritisieren dieses System als eine Art ökologischen „Ablassbrief“, weil die Zertifikate den Schaden nicht wettmachen – und sehen das Prinzip von CO2-Zertifikaten auch als Zeichen finanzieller Ungleichheit. Pfarrer Petracca entgegnet: „Uns geht es nicht darum, Taylor Swift heilig zu sprechen.“ Die Veranstalter hätten bewusst den Titel „Anti Hero“ für den Gottesdienst gewählt. „Sie hat dunkle Seiten und singt sogar ein ganzes Lied darüber“. Das Thema Geld und Christentum sei sehr herausfordernd. Die Anfrage Jesu, eher gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel, ergehe an jeden von uns. 

„Anti Hero“ ist das zweite Lied im Gottesdienst. Dem voraus geht eine deutsche Übersetzung des Textes, der wie die Pauluslesung mit sanfter Klavierbegleitung von Petracca vorgelesen wird. Laut klingen die Worte „Manchmal glaube ich, dass jeder ein Sexy Baby ist“, durch das Kirchenschiff – betretenes Lächeln macht sich breit. Das Motiv des Zweifelns am eigenen Selbstbild wird mit einem Gebet von Dietrich Bonhoeffer weitergeführt, das der Lyriker und Pfarrer im Konzentrationslager verfasste. Der Kontrast hängt unausgesprochen in der Luft. 

Pfarrer Petracca glaubt an die Christin Taylor Swift

Mit dem Lied „Christmas Must Be Something More“ greifen die Veranstalter siebzehn Jahre zurück, als die 18-jährige Taylor Swift, die damals mit blonden Locken und dickem Nashville-Akzent die Country-Sängerin gab, ein Weihnachtslied schrieb, in dem sie Jesus Christus als Retter der Menschen bezeichnet. Petracca ist fest überzeugt, dass Swift auch heute noch Christin ist: 2019 erklärte sie, dass sie am Krankenbett ihrer Mutter, die an Krebs litt, zu Jesus betete. „Ich glaube, da war man ganz nah bei ihrer Seele“, so Petracca. Er ist überzeugt: „Da lügt sie uns nicht an.“ 

Das Verhältnis von Image und dem Menschen dahinter sei ein Grundproblem der Popkultur. Taylor Swift habe aber gerade deshalb so eine Anziehungskraft auf Jüngere, weil sie Authentizität vermittle. „Obwohl sie eigentlich der Megastar ist, haben die Swifties das Gefühl, sie ist eine von uns. Sie könnte meine Freundin sein.“ 

Etwas zögerlich stehen die jungen „Swifties“ am Abschluss des Gottesdienstes auf, um das Vaterunser zu beten – und zu tanzen. Sie werden eingeladen, zu Swifts größtem Hit „Shake It Off“ alles abzuschütteln. Es sind eher Frauen mittleren Alters, die von dieser Einladung Gebrauch machen. Sind die Teenager in ihren T-Shirts in dem stillen Wunsch hergekommen, sich ihrer „Freundin“ Taylor Swift nahe zu fühlen, die, trotz aller vermittelten Authentizität mit ihren Liedern Geld verdient, ihr Image poliert, Wände aus Bodyguards und Reichtum errichtet? Hinter der Band und den schaukelnden Besuchern verschwindet der Altar mit der aufgeschlagenen Bibel und dem kleinen, goldenen Kruzifix beinahe.

Im Juni, kündigt der Dekan der Evangelischen Kirchen in Heidelberg Christof Ellsiepen an, findet ein „Urban Dance Battle“ in der Kirche statt. „Unser Ziel ist es, den physischen und spirituellen Raum der Kirche zu öffnen und zu entgrenzen“, so Ellsiepen. Wo da Christusbegegnung stattfinde? Der Dekan verweist darauf, dass vor dem Battle ein Gottesdienst geplant sei. Der nächste Pop-Gottesdienst soll im September stattfinden; mitfinanziert von den Besuchern des Swift-Gottesdienstes, die fleißig die Kollektenkörbe füllen. „Möge euch ein Engel zuflüstern: ,Shake It Off“, beendet Petracca seinen Segen, und die Band legt sich ins Zeug. Und wenig später verschmelzen die Gottesdienstbesucher bereits wieder mit den sonnenhungrigen Massen auf der Straße, vielleicht nicht jeder mit Engelsstaub, dafür mit dem ein oder anderen Ohrwurm.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sally-Jo Durney Dietrich Bonhoeffer Evangelische Kirche Evangelium Jesus Christus Konfirmation Pfarrer und Pastoren Taylor Swift Weihnachtslieder

Weitere Artikel

„Glaubensfilme": Carl Theodor Dreyers „Das Wort“ (1955) beschreibt den Niedergang des skandinavischen Protestantismus – und endet mit einem Wunder.
30.08.2023, 09 Uhr
Uwe Wolff

Kirche

Über Franken und Maulbronn nach Cîteaux: In den jahrhundertealten Fußstapfen der Zisterzienser erschließt der neue paneuropäische Wanderweg Cisterscapes faszinierende Kulturlandschaften .
25.05.2024, 18 Uhr
Wolfgang Hugo
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hofft auf Ständige Vertretung des Papstes in Peking. Franziskus beteuert Staats-Loyalität der chinesischen Katholiken.
25.05.2024, 12 Uhr
Giulio Nova
Ein Bild zeigt mehr als tausend Worte: Dieses Bildnis des großen Kirchenlehrers Thomas weist den Weg zu den zentralen Leitmotiven seines Denkens.
25.05.2024, 19 Uhr
Hanns-Gregor Nissing