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Taylor Swift bringt die „Eras Tour“ in Kinosäle und Wohnzimmer

Der rekordträchtige Konzertfilm vereint exzellente Performances mit den stärksten Geschichten aus Swifts Karriere.
Pop-Star Taylor Swift auf der „Eras Tour“: Seit Dezember gibt es den Film zum Konzert auch auf Amazon.
Foto: Shanna Madison (TNS via ZUMA Press Wire) | Pop-Star Taylor Swift auf der „Eras Tour“: Seit Dezember gibt es den Film zum Konzert auch auf Amazon.

Ein kleines Erdbeben mit 2,3 auf der Richter-Skala – kaum spürbar, aber messbar – erschütterte Seattle. Denn Taylor Swift war mit ihrer „Eras Tour“ in der Stadt, und bewegte wortwörtlich die Erde. Die Tournee, die Landesoberhäupter und Politiker wie Kanadas PremierministerJustin Trudeau auch gerne in ihren Ländern sehen wollen (immerhin hat die Tour die US-Wirtschaft um rund fünf Milliarden US-Dollar angekurbelt), hat Swift jetzt auch auf die Leinwand gebannt. Vorbei an den großen Filmstudios Amerikas machte Swift einen eigenen Deal direkt mit der Kinokette AMC, die in Deutschland die „IMAX“- und „LUXE“-Kinos betreibt. 250 Millionen US-Dollar spielte der Film an Kinokassen auf der ganzen Welt ein: Ein weiterer bahnbrechender Erfolg für Swift, die im Jahr 2023 vom „Time“-Magazin zur Person des Jahres gekürt wurde.

Rechtzeitig zu Weihnachten, genau genommen zu Swifts Geburtstag am 13. Dezember, kam der Film als Stream in die Amazon-Prime-Streamingbibliothek; für satte 16 Euro lässt sich der dreistündige Film aber nur ausleihen. Aber es ist das Phänomen wert. Der Film zeigt die Schokoladenseite der Tour, der die Schlagzeilen im Krisenjahr 2023 deutlich bunter machte, als sie es sonst gewesen wären. Swift hat die sieben „Äras“, in der sie ihre siebzehnjährige Karriere nach ihren Alben unterteilt hat, visuell so deutlich voneinander abgetrennt, wie sich die Äras musikalisch unterscheiden. Dabei setzt Swift auf sich selbst. Anstatt zu versuchen, mit den „alten“ Hits zu brechen, verpasst sie ihnen ein subtiles Facelift, lässt sich aber sonst ganz darauf ein, wieder in die Hits ihrer eigenen Jugend zu schlüpfen. Es hat etwas von einer Zeitmaschine, wenn Swift nach dem „Fearless“, ursprünglich von 2008, mit den Händen ein Herz formt und sich damit, wie schon vor 15 Jahren, stumm beim Publikum bedankt.

Mehr als Nostalgie

Aber es ist nicht nur Nostalgie, das die Tour antreibt. Swift gelingt es, jedes Lied durch ihr authentisches Songwriting, gepaart mit ihrer erprobten Bühnenpräsenz und der ausgeklügelten Performance in ein starke Geschichte zu verwandeln.  „Enchanted“, ein Lied von 2010, wird zur vollkommenen Geschichte über eine unerwartete Liebe auf den ersten Blick – Swift schwebt in einem ausladenden Ballkleid über die Bühne, und hält auch mit 33 Jahren, den Gefühlsüberschwang nicht zurück, den sie dem Song schon als 21-Jährige verliehen hat. Swift erzählt davon genauso ernsthaft, wie sie das Lied „Tolerate It“ von 2021 inszeniert: Dort reflektiert eine hingebungsvolle Frau über ihren Mann, der sie nicht mehr beachtet, über ihre innere Not und spielt mit dem Gedanken, ihn endlich zu verlassen. Das Stück treibt die „Eras Tour“ vielleicht auf ihren anspruchsvollsten Punkt hin. Das Lied ist wie ein Theaterstück inszeniert: Swift deckt einen Esszimmertisch, poliert Teller, bevor sie ein Geschirrstück nach dem anderen von der Tischplatte stößt.

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Neben der Liebe geht es immer auch um Swifts Kampf um ihre Karriere und um ihr Image. Sei es im girlboss-feministisch daherkommenden „The Man“, im intim-dramatischen „My Tears Ricochet“, oder im rebellisch-hitzigen „Look What You Made Me Do“, Swift bedient jeden Aspekt der Erzählung von der Heldin, die in Ungnade fällt, sich zurückzieht, reflektiert, und dann kompromisslos zurückkehrt, sich neu erfindet, wieder aufersteht, und schließlich dafür ihren Erfolg erntet, während die Schmäher das Nachsagen haben: Der Abschlusssong der Tour heißt „Karma“ - und ist der folgerichte Ausgang für die selbsterfüllende Prophezeiung des Taylor-Swift-Jahres 2023.

Swift hat sich stimmlich vorbereitet

Die „Eras Tour“ ist ein Fest für Augen und Ohren. Swift wirft sich für die Tour in sechzehn unterschiedliche Kostüme, von dem juwelenbesetzten Bodysuit von Versace in Farbübergängen von pastellrosa, gold und blau, bis hin zu weich fallenden bohemischen Kleidern, in denen Swift die Waldfee gibt. Keine einzige Pause durchtrennt das Steigen und Fallen aufwändiger Bühnenbilder hinter der Kulisse – von einer moosbewachsenen Blockhütte bis zu einer Reihe von Glaskästen, in denen Tänzer in Swifts berühmtesten Looks performen. Swifts Choreographien waren schon immer ausgeklügelt, jetzt kommt noch hinzu, dass die Sängerin offensichtlich seit ihrer letzten Tour 2018 an ihrer Stimme gearbeitet hat – laut eigener Aussage hat sie täglich auf dem Laufband jedes Lied gesungen.

Die Tontechnik vermischt Backing-Tracks so glatt mit Swifts Live-Gesang, dass Swift ihre Stimme beim Tanzen schonen und dafür an den wichtigen gesanglichen Momenten glänzen kann: Mit guten, spürbar emotionalen Live-Vocals. Ihre Akustik-Sets, bei denen Swift bei jedem Konzert zwei oder drei andere Lieder aus ihrem Repertoire zieht, beweisen, dass Swift zwar nicht das größte Gesangstalent der letzten hundert Jahre ist, aber es ihr trotzdem gelingt, ein Stadion mit Tausenden Gästen in eine Art riesiges Wohnzimmerkonzert zu verwandeln.

Der dreistündige Konzertfilm ist im Wohnzimmer natürlich nicht vergleichbar mit der Stimmung in einer Konzerthalle oder sogar einem Kino, wo Fans miteinander singen, tanzen und die „Eras Tour“ zu einer echten „experience“ wird. Weil das zuhause fehlt, wird der Film zur Mitte etwas langatmig, auch wenn es qualitativ kein wirkliches Absacken gibt, und die verschiedenen Äras regelmäßig für Ablenkung sorgen. Für Fans, die leer bei dem Kampf um die heiß begehrten Konzert-Tickets ausgegangen sind, ist es  eine gute Alternative, und die 16 Euro sicher wert, um sich das „Eras Tour“-Feeling nach Hause zu holen. 

Mehr darüber, warum Taylor Swift zur „Person des Jahres“ 2023 gekürt wurde, lesen Sie in der kommenden Ausgabe der „Tagespost“.

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