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Taylor Swifts neues Album: Ein um sich selbst kreisender Megastar

„The Tortured Poets Department“ ist ein Doppelalbum voller Trennungsschmerz - und viel zu selbstbezogen geraten.
Taylor Swifts neues Album „The Tortured Poets Department“ kommt nicht an frühere Spitzenveröffentlichungen der Songwriterin heran.
Foto: IMAGO/Amy McKeon (www.imago-images.de) | Zu viel Selbstbezogenheit: Taylor Swifts neues Album „The Tortured Poets Department“ kommt nicht an frühere Spitzenveröffentlichungen der Songwriterin heran.

Man könnte zynisch sein und sagen, dass die Auszeichnung des „Time“-Magazins als „Person des Jahres 2023“ und ein nicht abbrechender Strang an Rekorden, Würdigungen und Lobreden Taylor Swift zu Kopf gestiegen sind. 

So sehr, dass ihr neues Album „The Tortured Poets Department“ sich mit nichts anderem beschäftigt als mit ihrer kollabierten Beziehung zu Langzeit-Muse Joe Alwyn und einer überraschenden und unheilvollen Affäre mit „The 1975“-Frontmann und Provokateur Matty Healy – und dem US-Megastar mit ihrem Nachfolger des mit dem Grammy als „bestes Album des Jahres“ ausgezeichneten „Midnights“ lediglich ein äußerst selbstbezogenes und letztendlich enttäuschendes Doppel-Album gelungen ist.

Swift bedient sich am eigenen Boulevard-Material

Warum eine kurze Einführung in Swifts Liebesleben essenziell ist, um das neue Album des Megastars verstehen zu können, ist Swift selbst geschuldet: Offensichtlicher als je zuvor nimmt sie direkten Bezug auf Personen in ihrem direkten Umfeld. Seien sie namentlich genannt, wie Jack Antonoff, ihr Produzent und langjähriger Freund, oder mittels kaum verhohlener Metaphern. Joe Alwyn spricht Swift mit seiner Heimatstadt „London“ an, Healy codiert sie entweder mit Drogen, Zigarettenrauch oder Hemd und Krawatte, seiner bevorzugten Uniform. Der mal mehr, mal weniger verfremdete Bezug auf ihr Privatleben inklusive ihrer Beziehungen gehört zwar zu Swifts Stil wie ihr roter Lippenstift. Doch „TTPD“ ist das erste Album, in der es exklusiv um ihre Gefühle durch zwei komplexe Trennungen geht – und den insgesamt 31 Liedern damit eine kurze Haltbarkeit und geringe Attraktivität für Nicht-Fans beschert.

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Swift, deren konkurrenzlose Produktivität viele neidlos besingen, kredenzt ihren Hörern bei Veröffentlichung des Albums statt den angekündigten 16 Liedern fast doppelt so viele Tracks – ein geheimes Doppelalbum mit dem Untertitel „The Anthology“. Die eine Hälfte, produziert von Jack Antonoff, führt den poppigen, synth-betonten Klang von „Midnights“ weiter, kontrastieren Vulnerabilität und polierte Raffinesse, die allerdings hinter der Varietät und Originalität des vorigen Albums zurückbleibt. In der zweiten Hälfte kommt Swifts zweitbeliebtester Produzent, Aaron Dessner, zum Zug; dessen Vorliebe für Indie-Sound und intrikatere Melodien dem Album guttun und an die goldene Ära der Pandemie-Alben „folklore“ und „evermore“ erinnern. Hier sind die ersten musikalischen Ausreißer des Albums: „The Albatross“ sticht positiv heraus, wobei auch hier Originalität nicht an erster Stelle steht. 

Musikalisch und erzählerisch unoriginell 

Generell fällt „TTPD“ hinter andere Alben zurück, was die klangliche Unterscheidbarkeit angeht – viele Lieder klingen, anders als frühere Alben der Sängerin, so ähnlich, dass einzelne Zeilen austauschbar sind. Der Effekt wird dadurch verstärkt, dass fast alle Lieder ähnliche Narrative verfolgen: Denn „TTPD“ erzählt, wie Swift, gefangen in einer Beziehung von sechs Jahren mit Schauspieler Joe Alwyn, der, wie sie in ihren Liedern impliziert, sich nicht zu einer festeren Bindung in Form zum Beispiel der Heirat hinreißen ließ, sich kurzerhand in eine Affäre mit Sänger Matty Healy stürzt, den sie bereits 2014 datete, und dessen anrüchig-skandalträchtiger Ruf Swift eine Menge negative Presse einbrachte. Healy überschüttet sie nun mit Versprechungen von einer Zukunft mit Kindern, schwört ihr Liebe und dass er jetzt, fast zehn Jahre später ein besserer Mann sei. Weil die Trennung von Swift und Healy schon längst öffentlich geworden ist,  haben die Lieder, die ihre Obsession mit Healy dokumentieren, den Zug einer modernen griechischen Tragödie, in der Swift sich selbst die Rolle der tragischen Heroine zuschreibt.

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Die Trennung von Alwyn hingegen wird überraschend kurz abgehandelt, mit Erklärungen zum langsamen Tod einer Beziehung, an der Swift sich nach eigener Aussage abarbeitet, bis sie nicht mehr konnte. Doch Verse wie „this happens once in a lifetime/these chemicals hit me like white wine“ (deutsch: Das hier passiert nur einmal im Leben/ diese Chemie treffen mich wie Weißwein“) in „The Alchemy“, die sich wohl auf ihre aktuelle Beziehung mit NFL-Star Travis Kelce beziehen sollen, schmecken leer, nachdem die große Liebe ihres Lebens, die Swift in Alben von 2016 bis 2022 besingt,  in „TTPD“ als eine Art rechtfertigende Fußnote daherkommt und eine unkluge und kurzlebige Affäre mit einem voraussehbar instabilen Ex stattdessen das Album thematisch dominiert: Vielleicht auch, weil Swift, immer sensibel für die Meinung ihres globalen Publikums, die Kritik an diese Affäre vergleichbar betrifft wie das langsame Absterben einer müde gewordenen Beziehung. 

Leer und unglaubwürdig

Swifts Fähigkeit, Großes in kurze Verse zu verpacken und mit genau der richtigen Emotionalität stimmlich zu präsentieren, ist ungebrochen. Aber selbst Swift-Fans stoßen angesichts der ichbezogenen, kühl-fremdelnden, sich selbst überschätzenden Taylor, die ihnen in den „TTPD“-Liedern gegenübertritt, an ihre Grenzen. Denn Swift bot in ihren früheren Alben trotz düsterer Grundfarben stets ein Gegenprogramm, das sich an etwas Überzeitliches richtete: Auf Freundschaft, nicht nur auf Gefühlen gegründete Liebe; fiktive und historische Perspektiven, die das Leben in der aktuellen Krise erträglicher machen und mit Sinn füllen.

Diese Perspektive fehlt „TTPD“. Dabei geht es nicht nur darum, dass ein deprimierender Grundton nach 31 Liedern dem Hörer an die Substanz geht. Swifts Liebes- und Leiderklärungen wirken in „TTPD“ leer und unglaubwürdig; vielleicht eine notwendige Folge, wenn sie nachdem der erste Verflossene ihnen entwachsen ist, sie dem zweiten zugeschneidert werden; oder der, der bis heute das Subjekt ihrer Treueschwüre war, durch einen zweifelhaften Nebenkandidaten ersetzt wird. 

Das einzige, was auf „TTPD“ authentisch erscheint, ist Taylors Schmerz – doch diesem Schmerz fehlt jedes kathartische Potenzial.

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Sally-Jo Durney Kunstkritik/Rezension Skandale und Affären Taylor Swift

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